„Super-Optimismus“ während Corona: Shuhei Yoshida über die bittere Realität hinter der Kündigungswelle
Egal ob Epic Games, Behaviour Interactive oder Sony selbst – die Liste der Studios, die massiv Personal abbauen, wird immer länger. Allein bei den Fortnite-Machern von Epic verloren über 1.000 Menschen ihren Job. Doch warum trifft es die Industrie ausgerechnet jetzt so hart, wo Gaming doch scheinbar größer ist als je zuvor?
Die Blase des „Super-Optimismus“
In einem Interview mit Whatculture Gaming liefert Shuhei Yoshida, der die Branche seit dem Start der ersten PlayStation 1994 mitgeprägt hat, eine schonungslose Analyse. Laut Yoshida sind die aktuellen Schließungen und Projekt-Einstellungen das direkte Resultat einer massiven Fehlkalkulation während der COVID-19-Pandemie.
Während der Lockdowns boomte Gaming. Es war die günstigste und einfachste Art, sich zu Hause abzulenken. Viele Firmen und Investoren hielten diesen künstlichen Höhenflug für den neuen Standard. Yoshida nennt das „Super-Optimismus“.
„Die Industrie wuchs so stark, dass Publisher übermäßig viel Personal einstellten und in Projekte investierten, die sie niemals hätten anrühren dürfen“, so Yoshida. Er stellt klar: Das Management sah die Realität nicht. Man glaubte, die Wachstumskurve würde ewig so steil nach oben gehen. Doch als die Welt sich wieder öffnete, flachte die Nachfrage ab und kehrte zum normalen, stetigen Wachstum zurück. Die Folge: Die Firmen saßen auf zu hohen Fixkosten und zu vielen Mitarbeitern für einen Markt, der plötzlich wieder „normal“ funktionierte.
Wer ist Shuhei Yoshida? Ein Urgestein zieht Bilanz
Für alle, die erst später eingestiegen sind: Yoshida ist nicht irgendwer. Er war seit 1993 bei Sony, arbeitete eng mit dem PlayStation-Vater Ken Kutaragi zusammen und leitete jahrelang die World Wide Studios. Später wechselte er in die Indie-Sparte – ein Schritt, der gerüchteweise auf Differenzen mit dem damaligen CEO Jim Ryan zurückzuführen war. Im Januar 2025 verließ Yoshida das Unternehmen endgültig. Sein Wort hat in der Branche Gewicht, da er sowohl die Blockbuster-Produktionen als auch die Nöte kleinerer Entwickler kennt.
Die bittere Liste der Betroffenen
Dass Yoshidas Analyse Hand und Fuß hat, zeigen die jüngsten Ereignisse. In den letzten Monaten wurden zahlreiche Teams dezimiert:
- Epic Games: Über 1.000 Entlassungen aufgrund sinkender Fortnite-Einnahmen.
- Behaviour Interactive: Die „Dead by Daylight“-Macher strichen Stellen.
- Iron Galaxy Studios & Polyarc Games: Auch renommierte Third-Party- und VR-Spezialisten blieben nicht verschont.
Trotz der „wirklich traurigen“ Situation bleibt Yoshida paradoxerweise optimistisch. Er gibt zu bedenken, dass die Mitarbeiterzahlen in der Branche – trotz der Entlassungen – oft immer noch höher liegen als vor dem Pandemie-Boom. Die Firmen seien schlicht in guten Zeiten zu gierig beim Recruiting gewesen.
Wachstum um jeden Preis: Die Quittung für den Größenwahn
Es ist leicht, jetzt mit dem Finger auf die Chefs zu zeigen, aber Yoshida hat einen Punkt: Die Gier nach immer mehr Wachstum hat die Branche blind gemacht. Wir Gamer sehen oft nur das fertige Produkt, aber hinter den Kulissen wurden Milliarden in Projekte gepumpt, die nur auf dem Papier (und unter Pandemie-Bedingungen) funktionierten.
Dass ein Veteran wie Yoshida nun so offen von „Fehlurteilen“ spricht, ist ein deutliches Signal. Es ist die Quittung für eine Ära, in der Quantität vor Nachhaltigkeit ging. Für die betroffenen Entwickler ist das ein Schlag ins Gesicht, für uns Spieler bedeutet es vermutlich: weniger Experimente, mehr Fokus auf sichere Marken. Bleibt zu hoffen, dass die Branche aus diesem „Kater“ nach der Corona-Party lernt, bevor das nächste Mal die Dollarzeichen in den Augen der Investoren aufleuchten.


