Gaddafi reagiert mit Feuerpause auf drohenden Nato-Schlag

18. März 2011, 22:50 Uhr · Quelle: dpa

New York/Tripolis (dpa) - Schicksalsstunden in Libyen. Nach der vom UN-Sicherheitsrat verfügten Flugverbotszone in Libyen hat Außenminister Mussa Kussa nur Stunden später in Tripolis eine sofortige Waffenruhe verkündet.

Offen blieb zunächst, ob Machthaber Muammar al-Gaddafi mit einer Waffenruhe nur auf Zeit spielt. Am Abend kamen widersprüchliche Meldungen aus dem nordafrikanischen Land. Der arabische Nachrichtensender Al-Dschasira berichtete unter Berufung auf die Führung der Aufständischen, die Regierungstruppen seien weiter vorgerückt und stünden bereits 50 Kilometer westlich von Bengasi. Die Stadt gilt als Hochburg der Rebellen.

Der stellvertretende libysche Außenminister Chalid Kaim betonte dagegen in einer vom TV-Sender CNN übertragenen Pressekonferenz in Tripolis, die vorgerückten Regierungstruppen würden nicht in Bengasi einmarschieren. «Wir haben nicht die Absicht, in Bengasi einzurücken», sagte Kaim. Die gesamte libysche Luftwaffe habe schon seit zwei Tagen keine Einsätze mehr geflogen. Die Regierung lade internationale Beobachter ins Land, um die Einhaltung der Feuerpause zu überwachen. Ausdrücklich erwähnte Kaim dabei Deutschland, Malta, China und die Türkei.

Deutschland enthielt sich bei der UN-Resolution und will sich nicht direkt an Kämpfen in Nordafrika beteiligen. Stattdessen will Deutschland die Verbündeten in Afghanistan durch Einsätze in Awacs-Aufklärungsflugzeugen unterstützen.

Bei der Nato liefen umgehend Vorbereitungen zum Militäreinsatz in dem nordafrikanischen Land an. Mehrere Staats- und Regierungschefs wollen sich an diesem Samstag in Paris zu einem Libyen-Gipfel treffen, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel.

In einem von den USA, Großbritannien, Frankreich und arabischen Ländern gestellten letzten Ultimatum wird Gaddafi aufgefordert, seine Truppen abzuziehen und alle Angriffe auf Zivilisten einzustellen. Die Bevölkerung müsse Zugang zu humanitärer Hilfe erhalten. «Das ist nicht verhandelbar», heißt es in einer am Abend verbreiteten Erklärung des Élysée-Palastes in Paris.

Der Diktator habe die Wahl, in seinem Kampf gegen die Rebellen sofort die Waffen ruhen zu lassen und all seine Truppen zurückzuziehen, sagte US-Präsident Barack Obama am Abend. Zugleich machte Obama klar, keine Bodentruppen nach Libyen entsenden zu wollen. Die USA würden auch keine Alleingänge unternehmen, sondern nur als Teil einer internationalen Gemeinschaft handeln.

Die USA würden die Weltgemeinschaft bei Durchsetzung einer Flugverbotszone über Libyen unterstützen. Das US-Militär würde dabei seine «speziellen Fähigkeiten» zur Verfügung stellen, sagte Obama weiter. Er habe Verteidigungsminister Robert Gates angewiesen, die Koordination in Zusammenarbeit mit den Alliierten zu übernehmen.

«Wir werden nicht auf Worte reagieren und uns nicht von ihnen beeindrucken lassen», sagte US-Außenministerin Hillary Clinton, die ebenfalls am Libyen-Gipfel in Paris teilnehmen will. «Wir müssen Taten sehen.»

Nicht ausgeschlossen wurde, dass Frankreich, das sich vehement für die UN-Resolution eingesetzt hatte, die führende Rolle in der Überwachung der Flugverbotszone übernimmt. In seinen Bemühungen um Beilegung der Krise in Nordafrika berief Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy überraschend den Libyen-Gipfel ein.

An dem Treffen in Paris am Samstag sollen neben Kanzlerin Merkel auch die Regierungschefs von Großbritannien, Italien, Spanien, Portugal, Dänemark und Belgien teilnehmen. Dazu wurden Vertreter der Arabischen Liga sowie der Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabiens erwartet. Alles stehe bereit, das Treffen werde entscheidend sein, sagte der französische Außenminister Alain Juppé.

