Russische Invasion

Experten verurteilen Einsatz von Streumunition in Ukraine

03. März 2022, 06:00 Uhr · Quelle: dpa
Bilder aus ukrainischen Städten zeigen Experten zufolge, dass dort Streumunition eingesetzt wurde. Deren Nutzung gegen dicht besiedelte Wohngebiete ohne militärisches Ziel gilt als Kriegsverbrechen.

Berlin (dpa) - Experten für Konfliktforschung, Menschenrechte und Waffenkunde prangern den Einsatz von Streumunition gegen die ukrainische Bevölkerung an.

Bei Angriffen dieser Art auf ukrainische Städte wurden nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen in den vergangenen Tagen mehrere Menschen getötet, darunter auch Kinder. «Wir müssen uns auf schlimmes Leid einstellen», sagte Simone Wisotzki von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung angesichts der russischen Artillerie, die weiter an die großen Städte heranrückt, der Deutschen Presse-Agentur.

Experten haben kaum Zweifel

Als Streumunition werden Raketen oder Bomben bezeichnet, die noch in der Luft über dem Ziel zerbersten und eine Vielzahl kleiner Sprengkörper freisetzen, die sogenannte Submunition. Diese Mini-Bomben, in etwa so groß wie eine Getränke- oder Spraydose, fallen dann in einem Umkreis von mehreren Dutzend Metern zu Boden. Sie können selbst leicht gepanzerte Fahrzeuge durchschlagen und nicht nur durch ihre Splitterwirkung Menschen in der Nähe tödlich verletzen. Streumunition kann vom Boden aus durch Raketenwerfer abgefeuert, aber auch von Flugzeugen als Bombe abgeworfen werden.

Experten, mit denen die Deutschen Presse-Agentur sprach, lassen kaum einen Zweifel daran, dass in den vergangenen Tagen Streumunition über Charkiw eingesetzt wurde. Die Stadt mit mehr als einer Million Einwohnern ist die zweitgrößte in der Ukraine. Fotos und Videos von Augenzeugen zeigen demnach nicht nur die Einschläge von Streumunition in Wohngebieten der Stadt, sondern auch Munitionsreste, die nicht explodierten.

Auf einem Video einer Überwachungskamera in Charkiw ist zu sehen, wie Streumunition inmitten eines Wohngebietes vor und auf ein mehrstöckiges Gebäude fällt. Die Mini-Bomben zerstören Autos, beschädigen das Gebäude und treffen möglicherweise auch Menschen, die am Rande des Videos zu sehen sind. «Es ist ein ziviles Gebiet, das hier bombardiert wird, und das ist ein Verstoß gegen das Humanitäre Völkerrecht, die Genfer Konventionen», sagte Wisotzki der dpa nach Sichtung der Aufnahmen.

Zu Behauptungen des russischen Verteidigungsministers Sergej Schoigu vom Dienstag, wonach Russland «nur auf militärische Objekte» ziele und «ausschließlich mit hochpräzisen Waffen» arbeite, sagte die Konfliktforscherin Wisotzki: «Streumunition ist keine Präzisionswaffe.»

Auch Kinder unter den Toten

Gefährlich ist diese Art von Munition nicht nur wegen ihrer unmittelbaren Sprengwirkung und den Schrapnellen. Laut Alan Barlow, dem technischen Chefberater der Organisation Conflict Armament Research, detonieren mindestens zehn Prozent der Submunition nicht wie vorgesehen: «Diese Blindgänger bergen eine große Explosionsgefahr für Menschen in der Umgebung, solange sie nicht entschärft werden.» Barlow sagte der dpa, auch er sehe auf Bildern aus Charkow die Überreste von Streumunition.

Streubomben sind in den meisten Ländern der Welt geächtet. 110 Staaten haben bisher das Übereinkommen gegen Streumunition von 2008 ratifiziert, darunter Deutschland. Die Konvention verbietet unter anderem die Herstellung und den Einsatz dieser Art von Munition. Russland und die Ukraine haben den Vertrag jedoch nicht unterzeichnet. Berichten zufolge wurde seit 2014 auch in umkämpften Gebieten im Donbass Streumunition verwendet.

Bereits in den vergangenen Tagen hatten Menschenrechtsorganisationen den aktuellen Einsatz von Streumunition in der Ukraine verurteilt. Amnesty International berichtete von einem Angriff auf einen Kindergarten in der Stadt Ochtyrka, bei dem Streumunition eingesetzt worden sei. Drei Zivilisten seien ums Leben gekommen, darunter ein Kind. Human Rights Watch berichtete davon, dass ein ukrainisches Krankenhaus von Streumunition getroffen worden sei. Es habe vier Tote und zehn Verletzte gegeben, unter ihnen medizinisches Personal.

Das Humanitäre Völkerrecht verbietet es im Grundsatz, Zivilisten und zivile Gebiete zu beschießen. Verstöße gegen das Humanitäre Völkerrecht können als Kriegsverbrechen geahndet werden. Waffen, die wegen ihrer Streuung unterschiedslos Zivilisten und Soldaten treffen können, sollten laut Internationalem Komitee vom Roten Kreuz in Städten nicht verwendet werden.

