Corona-Politik

So schauen EU-Länder auf die Impfpflicht

28. Januar 2022, 08:39 Uhr · Quelle: dpa
Impflicht ja oder nein? Darüber hat der Bundestag stundenlang debattiert. Gesundheitsminister Lauterbach sagt: «Wir müssen handeln.» In etlichen anderen EU-Ländern sieht man das deutlich gelassener.

Brüssel/Berlin (dpa) - Ursula von der Leyen wollte eine Debatte über die Corona-Impfpflicht - und bekam die Debatte. Zumindest in Deutschland. Dort hat der Bundestag gerade das Für und Wider einer allgemeinen Impfpflicht abgewogen.

Doch in vielen anderen EU-Ländern - auch mit deutlich geringerer Impfquote - steht diese Diskussion nicht auf der Tagesordnung. Haben die Gegner einer Impfpflicht also Recht? Geht Deutschland einen unnötigen Sonderweg?

Es war Anfang Dezember, als EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen sich in die Debatte einschaltete. Eine Entscheidung über eine Impfpflicht sei zwar Sache der EU-Länder. Doch es sei angemessen, diese Debatte jetzt zu führen. In Deutschland, wo Spitzenpolitiker aller Parteien einen solchen Schritt lange ausgeschlossen hatten, drehte sich der Wind gerade. Steigende Fallzahlen, eine neue Variante und eine ungenügende Impfquote brachten manchen zum Umdenken.

«Wir müssen handeln»

Auch der damals noch designierte Kanzler Olaf Scholz änderte seine Meinung und stellte eine allgemeine Impfpflicht bis spätestens Anfang März in Aussicht. Der Zeitplan ist längst überholt, doch das Ziel des Kanzlers und seines Gesundheitsministers Karl Lauterbach (beide SPD) steht. «Wenn wir das Problem vor uns wegschieben, dann wird das Problem in voller Stärke zurückkommen», sagte Lauterbach im Bundestag. Und: «Wir müssen handeln.»

Ginge es nach der Impfquote und wäre Deutschland der Maßstab, müssten in etlichen EU-Ländern Gesetzesvorschläge für eine allgemeine Impfpflicht auf dem Tisch liegen. In der Bundesrepublik sind rund 74 Prozent der Bürger grundimmunisiert. Damit liegt Deutschland im EU-Vergleich zwar nicht vorn, doch viele Länder rangieren mit weit geringeren Werten dahinter. Schlusslicht ist Bulgarien mit einer Quote von unter 30 Prozent. In Rumänien sind rund 41 Prozent der Bürger grundimmunisiert, in der Slowakei etwa 49 Prozent. Es folgen aufsteigend Kroatien (54), Polen (57) und Slowenien (57).

Kaum Debatten in anderen Ländern

Mit einer allgemeinen Impfpflicht würden diese Quoten wohl deutlich nach oben getrieben. Doch in all diesen Ländern gibt es darüber kaum eine Debatte. In Polen wird diskutiert, die Impfung für medizinisches Personal verpflichtend zu machen - ob das kommt, ist jedoch fraglich. In der Slowakei ist eine Impfpflicht politisch nicht durchsetzbar. Und selbst der Regierungschef von Impf-Schlusslicht Bulgarien, Kiril Petkow, betont stets, mit ihm werde es keine Impfpflicht geben.

Isabelle Marchais forscht am Jacques-Delors-Institut in Paris zur Gesundheitspolitik. Sie hat schon im Dezember 2020 in einem Beitrag darauf hingewiesen, dass in vielen EU-Ländern womöglich eine große Impfskepsis herrscht.

Nun, gut ein Jahr später, verfolgt Marchais die Situation mit großem Interesse. Auch sie nimmt wahr, dass viele Regierungen das Thema meiden - und zwar aus vielerlei Gründen. Marchais verweist unter anderem auf rechtliche Unsicherheiten bei der Umsetzung einer Impfpflicht, zumal die Impfstoffe in der EU bis heute nur eine bedingte Zulassung der zuständigen EU-Behörde erhalten haben. Das bedeutet zwar nicht, dass sie nicht akribisch getestet worden sind und EU-Standards etwa bei Sicherheit, Qualität und Wirksamkeit nicht erfüllen. Doch die Hersteller müssen weitere Daten zu ihren Vakzinen an die Behörde liefern. Zudem gebe es in vielen Ländern eine laute Minderheit der Impfgegner, sagt Marchais. Und dann stellen sich bei einem solchen Eingriff ins Private noch ethische Fragen.