Die Kanzlerin verteidigte die Enthaltung Deutschlands bei der Entscheidung des UN-Sicherheitsrats. Sie glaube, dass eine Luftoperation über Libyen «nicht hundertprozentig durchdacht» sei, sagte Merkel nach Teilnehmerangaben in einer Libyen-Sondersitzung der Unionsfraktion. «Wir wünschen unseren Bündnispartnern viel Erfolg, weil wir die gleichen politischen Ziele verfolgen. Aber wir sind halt anderer Ansicht, was die Erfolgsaussichten des Einsatzes angeht», wurde sie zitiert.

Die Bundesregierung erwägt aber, die Nato an anderer Stelle zu entlasten. «Worüber wir mit der Nato im Gespräch sind, das ist die Frage, ob wir im Rahmen der Gesamtbelastung der Nato Aufgaben übernehmen könnten zum Beispiel im Bereich von Awacs in Afghanistan», sagte Merkel.

Libyens Außenminister hatte am frühen Nachmittag die sofortige Einstellung aller Kampfhandlungen verkündet. Libyen sei bereit zum Dialog, sagte der Minister, ohne Details zu nennen.

In Brüssel erörterten die Nato-Botschafter die Lage. Es sollten Planungen für «alle Eventualitäten» vorangetrieben werden, berichtete eine Nato-Sprecherin. Zunächst konnten sich die Diplomaten nicht auf ein Mandat für den Einsatz von Militär einigen. Es zeichne sich aber ab, dass die Nato bereit sein werde, das vom UN-Sicherheitsrat genehmigte Flugverbot über Libyen durchzusetzen, hieß es in Brüssel.

Als eines der ersten Länder außerhalb des Bündnisses kündigte das Emirat Katar seine Teilnahme an. Auch Kanada wollte sich an der Aktion beteiligen. Unklar blieb vorerst die Rolle anderer arabischer oder afrikanischer Staaten wie des libyschen Nachbarlandes Ägypten.

Als Stützpunkte für den Militäreinsatz boten sich zunächst die Nato-Flugplätze auf der französischen Mittelmeerinsel Korsika an, ebenso der große Nato-Stützpunkt bei Souda auf der griechischen Mittelmeerinsel Kreta. Von dort beträgt die Flugzeit in Richtung Libyen knapp 20 Minuten.

Spanien bot der Nato die Nutzung seiner Luftwaffenstützpunkte Rota und Morón im Süden das Landes an. Zu einer Nutzung italienischer Militärflughäfen lag zunächst keine Stellungnahme aus Rom vor.

Die Aufständischen hatten den UN-Beschluss in der Nacht zum Freitag in den von ihnen kontrollierten Städten gefeiert. Die Truppen Gaddafis starteten kurz darauf trotz der angekündigten Feuerpause neue Angriffe auf die von den Regimegegnern kontrollierte Stadt Misurata. Dort starben nach Informationen des Senders BBC mindestens 26 Menschen, 83 weitere wurden verwundet.

Nach der vom Sicherheitsrat verabschiedeten Resolution gibt es nicht nur ein Flugverbot über dem nordafrikanischen Land, um die Zivilisten vor der Luftwaffe Gaddafis zu schützen. Erlaubt ist militärisch fast alles - bis auf Bodentruppen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon begrüßte das Votum als eine «historische Entscheidung».

