Stromversorgung

Stromausfall nach Brand in Umspannwerk - linksextreme Täter?

08. Juni 2026, 16:50 Uhr · Quelle: dpa
Großflächiger Stromausfall in Reutlingen
Foto: Christoph Schmidt/dpa
Aus Sicherheitskreisen heißt es, die Vorgehensweise deute auf linksextremistische Täter hin.
In der Nacht legt ein Feuer die Stromversorgung rund um Reutlingen lahm. Mehrere Brandstellen, ein beschädigter Zaun - was steckt dahinter? Die Polizei sucht fieberhaft nach Antworten.

Reutlingen (dpa) - Der nächtliche Brand in einem Umspannwerk in Reutlingen, der einen großflächigen Stromausfall in der Region auslöste, könnte nach Einschätzung aus Sicherheitskreisen gezielt gelegt worden sein. Die Vorgehensweise deute auf linksextremistische Täter hin und weise Parallelen etwa zu entsprechenden Taten in Berlin auf, erfuhr die Deutsche Presse-Agentur. Hinweise auf einen möglichen Drahtzieher im Ausland gebe es nicht.

«Dem Landesamt für Verfassungsschutz Baden-Württemberg liegen derzeit keine weiterführenden Erkenntnisse zur mutmaßlichen Brandstiftung in Reutlingen vor», teilt eine Sprecherin der Behörde mit. «Bislang wurden noch keine Bekennerschreiben veröffentlicht.» Die Polizei ermittelt in alle Richtungen.

In der Nacht hatte es im Umspannwerk Reutlingen-West gebrannt, so dass dieses ausfiel und eine weitere Anlage in Mitleidenschaft zog. 

Ausgerechnet der Chef der Stadtwerke wird zum Augenzeugen. Er sei um 1.40 Uhr aufgewacht und habe gesehen, dass der Strom weg sei, schildert Jens Balcerek am Vormittag danach. «Ich bin dann auf den Balkon gegangen und hab dann nur filmen können von vier Kilometern Entfernung, wie das Umspannwerk abgebrannt ist.»

Die Folgen: Zehntausende Menschen sind zunächst ohne Strom, auch ein Krankenhaus ist betroffen. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur entstand durch den Brand und den Stromausfall ein Schaden von mehreren Millionen Euro. 

Ursachenforschung auf Hochtouren

Laut dem Netzbetreiber Netze BW gibt es Hinweise auf Brandstiftung. Es seien drei Brandstellen gefunden worden, außerdem seien der Zaun und das Gelände vor der Anlage beschädigt, sagt ein Sprecher am Morgen. 

Bestätigt ist ein Anschlag bislang jedoch nicht. Die Polizei ermittelt. Auch das Landeskriminalamt Baden-Württemberg ist eingebunden. 

«Wir beziehen ein, ob es eventuell ein technischer Defekt sein könnte oder eine Brandlegung, eventuell fahrlässig oder auch vorsätzlich», sagt Tina Rempfer vom Polizeipräsidium Reutlingen. Oberster Schwerpunkt der Spezialisten vor Ort sei die Ursachenforschung. Auch ein Brandmittelspürhund ist auf dem Gelände. Er könnte erschnüffeln, ob Brandbeschleuniger benutzt wurde. 

Auf der Plattform X kursiert ein Video, das den nächtlichen Vorfall zeigen soll - aufgenommen wohl aus einer benachbarten Gemeinde. Zu sehen sind unter anderem Lichtblitze, zu hören sind Explosionsgeräusche.

In der Nacht seien knapp 200 Kräfte der Feuerwehren im Einsatz gewesen, sagt Vize-Feuerwehrchef Matthias Hertler. Am Vormittag seien noch etwa halb so viele Einsatzkräfte mit den Folgen befasst. Der Brand sei seit etwa 5.00 Uhr gelöscht. Gegen 4.45 Uhr sei eine außergewöhnliche Einsatzeinlage ausgerufen worden.

