Elektro-Desaster in den USA: Volkswagens radikaler Todesstoß für den ID.4
Es ist eine Kapitulation vor der Realität des US-Marktes, die in Wolfsburg für schmerzhafte Erschütterungen sorgt. Volkswagen stellt die Produktion des ID.4 in seinem einzigen US-Werk in Chattanooga, Tennessee, ab Mitte April 2026 komplett ein. Was einst als Speerspitze der globalen Elektro-Offensive gefeiert wurde, endet in den Vereinigten Staaten vorerst als gigantischer Fehlschlag. Statt leiser Surrgeräusche dominieren bald wieder die satten Klänge massiver Verbrennungsmotoren die Werkshallen.
VW reagiert damit auf eine toxische Mischung aus politischem Kurswechsel und totaler Verweigerung der US-Konsumenten. Im Mittelpunkt der neuen Strategie steht der Atlas der zweiten Generation – ein wuchtiges Verbrenner-SUV, das in der vergangenen Woche in New York vorgestellt wurde. Während die Welt über Klimaziele diskutiert, setzt Volkswagen in Amerika auf das, was Geld bringt: große, durstige Benziner. Der Atlas ist das zweitmeistverkaufte Modell der Marke in den USA, und seine Produktion soll bereits in diesem Sommer anlaufen.
Trumps Kahlschlag trifft das Herz der E-Mobilität
Der Absturz des ID.4 ist untrennbar mit der radikalen Kehrtwende im Weißen Haus verbunden. Präsident Donald Trump hat zum Oktober vergangenen Jahres die staatlichen Kaufanreize für Elektroautos, die noch unter seinem Vorgänger Joe Biden im Rahmen des „Inflation Reduction Act“ eingeführt worden waren, ersatzlos gestrichen. Der Wegfall der 7500-Dollar-Prämie wirkte wie ein Giftpfeil für den Absatz. Die Zahlen sprechen eine vernichtende Sprache: Im vierten Quartal des vergangenen Jahres brach der Marktanteil von E-Autos in den USA auf mickrige 5,8 Prozent ein – ein Rückfall auf das Niveau von 2022.
„Das Werk in Chattanooga war und bleibt ein Eckpfeiler der Strategie von Volkswagen in den Vereinigten Staaten“, beteuert Kjell Gruner, Präsident und Geschäftsführer von VW in den USA, in gewohntem Manager-Sprech. Doch hinter den Kulissen herrscht Alarmstimmung. Dass man das Werk nun auf „langfristigen Erfolg“ ausrichten wolle, bedeutet im Klartext: Man baut das, was die Amerikaner ohne Subventionen kaufen wollen. Und das ist derzeit alles, nur kein reiner Stromer.
Die Analyse der Marktforscher von Cox Automotive ist für VW besonders bitter. Zwar verkaufte der Konzern im vergangenen Jahr noch rund 22.000 Einheiten des ID.4, doch dies war laut Experten ein reiner Vorzieheffekt. Die Kunden kauften panisch, bevor die Prämie auslief. In den letzten drei Monaten des Jahres verkauften die Wolfsburger nur noch wenige Hundert Fahrzeuge. Der ID.4, der in Europa die Verkaufslisten anführt, ist in den USA zum Ladenhüter mutiert. Die aktuellen Lagerbestände sind so gewaltig, dass VW davon ausgeht, die Nachfrage bis weit in das Jahr 2027 decken zu können – ohne ein einziges neues Auto produzieren zu müssen.
Ein ganzer Sektor flüchtet zurück zum Verbrenner
Volkswagen steht mit diesem Rückzug nicht allein. Ein Beben erschüttert die gesamte US-Automobilindustrie. Nahezu alle großen Hersteller korrigieren ihre Ambitionen massiv nach unten. Ford lieferte Ende 2025 das wohl deutlichste Signal des Scheiterns und schrieb sage und schreibe 19,5 Milliarden Dollar auf seine Elektrosparte ab. Prestigeprojekte wie der F150 Lightning wurden gestrichen oder auf unbestimmte Zeit verschoben. Der Trend in den USA geht weg vom „All-Electric“-Traum hin zu Hybriden und hochprofitablen Verbrennungsmotoren.
In Chattanooga kommt für VW eine weitere Komplikation hinzu: Die Belegschaft ist so schlagkräftig wie nie zuvor. Im April 2024 trat die Belegschaft der mächtigen Autogewerkschaft UAW bei. Erst vor wenigen Wochen erkämpfte die Gewerkschaft einen Tarifvertrag mit Lohnsteigerungen von rund 20 Prozent. VW steht nun vor der Herausforderung, die Produktion radikal umzubauen, während die Personalkosten explodieren. Der Konzern verspricht zwar, die Stundenlöhner in der Atlas-Produktion unterzubringen, bietet aber gleichzeitig Frühverrentungsprogramme an – ein deutliches Zeichen für einen Personalabbau auf Raten.
Die strategische Neuausrichtung in den USA offenbart die tiefe Kluft zwischen den globalen Märkten. Während Europa weiterhin mit regulatorischem Druck in Richtung E-Auto gedrängt wird, zeigt der US-Markt unter Trump dem Stromer die kalte Schulter. VW prüft nun Modelle, die „speziell auf die Bedürfnisse der US-Verbraucher“ zugeschnitten sind. Das bedeutet in der Praxis: Größer, schwerer, lauter.
Die Pointe dieses industriellen Dramas ist so schlicht wie schmerzhaft: Der ID.4 sollte Volkswagens globaler Weltwagen werden, das elektrische Pendant zum Golf. In Tennessee ist er vorerst nur das Symbol einer milliardenschweren Fehlinvestition, die am harten Beton der amerikanischen Realität zerschellt ist.


