Bundesverfassungsgericht

Verfassungsgericht mahnt Politik bei Asyl-Grundleistungen

21. Mai 2026, 15:01 Uhr · Quelle: dpa
Asyl
Foto: Patrick Pleul/dpa
Welche Leistungen Asylbewerber bekommen, ist gesetzlich geregelt. (Archivbild)
1.096 Euro für eine Alleinerziehende aus Eritrea und ihr Kind. Während ein Gericht an der Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz zweifelt, sehen Verfassungshüter das anders. Doch es gibt einen Kritikpunkt.

Karlsruhe (dpa) - Für Asylbewerber und Unterstützer ist diese Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts eine Klatsche: Frühere Regelungen zu Grundleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz seien im Wesentlichen mit dem Grundgesetz vereinbar, entschied der Erste Senat in Karlsruhe. Allerdings gab es Gegenstimmen. Zudem verknüpfte das höchste deutsche Gericht den Beschluss mit einer Mahnung an die Politik.

Um ein menschenwürdiges Existenzminimum zu sichern, müsse der Gesetzgeber die Bedarfe der Hilfebedürftigen zeit- und realitätsgerecht erfassen. Weil hier aus Sicht des Gerichts ohne plausible Gründe zu viel Zeit verstrichen war, erklärte es die Höhe der Grundleistungen im Zeitraum vom 1. September 2018 bis zum 20. August 2019 für unvereinbar mit dem Grundgesetz. Die Regelungen seien jedoch für diesen Zeitraum weiter anwendbar, die Leistungen müssen nicht rückwirkend neu festgesetzt werden.

Die Grundleistungen seien nicht offensichtlich zu niedrig bemessen worden, erklärte das Gericht. Zwar habe es deutliche Unterschiede zu vergleichbaren Leistungen gegeben. «Es ist jedoch nicht erkennbar, dass die gewährten Leistungen die physische Existenz des Menschen, die Möglichkeit zur Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen und ein Mindestmaß an Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben keinesfalls mehr sicherstellen konnten.» Zudem habe der Gesetzgeber den Berechnungsmodus zum September 2019 auf eine aktuellere Grundlage umgestellt. (Az. 1 BvL 5/21)

1.096 Euro für Mutter und Kind

Bei der Prüfung ging es um zwei sogenannte Bedarfsstufen für Menschen, die außerhalb einer Aufnahmeeinrichtung leben in den ersten 15 Monaten des Aufenthalts in Deutschland. Hintergrund ist ein Fall aus Niedersachsen. 

Die Klägerinnen aus Eritrea waren im August 2017 nach Deutschland eingereist und beantragten Asyl, wie das Landessozialgericht Niedersachsen-Bremen in einem Beschluss schreibt. Die 1970 geborene alleinerziehende Mutter und ihre 2011 geborene Tochter hätten weder Einkommen noch Vermögen.

Die beiden bekamen den Angaben zufolge Leistungen in Höhe von 1.096 Euro pro Monat bewilligt, von denen 604 Euro auf die Mutter entfielen. Von den Bedarfssätzen seien jeweils 50 Euro wegen Stromkosten abgezogen worden. 

Aus Sicht des Gerichts waren die Regelungen über die für das Jahr 2018 festgesetzten Geldleistungen nicht mit dem Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums vereinbar, «weil sie nicht nachvollziehbar und sachlich differenziert, also nicht bedarfsgerecht berechnet worden sind». Daher legte es den Fall dem Bundesverfassungsgericht vor. 

Aktuell geltende Regelung im Wesentlichen identisch

Dessen Entscheidung löst Kritik aus. Die Flüchtlingsrechtsorganisation Pro Asyl hält das Asylbewerberleistungsgesetz weiterhin verfassungsrechtlich für höchst fragwürdig. Es habe fünf Jahre gedauert, bis das Verfassungsgericht über die Vorlage aus Niedersachsen entschieden habe, erklärte die rechtspolitische Sprecherin Wiebke Judith. In dieser Zeit habe der Gesetzgeber das Gesetz mehrfach verschärft und den Leistungszeitraum, der in dem aktuellen Fall als noch legitim gesehen wurde, mehr als verdoppelt. 