Es gibt gute Argumente

«Die Regierungen sind sehr vorsichtig», sagt Marchais. Dabei gebe es auch gute Argumente für eine allgemeine Impfpflicht - etwa den Schutz besonders gefährdeter Gruppen, die sich aus medizinischen Gründen nicht gegen Covid-19 impfen lassen können.

Einige Länder haben deshalb alters- oder berufsbezogene Regelungen eingeführt. In Italien und Griechenland gibt es eine Impfpflicht für Ältere. In Deutschland müssen Beschäftigte in Einrichtungen mit schutzbedürftigen Menschen wie Kliniken bald nachweisen, dass sie geimpft oder genesen sind. Auch in Ungarn, Frankreich und Finnland gibt es derlei Regelungen.

In Ländern wie Portugal, Spanien, Dänemark oder den Niederlanden steht auch das nicht zur Debatte. Vielmehr kündigte Dänemark gerade an, bald alle Corona-Maßnahmen aufzuheben. Das Land steht beim Impfen deutlich besser da als Deutschland. Die Bevölkerung ab 60 ist fast komplett grundimmunisiert. Ähnlich ist die Lage in Portugal, Irland, Malta und Spanien.

Einzig Österreich ist auf einem ähnlichen Weg wie Deutschland: Dort soll bald eine allgemeine Impfpflicht ab 18 Jahren kommen.

Sind Österreich und Deutschland mit ihren Plänen in der EU also isoliert? Oder werden sie im Laufe der Pandemie noch zu Vorreitern? Marchais hält Vorhersagen für schwierig. Doch falls die Corona-Lage sich wieder stark verschlechtere - etwa mit einer neuen Variante und explodierenden Krankenhaus-Einweisungen - könnten ihrer Meinung nach weitere Staaten nachziehen. Eins steht für Marchais fest: «Die anderen Länder werden die Entwicklung in Deutschland und Österreich genau verfolgen.»

