Zwischen Klimaneutralität und Krisenfestigkeit: Die Zukunft der Energieversorgung
Die Diskussionen auf dem DWT-Kongress zeigen: Resilienz wird zum zentralen Kriterium bei der Planung von Energieversorgungssystemen – sowohl für militärische Liegenschaften als auch für Industrie und Gewerbe.

29. Mai 2026, 17:50 Uhr · Quelle: Pressebox
Experten erläutern, wie militärische Resilienzanforderungen zivile Energieversorgung beeinflussen.

Berlin, 29.05.2026 (PresseBox) -  

Resilienz verändert die Bewertungsmaßstäbe moderner Energieversorgung

Nach dem Kongress „Energieversorgung der Bundeswehr sichern und resilient gestalten“ ,veranstaltet diese Woche in Bonn durch die Deutsche Gesellschaft für Wehrtechnik e. V., sprachen wir mit Dr. Gregor Wrobel, Geschäftsführer des GFaI e. V. und Dr. Stefan Kirschbaum, Bereichsleiter Energiesysteme des GFaI e. V. über aktuelle Herausforderungen resilienter Energieversorgungssysteme. Beide gehören zu den Miterfindern von TOP-Energy, eine der führenden Softwarelösungen zur Modellierung und Optimierung industrieller Energiesysteme.

Im Interview erläutern sie, welche Erkenntnisse aus militärischen Energieversorgungssystemen auch für zivile Infrastrukturen relevant sind und welche Bedeutung das klimapolitische Zieldreieck aus Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit und Klimaneutralität für militärische Liegenschaften hat.

Warum war die Teilnahme am Kongress für TOP-Energy interessant?

Dr. Wrobel: „Über einen Workshop der Zuse-Gemeinschaft sind wir auf die Veranstaltung aufmerksam geworden. Viele der dort diskutierten Fragestellungen beschäftigen uns im Kontext von TOP-Energy bereits seit Jahren. Gerade resiliente Energieversorgungssysteme lassen sich heute kaum noch rein wirtschaftlich bewerten. Themen wie Versorgungssicherheit, Autarkie oder Notstromversorgung verändern die Anforderungen erheblich. Die Gespräche auf dem Kongress haben klar gezeigt, welche Bedeutung diese Themen insbesondere im militärischen Umfeld haben.“

Wodurch unterscheiden sich militärische Energieversorgungssysteme von klassischen Industrieanwendungen?

Dr. Kirschbaum: „Bundeswehrliegenschaften müssen auch unter kritischen Bedingungen funktionsfähig bleiben. Dadurch verändern sich die Bewertungsmaßstäbe erkennbar. Systeme, die unter rein wirtschaftlichen Kriterien häufig ausscheiden würden, können plötzlich relevant werden, wenn Versorgungssicherheit, Durchhaltefähigkeit und Brennstofflogistik mitbetrachtet werden. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Klimaneutralität und Resilienz keineswegs Gegensätze sein müssen. Viele Technologien, die Versorgungssicherheit und Autarkie erhöhen, unterstützen gleichzeitig auch eine klimaneutrale Energieversorgung.“

Welche praktischen Herausforderungen ergeben sich bei der Energieversorgung militärischer Liegenschaften?

Dr. Kirschbaum: „Militärische Standorte unterliegen häufig besonderen Randbedingungen. Windkraftanlagen sind aufgrund der Radarstörungen an manchen Standorten beispielsweise nur eingeschränkt oder gar nicht umsetzbar. Gleichzeitig stehen häufig große Freiflächen für Photovoltaik zur Verfügung. Hinzu kommt, dass viele Standorte vergleichsweise abgeschieden liegen und die Anbindung an bestehende Infrastruktur oft mit hohen Kosten verbunden ist. Daher stehen redundante Versorgungswege oder unterschiedliche Energieträger oft nur eingeschränkt zur Verfügung. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Brennstofflogistik. In Krisensituationen muss nicht nur die Energieversorgung selbst funktionieren, auch die Versorgung mit Brennstoffen wird Teil der Resilienzbetrachtung.“

Viele der diskutierten Themen wirken zunächst sehr militärisch geprägt. Warum sind Resilienz und Versorgungssicherheit aus Ihrer Sicht auch für Wirtschaft und Gesellschaft relevant?