«Es darf kein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Politik und Verfassungsgericht geben», betonte Judith. «Anstatt mit immer neuen Verschärfungen zu experimentieren und sich darauf auszuruhen, dass Karlsruhe erst Jahre später entscheiden wird, muss die Bundesregierung die einzige eindeutig mit der Menschenwürde zu vereinbarende Entscheidung treffen: Das diskriminierende Asylbewerberleistungsgesetz endlich abschaffen.»

Pro Asyl und der Deutsche Anwaltverein (DAV) hatten schon vorab erklärt, die aufgeworfenen Fragen seien auch heute noch relevant, wenngleich das Asylbewerberleistungsgesetz seit 2018 mehrfach überarbeitet wurde und die damals beanstandeten Passagen seit Jahren nicht mehr gelten.

Keine verschiedenen Ausprägungen der Menschenwürde 

Die beiden Verbände hatten auch in Stellungnahmen an das Bundesverfassungsgericht die Grundlagen bemängelt, auf denen der Grundbedarf für Asylbewerber von Regelbedarfen etwa für Bürgergeld- oder Sozialhilfeempfänger abwich. Der Unterschied hätte aus Sicht von Pro Asyl in einem transparenten Verfahren nachvollziehbar ermittelt werden müssen. 

Der Gesetzgeber habe einseitig Minderbedarfe unterstellt und konstruiert sowie nachvollziehbar begründete und durch empirische Erkenntnisse untermauerte Mehrbedarfe gänzlich ausgeblendet, monierte der DAV. Das Verfassungsgericht habe in seinen bisherigen Entscheidungen betont, «dass es nur eine Menschenwürde gibt und keine verschiedenen Stufen oder Ausprägungen der Menschenwürde je nach Herkunft oder Status», so Pro Asyl.

Jedoch beanstandete das Gericht das Vorgehen des Gesetzgebers im Grunde nicht. Dieser habe Spielraum. «Gesetzgeberische Wertungen können dabei auch an eine mit dem Aufenthaltsstatus verbundene kurze Aufenthaltsdauer knüpfen, wenn sich dies hinreichend begründen lässt», hieß es. So sah es der Senat auch im konkreten Fall. Er monierte nur, dass die Leistungen ab September 2018 nicht mehr auf einer hinreichend aktuellen Datengrundlage beruhten. Dies genüge nicht den verfassungsrechtlichen Anforderungen.