EU / Gesellschaft / Gesundheit / Krankheiten / Wissenschaft / Corona / Covid-19 / Impfung / Europa / Deutschland
28.01.2022 · 08:39 Uhr
[11 Kommentare]
Industrieanlagen (Archiv)
Brüssel - Im Streit um die Umsetzung des Zolldeals zwischen der EU und den USA haben Vertreter aus dem Europaparlament und dem Rat eine Einigung erzielt. Das teilten beide Seiten in der Nacht zu Mittwoch mit. Demnach sollen Zölle auf US-Produkte einseitig abgeschafft werden. Das betrifft unter anderem die europäischen Zölle auf US-Industriewaren wie […] (00)
vor 10 Minuten
500.000 Kollisionen pro Sekunde: KI baut den Beschleuniger der Zukunft
Der geplante Electron-Ion Collider (EIC) am Brookhaven National Laboratory in New York wird der erste Teilchenbeschleuniger der Geschichte sein, der von Anfang an mit Künstlicher Intelligenz entworfen und betrieben werden soll. An früheren Anlagen wie dem Großen Hadronenbeschleuniger am CERN integrierten die Betreiber KI meist erst Jahre nach der Inbetriebnahme. Beim EIC gehört sie zum […] (00)
vor 16 Stunden
Entwicklerkonferenz Google I/O
Mountain View (dpa) - Im Wettlauf der KI-Entwickler setzt Google auf eigene Stärken wie die führende Web-Suchmaschine. So will der Internet-Riese Nutzer noch stärker über die Suche in seine Dienste mit Künstlicher Intelligenz reinholen. Viele der leistungsstärkeren neuen Fähigkeiten der Google-KI Gemini kommen hinter eine Bezahlschranke und sind […] (00)
vor 4 Stunden
Nintendo Direct im Juni? Insider macht Switch 2-Fans Hoffnung
Nintendo könnte schon bald den nächsten großen Blick auf die Zukunft der Switch 2 geben. Laut Insider Jeff Grubb soll bis Mitte Juni 2026 eine neue Nintendo Direct stattfinden. Der Journalist sagte dies während eines „Giant Bomb“-Streams auf Twitch. Einen genauen Termin nannte er nicht. Auch das Format ist noch offen. Es könnte also eine große […] (00)
vor 33 Minuten
«Swapped» bleibt beliebt
Der Animationsfilm erreichte seit seinem Start über 80 Millionen Abrufe. Swapped thront mit 26,4 Millionen Aufrufen an der Spitze der englischen Filmliste. Das animierte Abenteuer feierte bei rekordverdächtiger Nachfrage Premiere und erzielte in den ersten zwei Wochen die höchsten Zuschauerzahlen aller Netflix-Animationsfilme. Seit seinem Start hat es 80,6 Millionen Aufrufe gesammelt. Im […] (00)
vor 6 Stunden
AFC Bournemouth - Manchester City
London (dpa) - Der FC Arsenal ist nach 22 Jahren wieder englischer Fußballmeister. Die Mannschaft um den deutschen Nationalspieler Kai Havertz profitierte davon, dass Verfolger Manchester City beim AFC Bournemouth nicht über ein 1: 1 (0: 1)-Unentschieden hinauskam. Eli Junior Kroupi brachte Bournemouth in der 39. Minute früh in Führung. Der Ausgleich […] (03)
vor 6 Stunden
woman, crypto, bitcoin, digital, currency, coin, blockchain, happy, success, business
Der XRP-Kurs hat seine Verluste ausgeweitet und ist unter die Marke von $1,40 gefallen. Derzeit konsolidiert der Kurs die Verluste und stößt auf Widerstände bei $1,3650 und $1,3940. Der XRP-Kurs begann einen weiteren Rückgang und fiel unter die $1,40-Marke. Der Kurs notiert nun unter $1,3880 und dem 100-Stunden-SMA […] (00)
vor 54 Minuten
Antimon im Blickpunkt der Anleger
Herisau, 19.05.2026 (PresseBox) - Aufgrund der steigenden Nachfrage steigt auch das Interesse an dem seltenen Halbmetall Antimon. Anzeige/Werbung - Dieser Artikel wird verbreitet im Namen von Southern Cross Gold Consolidated Ltd. und GoldMining Inc ., mit der die SRC swiss resource capital AG bezahlte IR-Beraterverträge unterhält. Ersteller:  SRC swiss resource capital AG · Autorin: […] (00)
vor 12 Stunden
 
Microsoft-Filiale (Archiv)
Berlin - Grünen-Fraktionschefin Katharina Dröge fordert, dass Behörden nur noch […] (00)
Schweiz will bei Ausländern für Durchfahrt kassieren
Zürich (dpa) - Wer auf dem Weg in die Ferien Richtung Süden die Schweiz durchquert, […] (02)
Frau mit Kopftuch (Archiv)
Memmingen - Nach dem Übergriff auf eine Moschee in Memmingen warnt der Moscheeverband […] (00)
Hauseinsturz in Görlitz
Görlitz (dpa) - Auch in der zweiten Nacht nach dem dramatischen Hauseinsturz im […] (00)
Carlos Alcaraz
Paris (dpa) - Tennisstar Carlos Alcaraz wird nach den French Open auch das Rasen- […] (00)
Standalone Siri-App für iOS 27 erhält Chat-Löschfunktion
Laut dem bekannten Power On Newsletter von Bloomberg Reporter Mark […] (00)
XBOX Game Pass: Weitere Highlights im Mai
Falls Du noch nicht am Early Access von Forza Horizon 6  teilgenommen hast: Heute […] (00)
Nachhaltige Geldanlage: Wie ESG-Investments die Kapitalanlage revolutionieren
Die ESG-Revolution: Mehr als nur ein Trend Die Investmentlandschaft befindet sich in […] (00)
 
 
Suchbegriff