Konflikte / Krieg / Militär / Waffen / Streumunition / Gewalt / Ukraine / Russland
03.03.2022 · 06:00 Uhr
[5 Kommentare]
Internationales Gedenken an Nawalny - Moskau
Moskau (dpa) - Zwei Jahre nach dem Tod des Kremlgegners Alexej Nawalny haben in Russland und anderen Ländern viele Menschen an den Oppositionsführer erinnert. In Moskau legten Angehörige, darunter seine Mutter, Blumen am Grab auf dem Borissowskoje Friedhof nieder. Trotz teils heftigen Schneefalls und eines von den Behörden verbreiteten Klimas der Angst […] (04)
vor 5 Minuten
Der Markt für E-Zigaretten und Vaping-Produkte boomt. Immer mehr Menschen entdecken die Vielfalt und die technologischen Fortschritte, die das Dampfen zu einer echten Alternative machen. Mit der wachsenden Beliebtheit steigt jedoch auch die Anzahl der Online-Shops, was die Auswahl für Verbraucher zunehmend unübersichtlich macht. Während viele Händler […] (00)
vor 1 Stunde
RFID-Chip in einer Kreditkarte
Berlin (dpa/tmn) - Jemand hält im Gedränge einfach ein Lesegerät an Tasche, Jacke oder Hose, um so Kreditkartendaten zu erbeuten oder gleich Geld abzubuchen. Das ist ein Schreckensszenario, das viele Unternehmen, die Schutz-Geldbörsen oder -Kartenhüllen verkaufen, in ihrer Werbung zeichnen. Tatsächlich gibt es fast keine Bank- oder Bezahlkarten mehr, in […] (00)
vor 25 Minuten
Resident Evil Requiem: Ist DLC schon heimlich in Entwicklung?
Resident Evil Requiem erscheint am 27. Februar 2026 und noch bevor die meisten Menschen das Spiel überhaupt in den Händen gehalten haben, kursieren bereits Berichte über das, was danach kommt. Konkret: Downloadable Content soll laut einem bekannten Insider schon deutlich weiter in der Entwicklung sein, als man es zu diesem Zeitpunkt erwarten würde. […] (00)
vor 27 Minuten
Daniel Kaluuya
(BANG) - Daniel Kaluuya ist in Verhandlungen, um in dem Science-Fiction-Thriller 'Hotel Hotel Hotel Hotel' mitzuspielen. Der 36-jährige 'Get Out'-Star verhandelt laut 'Deadline' über die Hauptrolle in dem kommenden Film von Regisseur Michael Shanks für A24. Dem Medienbericht zufolge handelt 'Hotel Hotel Hotel Hotel' von einem Mann, der aufwacht und […] (00)
vor 1 Stunde
Olympische Winterspiele 2026
Mailand (dpa) - Der Weg zu einer erneuten olympischen Medaille ist für das nur auf dem Papier beste deutsche Eishockey-Team jemals ohne eigenes Zutun geebnet. Vor der Pflichtaufgabe gegen Frankreich in der Viertelfinal-Qualifikation am Dienstag (12.10 Uhr/ARD und Eurosport) offenbaren sich jedoch erhebliche Probleme, die selbst eine völlige Blamage […] (00)
vor 1 Minute
Epstein-Affäre: Durchsuchung nach Ermittlung gegen Jack Lang
Paris (dpa) - Im Zuge der im Fall Epstein eingeleiteten Ermittlungen gegen Frankreichs renommierten früheren Kulturminister Jack Lang hat die Finanzstaatsanwaltschaft Durchsuchungen angeordnet. Unter anderem werde das Pariser Kulturinstitut «Institut du Monde Arabe» (IMA) durchsucht, als dessen Präsident Lang nach Start der Ermittlungen zurückgetreten […] (00)
vor 21 Minuten
Olympia und Rückenschmerzen – Warum so viele Sportler leiden
München/Taufkirchen, 16.02.2026 (lifePR) - Viel öfter noch als mit Kreuzbandrissen haben Olympioniken mit Rückenschmerzen zu kämpfen. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man sich die auftretenden Belastungen in den einzelnen Sportarten mal etwas genauer anschaut. Wer die Olympischen Spiele in Mailand und Cortina im Fernsehen verfolgt, hört fast im […] (00)
vor 1 Stunde
 
Raffinerie PCK in Schwedt (Archiv)
Berlin - Die Bundesregierung arbeitet weiterhin an einer Lösung, um den reibungslosen […] (00)
80 % Emissions-Senkung: Forscher bereiten Essensreste als Flugzeugtreibstoff auf
Was bei Autos funktioniert, ist bei Flugzeugen kaum bis gar nicht sinnvoll: […] (02)
Wunderschöner Winterwald mit schneebedeckten Bäumen unter einem klaren blauen Himmel.
Niederschläge bei dichter Bewölkung in der Nacht und tagsüber In der Nacht zum […] (02)
Bundeskanzleramt (Archiv)
Berlin - Angesichts der vielstimmigen Debatte über Reformen verlangt die […] (00)
Max Verstappen
Sakhir (dpa) - Max Verstappen lachte noch kurz auf und fällte dann ein vernichtendes […] (00)
Viele Leute spielen gerne Slots, sowohl im Internet als auch in richtigen […] (00)
Emerald Fennell
(BANG) - Emerald Fennell hat eingeräumt, dass ihr "durchgeknalltes" 'Zatanna'-Projekt […] (00)
Die Industrieproduktion in der Eurozone hat sich im Dezember etwas besser entwickelt […] (00)
 
 
Suchbegriff