Justiz / Verfassung / Flüchtling / Migration / Soziales / Urteile / Niedersachsen
21.05.2026 · 15:01 Uhr
[0 Kommentare]
Bundestag
Berlin (dpa) - Während der Bundestag in diesem Jahr auf eine Erhöhung der Diäten verzichtet, steigen die Bezüge der Abgeordneten in einigen Landtagen wie geplant. Die Fraktionen von Union und SPD wollen im Bundestag mit einer einmaligen Nullrunde ein Sparsignal in finanziell schwierigen Zeiten senden. In den Ländern ist das Bild dagegen uneinheitlich: […] (00)
vor 4 Stunden
Computer-Nutzer (Archiv)
San Francisco - Das US-Unternehmen Anthropic hat sein neues KI-Modell vorläufig vom Markt genommen. Grund dafür seien Sicherheitsbedenken der US-Behörden, die nur wenige Tage nach der öffentlichen Vorstellung des Programms laut wurden, teilte der Konzern mit. Wie das Unternehmen auf seiner Website schreibt, wurde es angewiesen, ausländischen Nutzern den […] (00)
vor 17 Minuten
Ariana Grande hat das Weiße Haus verurteilt, nachdem ihr Song 'Bye' mit einem ICE-TikTok-Video kombiniert wurde.
(BANG) - Ariana Grande hat Donald Trump scharf kritisiert, nachdem ihr Song 'Bye' als Hintergrundmusik für ein TikTok-Video verwendet wurde, das Festnahmen durch die US-Einwanderungsbehörde ICE zeigte. Der Clip, der am Dienstag (9. Juni) veröffentlicht wurde, zeigte ICE-Beamte dabei, wie sie Menschen festnahmen und ihnen Handschellen anlegten, während […] (05)
vor 11 Stunden
Warner Bros.
Washington (dpa) - Die US-Regierung hat die Übernahme des Hollywood-Urgesteins Warner Brothers durch den Konkurrenten Paramount ohne Auflagen genehmigt. Das Justizministerium kam zu der Einschätzung, dass der Zusammenschluss weder dem Wettbewerb noch US-Verbrauchern schaden werde - sowohl im TV- oder Streaming-Geschäft als auch in der Filmproduktion. […] (00)
vor 5 Stunden
PS4 verliert einen Dienst, den viele wohl nie gesehen haben
Die PlayStation 4 bekommt eine weitere kleine Abschaltung. Diesmal betrifft es aber keinen großen Multiplayer-Hit, keinen Store-Bereich und keine bekannte Apps oder APIs. Sony beendet einen Dienst, von dem viele PS4-Spieler wahrscheinlich nicht einmal wussten, dass er überhaupt noch existiert. Es geht um die Trend Micro Kids Safety- und Web Security- […] (00)
vor 8 Stunden
TF1 zeigt Thriller-Serie «All Her Fault» ab Juli
Sarah Snook spielt die Hauptrolle in der neuen achtteiligen Thriller-Serie «All Her Fault», die ab dem 1. Juli bei TF1 und TF1+ zu sehen sein wird. Der französische Sender TF1 hat den Starttermin für die neue Serie All Her Fault bekannt gegeben. Die achtteilige Produktion basiert auf dem gleichnamigen Bestsellerroman von Andrea Mara und feiert ihre Premiere am Mittwoch, den 1. Juli, um 21.10 […] (00)
vor 1 Stunde
WM 2026 - USA - Paraguay
Inglewood (dpa) - Co-Gastgeber USA ist zum WM-Auftakt gegen Paraguay mit viel Schwung ein überzeugender Auftaktsieg gelungen. Beim 4: 1 (3: 0) in der Arena südlich von Los Angeles sorgte Doppeltorschütze Folarin Balogun (31. Minute/45.+5) nach einem Eigentor von Damian Bobadilla (7.) früh für ausgelassene Stimmung und einen perfekten Einstand.  […] (01)
vor 2 Stunden
Innerhalb weniger Jahre hat sich verschoben, was ein deutsches Auto im Kern ausmacht. Wo früher Hubraum und Verbrauch den Ton angaben, entscheiden heute Reichweite, Ladezeit und die Qualität der Bordsoftware über Erfolg oder Misserfolg. Entsprechend bauen Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz ihre Werke um, stellen Teams neu auf und denken das Fahrzeug von […] (00)
vor 15 Stunden
 
Warnsignal aus New York: Warum selbst Bullen jetzt vor dem Sommer-Crash warnen
Die unbequeme Wahrheit hinter der Marktrally An der Wall Street geschieht derzeit […] (00)
Chinesische E-Autos kommen in die USA – und niemand kann sie aufhalten
Die Mauer bröckelt: Wie chinesische E-Autos die USA infiltrieren Die Vereinigten […] (00)
Eskalation am Persischen Golf: Iran und Israel bringen Waffenstillstand ins Wanken
Drohnen statt Diplomatie: Waffenstillstand bröckelt Der brüchige Waffenstillstand […] (01)
Veronika Grimm (Archiv)
Nürnberg - Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm kritisiert den politischen Kurs der […] (00)
WM 2026 - Kanada - Bosnien-Herzegowina
Toronto (dpa) - Kanada hat sein WM-Trauma auch im siebten Anlauf nicht überwinden […] (01)
Sydney Sweeney
(BANG) - Sydney Sweeney hat Spekulationen über angebliche Spannungen innerhalb der […] (00)
35-Milliarden-Dollar-Schock: Intesa entreißt Rivalen die älteste Bank der Welt
Überraschungscoup: Intesa entreißt der Konkurrenz die Beute Der italienische […] (00)
Colin Farrell
(BANG) - Colin Farrell hat "nicht viel zu tun" bei 'The Batman 2'. Der Penguin- […] (00)
 
 
Suchbegriff