Wien gibt das Monopol beim Online-Glücksspiel auf
Karel Komárek lebt in Luzern. Der tschechische Milliardär hat seinen Konzern Allwyn von einem heimischen Lotteriebetreiber zu einem europäischen Glücksspielriesen umgebaut. Allwyn führt heute die britische Nationallotterie, hält Anteile an der italienischen Lottoitalia und der griechischen OPAP, kontrolliert die tschechische Sazka. Und 59,69 Prozent an der Casinos Austria AG.
Den Rest teilen sich der österreichische Staat über die Beteiligungsholding ÖBAG mit 33,24 Prozent, eine Privatstiftung der Familie Melchart, das Hotel Sacher und ein paar kleinere Aktionäre. Casinos Austria betreibt zwölf Spielbanken zwischen Bregenz und Wien, kontrolliert die Österreichischen Lotterien und über deren Tochter win2day das einzige legal lizenzierte Online-Casino Österreichs.
Damit soll nun Schluss sein.
Am 31. März 2026 hat sich die Koalition aus ÖVP, SPÖ und NEOS auf mehrere Online-Glücksspiel-Lizenzen geeinigt. Eine Wende. Vier Monate zuvor hatte die Kronen Zeitung einen Entwurf von Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) leaken können, in dem von Marktöffnung keine Rede war. Härteres Vorgehen gegen den Graumarkt, ja. Lockerung des Monopols, nein. Im März dann das Gegenteil. Was zwischen Dezember und Frühling die Position des Finanzministers gedreht hat, ist offiziell nicht dokumentiert.
Was die Österreichische Vereinigung für Wetten und Glücksspiel (OVWG) seit Jahren fordert, ist nun in Grundzügen Beschluss. Der Branchenverband argumentiert seit Langem, dass neue Casinos in Österreich unter heimischer Aufsicht den Spielerschutz wirksamer durchsetzen würden als ein Monopol, an dem hunderte EU-lizenzierte Plattformen vorbeispielen. Das Argument hatte lange keine politische Strahlkraft. Im Februar 2026 lieferten die Zahlen dazu.
Was die Branchenradar-Studie ausgelöst hat
Andreas Kreutzer hat in diesem Monat eine Analyse für die OVWG vorgelegt. Sein Beratungshaus Kreutzer Fischer & Partner veröffentlicht solche Studien unter dem Markennamen Branchenradar Marktanalyse. Vier Szenarien wurden durchgerechnet, übernommen unter anderem von der APA.
Das Worst-Case-Szenario las sich so. Wenn das Monopol bleibt und die Spielregeln wie im SPÖ-Entwurf weiter verschärft werden, sinkt die Kanalisierungsrate, also der Anteil der Spieler auf legalen Plattformen, bis 2031 auf 27,8 Prozent. Die kumulierten Steuereinnahmen 2026 bis 2031 fallen auf 600 Millionen Euro. Das sind 300 Millionen weniger als beim Fortschreiben der bisherigen Rechtslage.
Im Liberalisierungsszenario mit 15 Lizenzen kommt Branchenradar auf bis zu 1,88 Milliarden Euro Steuereinnahmen über denselben Zeitraum. Mehr als das Dreifache des Worst-Case.
Das ist eine Zahlenreihe, die ein Finanzminister erklären muss.
Christian Piska, Professor für Staats- und Verwaltungsrecht an der Universität Wien, hat dem Wirtschaftsmagazin trend gegenüber benannt, was Juristen schon länger schreiben. Der Staat ist im aktuellen System gleichzeitig Lizenzgeber, Aufsichtsbehörde, Steuerempfänger und Mitgesellschafter des Monopolisten. Vier Rollen in einer Hand. Spätestens nach den Ermittlungen rund um die Casag-Affäre wurde diese Konstellation verfassungsrechtlich heikel. Außerhalb Österreichs gibt es ein staatliches Glücksspielmonopol in der EU nur noch in Polen.
Wer sich um die Lizenzen bewirbt
Brightstar, der US-Konzern, der bis vor kurzem unter dem Namen IGT firmierte. Vorstandsmitglied Marco Tasso hat im Kurier eine Bewerbung um die Lotterienlizenz angedeutet, möglicherweise im Konsortium mit der Österreichischen Post. Die Post gehört zu 53 Prozent ebenfalls der ÖBAG. Sollte das Konstrukt zustande kommen, würden zwei staatsnahe Gesellschaften gegeneinander antreten. Komárek dazwischen.
Aus Malta hat die Izi-Group Interesse hinterlegt, was zeitlich pikant kommt. Die EU-Kommission hat im Dezember 2025 ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Malta eingeleitet, das als Hauptlizenzgeber für den DACH-Graumarkt gilt. Wer in Wien eine Konzession bekommen will, muss erklären können, wie sich seine maltesische Vergangenheit zur österreichischen Aufsicht verhält.
Novomatic aus Gumpoldskirchen, vor Jahren noch mit 17 Prozent an Casinos Austria beteiligt, nach den Ibiza-Ermittlungen ausgestiegen, wird sich vermutlich ebenfalls bewerben. Der Konzern setzt rund 3,2 Milliarden Euro im Jahr um und sucht seit Langem nach einem Weg zurück in den heimischen Markt.
Erwin van Lambaart, Generaldirektor von Casinos Austria, will alle bestehenden Konzessionen verteidigen. Im trend hat er im März vor einer Marktöffnung gewarnt. Sie schwäche den Spielerschutz. Das ist die Sicht eines Unternehmens, das vom bestehenden System nicht schlecht lebt. Bilanzgewinn 2024 lag bei knapp 149 Millionen Euro, fast vollständig an die Aktionäre ausgeschüttet. Allwyn bekam davon 72,5 Millionen, die ÖBAG 48,5.
Sperrregister, Limits und ein neuer Schlüssel für die Bundesländer
Die Reform endet nicht beim Lizenzregime. Vorgesehen ist ein zentrales Sperrregister, in das sich Spieler einmal eintragen können, statt sich bei jedem Anbieter einzeln auszuschließen. Hinzu kommt ein altersabhängiges Verlustlimit. Der Verfassungsgerichtshof hatte 2022 die bisher geltenden Grenzen als existenzgefährdend bezeichnet.
Gegen unlizenzierte Anbieter sollen IP- und Payment-Blocking eingesetzt werden. Das Amt für Betrugsbekämpfung erhält die Befugnis, Zahlungen an nicht zugelassene Plattformen zu unterbinden. Wie wirksam solche Sperren in der Praxis sind, weiß niemand mit Sicherheit zu sagen. Die deutsche Erfahrung seit 2021 ist gemischt.
Für die Bundesländer ändert sich die Automatendichte. Künftig ein Gerät pro 1.200 Einwohner. Bisher waren es 600. Die WinWin-Standorte der Österreichischen Lotterien, an denen rund 850 Geräte stehen, laufen mit der bestehenden Konzession aus. Für die Konzessionäre der Landesausspielungen gehen Schätzungen von jährlichen Einnahmenverlusten bis 42 Millionen Euro aus.
In Brüssel läuft die Notifizierung. Drei Monate Stillhaltefrist. Wenn der Beschluss vor der Sommerpause des Nationalrats nicht durchgeht, droht eine Verlängerung der bestehenden Konzessionen um bis zu zwei Jahre.


