Spieloffensive: Netflix zündet die nächste Stufe und will die Gaming-Welt erobern
Lange war es nur ein zartes Anhängsel, eine nette Dreingabe für Abonnenten: die Gaming-Sparte von Netflix. Ein digitales Kuriositätenkabinett, in dem man neben hochkarätigen Indie-Perlen wie Moonlighter oder Oxenfree zeitweise sogar die GTA Trilogy finden konnte. Doch diese Phase des vorsichtigen Abtastens, des Eintauchens der Zehenspitzen in das Haifischbecken der Videospielindustrie, scheint nun endgültig vorbei zu sein. Der Streaming-Gigant, der mit über 300 Millionen Abonnenten weltweit die Unterhaltungslandschaft neu definiert hat, bläst zur Großoffensive. Aus den Vorstandsetagen dringen Signale, die auf eine massive Eskalation der Gaming-Ambitionen hindeuten – ein Vorhaben, das die gesamte Branche aufhorchen lässt.
Die Milliarden-Wette auf die Nutzerbindung
Der Startschuss für die neue Ära fiel während einer kürzlichen Telefonkonferenz zu den Geschäftszahlen. Dort sprach Co-CEO und Präsident Gregory K. Peters Klartext und verkündete, man plane, die Investitionen in Netflix Gaming deutlich „hochzufahren“. Der Grund für diese strategische Neuausrichtung ist ebenso simpel wie genial: Die bisherigen, im Vergleich zum Content-Budget für Serien und Filme eher „geringen Investitionen“ in Spiele hätten sich bereits als „positiver Faktor“ erwiesen. Peters‘ Kalkül ist glasklar: Ein verbessertes und erweitertes Spieleangebot soll die Nutzerbindung an die Plattform zementieren. Es geht darum, den Abonnenten mehr Gründe zu geben, im Netflix-Kosmos zu verweilen – auch dann, wenn sie gerade keine Serie bingen.
Synergien, Lizenzen und ein Umbau an der Spitze
Dieser Vorstoß geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern ist Teil einer perfekt orchestrierten Strategie zur Schaffung eines allumfassenden Entertainment-Universums. Netflix nutzt seine Zugkraft bereits, um Fans mit lizenzierten Spielen zu seinen größten Hits zu versorgen – von Stranger Things über Squid Game bis hin zu Das Damengambit. Gleichzeitig werden Videospiel-Marken wie Assassin’s Creed zu aufwendigen Live-Action-Serien adaptiert. Es ist eine Straße, die in beide Richtungen führt. Dass diese neue Offensive mit personellen Umwälzungen einhergeht, unterstreicht ihre Ernsthaftigkeit. Während der Architekt des bisherigen Gaming-Vorstoßes, Mike Verdu, das Unternehmen im März verließ, wurde mit dem ehemaligen Ubisoft- und EA-Veteranen Alain Tascan bereits im letzten Jahr ein neuer, erfahrener General für die Gaming-Sparte rekrutiert.
Die stille Revolution
Während die Konkurrenz noch rätselt, welche konkreten Schritte folgen werden – die Ankündigung blieb bewusst vage –, vollzieht Netflix eine stille Revolution. Der Abgang beliebter Titel wie Hades oder Monument Valley im Juli könnte ein Vorbote dafür sein, dass man sich künftig stärker auf exklusive, selbst produzierte oder eng lizenzierten Content konzentrieren will. Netflix ist nicht mehr nur der Verleihservice für DVDs von gestern, sondern ein globaler Kultur-Moloch. Die Frage ist nicht mehr, ob Netflix im Gaming mitmischen will, sondern wie dominant ihre Rolle am Ende sein wird. Die Würfel sind gefallen, die Investitionen werden hochgefahren – das Spiel hat gerade erst begonnen.


