Trade Republics stille Dominanz: 10 Millionen Kunden, Brad Pitt – und ein Angreifer, den alle fürchten
Brad Pitt schweigt. Eine Stimme im Off zählt Produktvorteile auf. Günstiger Aktienhandel, zwei Prozent Zinsen auf Einlagen. Der millionenschwere Werbespot von Trade Republic ist so reduziert wie das Produkt selbst — und er illustriert das Selbstbewusstsein eines Unternehmens, das sich seinen Erfolg längst nicht mehr erkämpfen muss, sondern nur noch verwaltet. In Deutschland wurde die Trade-Republic-App allein im vergangenen Jahr 2,7 Millionen Mal heruntergeladen. Die zweitplatzierte App, die der Kryptobörse Crypto.com, kam auf weniger als ein Viertel davon.
Scalable Capital, einst als direkter Konkurrent gehandelt, landet mit 608.000 Downloads weit abgeschlagen. Branchenkenner sprechen offen darüber, dass Scalable Capital beim Wachstum so weit zurückgefallen sei, dass es für Trade Republic keine reale Konkurrenz mehr darstelle.
Die Zahlen sind beeindruckend — und könnten noch geschönt sein
Zehn Millionen Kunden führen offiziell ein Konto bei Trade Republic. Scalable Capital kommt auf 1,5 Millionen. Der Abstand ist keine Lücke mehr, er ist eine Kluft. Und nach Insiderangaben dürfte die echte Kundenzahl bei Trade Republic noch deutlich höher liegen als kommuniziert. Pro Monat kämen bis zu 300.000 neue Nutzer hinzu.
Die Daten stammen aus einer Auswertung von AppsFlyer, einer führenden Plattform für Marketing-Analysen, deren jüngster Report der WirtschaftsWoche vorab vorlag. AppsFlyer hat die Download-Zahlen verschiedener Investment-Apps für das vergangene Jahr analysiert — und Trade Republic dominiert in nahezu jedem europäischen Markt mit erheblichem Abstand.
In Frankreich, Spanien und Italien zusammen verzeichnete die App weitere 3,5 Millionen Downloads. Allein in diesen vier Ländern summieren sich die Installationen auf 6,2 Millionen. Eine Einschränkung gilt dabei: Downloads sind keine Kunden. Wer die App installiert, muss kein Konto eröffnet haben. Die echte Conversion-Rate bleibt Unternehmensgeheimnis.
Trade Republic will keine Broker-App mehr sein, sondern eine Bank
Die Wachstumszahlen sind beeindruckend — doch Trade Republic selbst scheint mit der Kategorie „Neobroker" zunehmend unzufrieden. Mitgründer Christian Hecker formulierte es gegenüber der WirtschaftsWoche unmissverständlich: „Wir wollen eine der wichtigsten Banken in Europa aufbauen."
Das ist keine bescheidene Aussage. Es ist eine strategische Repositionierung mit weitreichenden Konsequenzen. Als Broker konkurriert Trade Republic mit günstigen Ordergebühren und einfacher Bedienung. Als Bank konkurriert es mit Zinssätzen, Zahlungsverkehr, Kreditprodukten — und betritt damit ein Terrain, auf dem deutlich kapitalstärkere und regulatorisch erfahrenere Gegner warten.
AppsFlyer führt Trade Republic in seiner Erhebung weiterhin in der Kategorie „Investment-Apps". Der Vergleich mit Banken-Apps zeigt, wo die Lücke noch besteht: Die Sparkassen-Apps wurden im gleichen Zeitraum 3,56 Millionen Mal installiert, Revolut 2,57 Millionen Mal. In der Bankenwelt ist Trade Republic noch kein Platzhirsch.
Revolut ist der Angreifer, den die Branche fürchtet
In der Finanzszene ist man sich einig, welcher Name Trade Republic mittelfristig gefährlich werden kann: Revolut. Die britische Neobank zählt weltweit 70 Millionen Kunden — drei Millionen davon in Deutschland. „Wenn Trade Republic einen Angreifer fürchten muss, dann Revolut", sagt ein Insider.
Das Bedrohungspotenzial ist struktureller Natur. Revolut spricht die gleiche digitalaffine Zielgruppe an, besitzt eine breitere Produktpalette im Banking-Bereich und drängt nun seinerseits ins Brokeragegeschäft. Ein Unternehmen, das bereits die Bankbeziehung eines Kunden besitzt, hat beim Einstieg ins Investmentgeschäft einen erheblichen Vorteil: Es braucht keine neue App, kein neues Onboarding, keine neue Vertrauensbeziehung.
Trade Republic hat den umgekehrten Weg gewählt — vom Broker zur Bank. Revolut geht von der Bank zum Broker. Beide stoßen aufeinander zu, und die Begegnung dürfte in den nächsten zwei bis drei Jahren entschieden werden.
Die Sparkassen schlagen zurück — zu einem Euro pro Order
Der zweite Angreifer kommt aus einer Richtung, die Trade Republic vielleicht noch weniger erwartet hat: die Sparkassen. Jahrelang galten die Filialbanken als die Verlierer des Neobroker-Booms — behäbig, teuer, digital rückständig. Dieses Bild stimmt nicht mehr vollständig.
Einzelne Sparkassen-Institute bieten ihren Kunden bereits Aktienhandel zu einem Euro pro Order an — exakt auf dem Preisniveau von Trade Republic. Und die Sparkassen-Apps wurden im vergangenen Jahr häufiger heruntergeladen als Trade Republics eigene App, nämlich 3,56 Millionen Mal.
Das entscheidende Argument der Sparkassen ist nicht der Preis allein. Es ist das Vertrauen. Millionen Deutsche führen ihr Girokonto bei einer Sparkasse — viele seit Jahrzehnten. Wenn dieselbe Institution plötzlich günstigen Aktienhandel anbietet, entfällt für viele potenzielle Anleger die Hürde des Anbieterwechsels. Trade Republic muss aktiv werben, um Neukunden zu gewinnen. Die Sparkassen können einfach ihre Bestandskunden ansprechen.
20 Millionen Kunden bis 2027 — ist das realistisch?
Trotz wachsender Konkurrenz bleiben Branchenbeobachter bullish für Trade Republic. Einige halten es für möglich, dass der Neobroker im nächsten Jahr die Marke von 20 Millionen Kunden überschreiten wird. Bei einem monatlichen Nettozuwachs von bis zu 300.000 Nutzern wäre das rechnerisch erreichbar.
Die eigentliche Frage ist nicht, ob Trade Republic wächst — das tut es mit einer Dynamik, die in Europa ihresgleichen sucht. Die Frage ist, ob der Berliner Fintech-Konzern seinen Vorsprung in eine dauerhafte Bankbeziehung übersetzen kann, bevor Revolut und die Sparkassen die Lücke schließen.
Brad Pitt sitzt schweigend. Trade Republic kann es sich leisten, nicht zu schreien. Noch.