Links zum Thema
EU-Erklärung
Unruhen / UN / Libyen
18.03.2011 · 22:50 Uhr
[19 Kommentare]
Außenminister Lawrow zu Besuch in Ungarn
Brüssel/Budapest (dpa) - Die mutmaßliche Weitergabe von EU-internen Informationen durch Ungarn an Russland sorgt in Brüssel für Empörung. Eine Sprecherin der EU-Kommission von Ursula von der Leyen bezeichnete es am Montag als «äußerst besorgniserregend», dass der ungarische Außenminister seinem russischen Amtskollegen vertrauliche Beratungen auf […] (00)
vor 3 Minuten
Alex Warren befürchtete, seine Karriere sei vorbei, nachdem er bei den Grammy Awards aufgetreten war.
(BANG) - Alex Warren befürchtete, seine Karriere sei vorbei, nachdem er bei den Grammy Awards aufgetreten war. Der 25-jährige Sänger hatte während seines Auftritts bei der jüngsten Preisverleihung mit technischen Problemen zu kämpfen. Alex gab deshalb später zu, dass er um seine Zukunft in der Musikindustrie fürchtete. "Ich war wirklich überrascht, wie […] (00)
vor 1 Stunde
Pornografie im Internet
Berlin (dpa) - Die Grünen-Politikerin Ricarda Lang hat gemeinsam mit anderen prominenten Frauen einen Forderungskatalog gegen sexualisierte digitale Gewalt aufgestellt. Kern ist, die Erstellung und Verbreitung sogenannter sexualisierter Deepfakes unter Strafe zu stellen und sogenannte Nudify-Apps zu verbieten, mit denen solche gefälschten Sexbilder […] (00)
vor 21 Minuten
Crimson Desert: So funktioniert der Handel mit Waren – Tipps zum Kaufen, Verkaufen und Produzieren
Crimson Desert steckt voller Systeme, die sich beim ersten Hinsehen nicht sofort erschließen – und das Handelssystem gehört definitiv dazu. Wer Kliff nicht nur als Kämpfer, sondern auch als cleveren Kaufmann durch die Welt steuern möchte, kommt am Warenhandel nicht vorbei. Doch bevor die erste Lieferung abgewickelt werden kann, gilt es, ein paar […] (00)
vor 2 Stunden
Rege-Jean Page hat darauf bestanden, dass Rom-Coms nicht 'tot' seien.
(BANG) - Rege-Jean Page hat darauf bestanden, dass Rom-Coms nicht "tot" seien. Der ehemalige Bridgerton-Star (38) tritt im neuen Film 'You, Me Tuscany' an der Seite von Halle Bailey auf und erklärte, die Dreharbeiten zur romantischen Komödie in Italien sei eine "Freude" gewesen. Er ist stolz, Teil davon zu sein und glaub keineswegs, dass das Genre kurz […] (00)
vor 1 Stunde
Nils-Ole Book
Dortmund (dpa) - Auf der Suche nach einem Nachfolger für Sportdirektor Sebastian Kehl soll sich Borussia Dortmund auf Elversbergs Sportvorstand Nils-Ole Book geeinigt haben. Das berichten Sky und der «Kicker». Demnach seien die Gespräche mit dem 40-Jährigen bereits weit fortgeschritten. Nun müssten sich die Vereine noch einigen.  Die «Bild» hatte zuvor […] (01)
vor 1 Stunde
woman, crypto, bitcoin, digital, currency, coin, blockchain, happy, success, business
Die Kryptowährungsmärkte reagieren häufig auf bedeutende globale Entwicklungen, und die jüngsten Ereignisse haben dies erneut bestätigt. Bitcoin erlebte einen rasanten Anstieg um $3.000 innerhalb weniger Minuten, nachdem Donald Trump verkündet hatte, dass er und sein Team erfolgreiche Gespräche mit den iranischen Führern geführt hätten. Dabei […] (00)
vor 29 Minuten
Herzinfarkt unter 50? Blutfette beachten und Lp(a)-Wert bestimmen lassen
Frankfurt am Main, 23.03.2026 (lifePR) - Für die Betroffenen ist es ein Schock: Herzinfarkt – und das mit nicht einmal 50 Jahren. Im Zuge der routinemäßigen Blutuntersuchung wird bei jüngeren Herzinfarktpatient: innen oft festgestellt, dass der Wert eines bestimmten Blutfetts: Lipoprotein(a), kurz Lp(a), stark erhöht ist. Darüber hinaus stellt sich bei […] (00)
vor 1 Stunde
 
Gericht entscheidet über Klage von jüdischem Studenten
Berlin (dpa) - Im Streit darum, ob die Freie Universität Berlin (FU) genug zum Schutz […] (00)
Wie hat das bayerische »Haus ohne Heizung« den ersten kalten Winter überstanden?
Ausgerechnet im Herbst sind die ersten Mieter ins Ingolstädter »Haus ohne Heizung« […] (02)
Tim Klüssendorf (Archiv)
Berlin - Trotz der erneuten Wahlniederlage für seine Partei hat SPD-Generalsekretär […] (01)
Flugzeug kollidiert in New York mit Fahrzeug
New York (dpa) - Dramatischer Zusammenstoß nach der Landung: Bei der Kollision einer […] (05)
Sir Paul McCartney verbesserte seine Freundschaft mit John Lennon, indem sie sich über ihre gemeinsame Liebe zum Backen anfreundeten.
(BANG) - Sir Paul McCartney verbesserte seine Freundschaft mit John Lennon, indem sie […] (00)
Erstes selbstbalancierendes E-Motorrad geht in Serienproduktion
Der schwierigste Part beim Motorradfahren besteht für Einsteiger oft darin, das […] (01)
Angelo Stiller
Herzogenaurach (dpa) - Julian Nagelsmann muss vor den WM-Testspielen in der Schweiz […] (01)
Sonic the Hedgehog 4 enthüllt seinen Titel und bringt zwei Hollywood-Schwergewichte an Bord
Die Sonic-Filmreihe rast weiter auf Hochtouren – und tut das diesmal mit einer […] (00)
 
 
Suchbegriff