OB Keck: «Das ist eine prekäre Situation»  

Am Morgen sind Teile der Kernstadt wieder mit Strom versorgt, darunter auch das Krankenhaus. Aber diverse Stadtteile und umliegende Gemeinden seien nach wie vor ohne Strom, sagt Oberbürgermeister Thomas Keck (SPD) bei einer Pressekonferenz am Mittag. Darunter seien der größte Stadtbezirk Betzingen mit mehr als 11.000 Einwohnern und der Stadtbezirk Ohmenhausen mit etwa 5.000 Einwohnern sowie ein Industriegebiet. In ganz Reutlingen leben gut 117.000 Menschen. 7.600 Haushalte seien ohne Strom, sagt der Rathauschef bei der Pressekonferenz. Rund 30.000 Menschen seien betroffen. «Das ist eine prekäre Situation», sagt Keck. «Sowas hat man Gott sei Dank nicht alle Tag.»

Am Nachmittag wurden ein großer Teil der Privathaushalte in Betzingen und Ohmenhausen wieder an die Stromversorgung angeschlossen, wie eine Sprecherin der Stadt Reutlingen mitteilte. Auch Schulen und Kindergärten seien dort wieder mit Strom versorgt. «Noch nicht wieder an die Stromversorgung angeschlossen sind die betroffenen Unternehmen in diesem Gebiet. Hier wird mit Hochdruck an einer Lösung gearbeitet.»

Noch ist unklar, wann wieder alle Haushalte mit Strom versorgt werden. Die Behörden rechnen aber wohl nicht allzu bald damit. Für die Nacht solle ein Notfalltreffpunkt eingerichtet werden, sagt Finanz- und Wirtschaftsbürgermeister Roland Wintzen, der den Verwaltungsstab leitet. Dort sollen Menschen zum Beispiel ihr Handy aufladen oder Babynahrung erwärmen können. Ziel sei es, die Einschränkungen für die Menschen so gering wie möglich zu halten.

Für einige Kitas werde für Dienstag eine Notbetreuung organisiert, sagte Wintzen. Informationen dazu sowie zu weiteren Themen gibt es im Laufe des Tages auf den Internetseiten der Stadt.

Netze BW und die Fairnetz GmbH, der Strom- und Gasnetzbetreiber in der Region Reutlingen, teilen sich das Umspannwerk den Angaben nach. Dem Sprecher zufolge leistet Netze BW Amtshilfe beim Wiederaufbau der Stromversorgung. 

Erinnerungen an Berliner Brandanschläge 

Der Vorfall erinnert an zwei mutmaßlich linksextremistische Brandanschläge auf die Stromversorgung in Berlin. Nach dem Anschlag am 9. September 2025 auf zwei Strommasten waren zeitweise rund 50.000 Privathaushalte und rund 2.000 Gewerbebetriebe vom Stromausfall betroffen. Der Ausfall dauerte rund 60 Stunden, erst am Nachmittag des 11. September waren wieder alle Haushalte am Netz. 

Beim zweiten Anschlag am 3. Januar wurden fünf Hoch- und zehn Mittelspannungskabel auf einer Kabelbrücke zerstört. Erst am 7. Januar und damit nach rund 100 Stunden war die Stromversorgung wieder für alle Betroffenen hergestellt. Damals herrschte eisige Kälte und es lag Schnee - und der Stromausfall sorgte auch dafür, dass viele Zentralheizungen nicht mehr liefen. Tausende Berliner flüchteten zu Freunden, Bekannten und in Hotels. 

In der Hauptstadt läuft seit den beiden Anschlägen eine intensive Debatte über mehr Sicherheit für die Stromversorgung. Das Land Berlin hat das Ziel ausgegeben, bis in die 2030er Jahre alle Stromkabel in Berlin unterirdisch zu verlegen. Derzeit gilt das für 99 Prozent. Der Netzbetreiber Stromnetz Berlin investiert dieses Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag in Sicherheitstechnik und Wachschutz, um weitere Angriffe auf die kritische Infrastruktur zu verhindern. Zudem wird daran gearbeitet, mehr georedundante Leitungen zu verlegen - also Kabel mit derselben Aufgabe an einem anderen Ort.

Feuer / Strom / Baden-Württemberg / Reutlingen / Brandstiftung / Umspannwerk / Netze BW
08.06.2026 · 16:50 Uhr
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