Dr. Wrobel: „Die vergangenen Jahre haben sehr klar gezeigt, dass Resilienz und Krisensicherheit längst keine rein militärischen Themen mehr sind. Der Krieg in der Ukraine, die Schließung globaler Transportwege und Angriffe auf kritische Infrastruktur haben vor Augen geführt, wie abhängig moderne Gesellschaften von stabilen Energie- und Lieferketten sind und wie verwundbar unsere Versorgungssysteme sind. Diese Abhängigkeiten haben wir auch ganz konkret erlebt. Unser Standort in Berlin-Adlershof war im September 2025 bei einem größeren Stromausfall rund 60 Stunden vom Stromnetz getrennt. Solche Erfahrungen verändern den Blick auf Energieversorgung grundlegend. Wirtschaftlichkeit bleibt wichtig, sie darf aber nicht der einzige Bewertungsmaßstab sein. Unsere Berechnungen einzelner militärischer Use-Cases haben gezeigt, dass insbesondere der Wunsch nach Autarkie und Dekarbonisierung zu ähnlichen Investitionsentscheidungen führen. Diese Erkenntnis sollte auch in der Planung ziviler Energiesysteme mehr Beachtung finden.“

Welche Aspekte militärischer Resilienzbetrachtungen sind aus Ihrer Sicht auch für zivile Energieversorgung relevant?

Dr. Wrobel: „Militärische Systeme werden konsequent darauf ausgelegt, auch unter kritischen Bedingungen funktionsfähig zu bleiben. Genau diese Perspektive wird aus meiner Sicht auch für zivile Infrastrukturen zunehmend wichtig. Resilienz bedeutet dabei, kritische Infrastrukturen so auszulegen, dass sie auch bei Störungen oder Krisen handlungsfähig bleiben und strategische Abhängigkeiten möglichst geringgehalten werden. Dadurch wird die Bewertung moderner Energieversorgungssysteme deutlich komplexer. Neben der Wirtschaftlichkeit sollten auch bei zivilen Anwendungen in Industrie und Gewerbe Aspekte wie Schwarzstartfähigkeit (die Fähigkeit einer Anlage, nach einem vollständigen Stromausfall ohne externe Energieversorgung wieder anzufahren) oder die Möglichkeit eines Inselbetriebs berücksichtigt werden.“

Warum stoßen klassische Planungsansätze bei modernen Energieversorgungssystemen zunehmend an ihre Grenzen?

Dr. Kirschbaum: „Moderne Energieversorgungssysteme bestehen heute aus einer Vielzahl gekoppelter Technologien und Randbedingungen. Wirtschaftlichkeit, Resilienz, Klimaneutralität und Versorgungssicherheit sind teilweise gegenläufig und führen zu komplexen Wechselwirkungen. Solche Systeme lassen sich nicht mehr allein auf Basis einzelner Kennzahlen bewerten. Genau hier werden Simulationen und digitale Zwillinge entscheidend. Mit TOP-Energy können unterschiedliche Versorgungsszenarien transparent und nachvollziehbar analysiert werden. Entscheidend ist dabei nicht die isolierte Betrachtung einzelner Technologien, sondern die systemische Bewertung komplexer Zusammenhänge und Zielkonflikte. Gerade bei kritischen Infrastrukturen ist die Nachvollziehbarkeit und Reproduzierbarkeit von Entscheidungen von zentraler Bedeutung.“

Was ist Ihre wichtigste Erkenntnis aus der Veranstaltung?

Dr. Kirschbaum: „Die Vorträge und Gespräche haben gezeigt, dass die Planung militärischer Energiesysteme anderen Zielkriterien folgt als klassische zivile Anwendungen. Zudem wurde deutlich, wie entscheidend eine ausreichend hohe Zeitauflösung, die Betrachtung vieler Szenarien und belastbare Simulationen für die Bewertung solcher Systeme sind. Genau dafür werden Werkzeuge wie TOP-Energy zunehmend wichtig.“

Dr. Wrobel: „Eine resiliente Energieversorgung wird aus meiner Sicht zu einer der zentralen strategischen Herausforderungen der kommenden Jahre. Dafür müssen wir uns wieder stärker auf robuste Infrastrukturen, eigene Stärken und geringere strategische Abhängigkeiten besinnen und jetzt ins Handeln kommen.“

Als Fazit des Kongresses wird deutlich: Die Anforderungen an moderne Energieversorgungssysteme verändern sich grundlegend. Neben Wirtschaftlichkeit und Klimaneutralität gewinnen Resilienz, Versorgungssicherheit und strategische Unabhängigkeit zunehmend an Bedeutung. Für die Planung zukünftiger Energiesysteme wird es daher entscheidend sein, diese Ziele ganzheitlich zu betrachten und mit belastbaren Simulationen fundierte Entscheidungen zu treffen.

Energie- / Umwelttechnik / Resilienz / Bundeswehr / Energieversorgung / Klimaneutralität / TOP-Energy
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