Katastrophe stürzt Stadt in die Krise

17. August 2018, 11:34 Uhr · Quelle: dpa

Genua (dpa) - In einer kleinen, mit Graffitis beschmierten Einfahrt in Genua sitzt Hermann Diaz neben einem Blumenkasten und tippt verzweifelt auf seinem Smartphone herum.

Immer wieder greift er sich an den Kopf, fährt sich durch die Haare. Er telefoniert mit seiner Tochter in Chile, sie kann ihm mit ihrer fröhlichen Art ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Diaz bemüht sich, die Fassung zu bewahren - doch er ist unsicher, wie sein Leben in Italien weitergehen wird.

Der verheerende Brückeneinsturz in Genua mit Dutzenden Toten hat Diaz die Wohnung genommen. Der 60-Jährige musste nach der Katastrophe sein Haus verlassen, in seiner Heimatstadt wohnt er nun in einem Hotel.

«Ich war nicht in der Stadt, als es passiert ist», erzählt Diaz, der seit 17 Jahren in Italien lebt, die meisten davon in Genua. Seine Wohnung liegt auf der Via Walter Fillak, einer langen Straße, die unter der Morandi-Brücke entlangführt. Beziehungsweise unter dem, was davon noch steht. Es ist das Krisengebiet, zudem derzeit kaum jemand Zutritt bekommt.

«Ich bin am Dienstag gegen 14 Uhr nach Hause gefahren, da konnte ich noch ins Haus», erzählt er. Kurze Zeit später habe die Polizei an seiner Tür geklopft. Schnell eine Tasche packen, die wichtigsten Dokumente schnappen - mehr Zeit gab es nicht. «Ich habe jetzt schon eine Nacht im Hotel geschlafen, eine weitere kommt noch dazu», sagt Diaz am Mittwoch. Da hegt er noch die Hoffnung, dass er tags darauf wieder in seine Wohnung kann. Doch das kann er nicht.

Diaz teilt sein Schicksal mit fast 560 Menschen, die nach dem Einsturz des Polcevera-Viadukts in Genua die 13 Häuser unter der Brücke verlassen mussten. Die Brücke hatte am Dienstag während eines schweren Unwetters ihre Last nicht mehr tragen können und war rund 40 Meter in die Tiefe gekracht. Mit ihr fielen Dutzende Fahrzeuge, Dutzende Menschen, für die jede Rettung zu spät kam. Nur wenige überlebten. Am Freitag wurden nach offiziellen Angaben noch immer bis zu 20 Menschen vermisst. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Zahl der Todesopfer weiter steigen wird.

Hinter Diaz fährt ein Rettungswagen los. Am Steuer sitzt Jacopo Lucchini, einer der zahlreichen Helfer, ohne die das Drama von Genua noch viel größer wäre. Der 20-Jährige war zunächst zwischen den Trümmern im Einsatz und suchte nach Überlebenden. «Ich finde gar keine Worte, um zu beschreiben, wie schlimm es da aussah.» Er zeigt auf seine Arme. Gänsehaut. «Da berührt dich der Tod.»

Nach seinem Einsatz in den Trümmern kümmert er sich nun um die Evakuierten, die in der Notunterkunft im Zentrum der Stadt verpflegt werden. Einige haben dort auch geschlafen, die meisten sind aber in Hotels oder bei ihren Familien untergekommen. «Es ist eine sehr schwierige Situation», sagt Lucchini. «Ich weiß noch nicht, wie ich mit all dem umgehen werde.»

Dass die 13 evakuierten Häuser stehen bleiben - und ihre Bewohner dorthin zurückkehren können - wird zugleich immer unwahrscheinlicher. Regionalpräsident Giovanni Toti hat schon ihren Abriss angekündigt. Auch der 44-Jährige Luca glaubt, dass er sich eine neue Wohnung suchen muss. «Ich bin vorerst bei meinen Eltern untergekommen.» Für 15 Minuten durfte er am Donnerstag in seine Wohnung, seine Frau und er haben die wichtigsten Dinge schnell in Tragetaschen gestopft. «T-Shirts, Unterwäsche, was man halt so braucht.» Plötzlich reißt Luca die Augen auf, schlägt sich mit der Hand gegen die Stirn. «Der Computer. Schatz, wir haben den Computer vergessen.»

Auf der anderen Seite des Flusses, auf den Parkplätzen einiger großer Läden mit Blick auf die Unglücksstelle, tummeln sich seit Tagen immer wieder Passanten und machen sich selbst ein Bild vom Drama in ihrer Stadt. Alle sind erschüttert, fassungslos, einige direkt betroffen. Angelina und Enrico Volpe hat es gleich dreifach erwischt, wie sie erzählen. «Eines der Todesopfer war unser Nachbar und eine Gruppe junger Leute auf dem Weg nach Barcelona kam aus unserem Heimatort bei Neapel», sagt Enrico. «Und meine Schwester musste ihr Haus verlassen», ergänzt seine Frau. «Das ist die Stunde Null für Genua.»

Schon jetzt ist klar, dass die Katastrophe die Hafenstadt mit ihren mehr als 500 000 Einwohnern noch lange beschäftigen wird. Die ersten Tagen nach dem Einsturz zeigten die bestimmenden Themen der nächsten Wochen schon in komprimierter Form: Am Dienstag Trauer und Fassungslosigkeit, am Mittwoch Diskussionen über ständige Bauarbeiten an der Brücke, am Donnerstag die erste Sorge vor einem Verkehrschaos.

Das ist bisher ausgeblieben, doch alle sind sich sicher: Es wird kommen. Zurzeit sind viele Genuesen nicht in der Stadt, in Italien ist Urlaubszeit, die Woche rund um Mariä Himmelfahrt traditionell eine ruhige. «Die ganzen Urlauber werden aber bald zurückkommen - und dann müssen sie mitten durch die Stadt», sagt Davide Ghiglione. Der Journalist ist in Genua geboren, war beim Einsturz nur wenige Meter von der Brücke entfernt. Aus seiner Sicht hat die Stadt am Dienstag eines seiner wichtigsten Bauwerke verloren.

«Genua hat eine sehr spezielle Lage, und es war historisch gesehen immer schon schwierig, hierher zu kommen», sagt Ghiglione. Auf der einen Seite das Meer, auf der anderen die Berge, dazwischen eine von Ost nach West sehr langgezogene Stadt mit einer einzigen U-Bahn-Linie, die jedoch vor dem Polcevera-Flüsschen endet. Hochgeschwindigkeitszüge fahren Genua überhaupt nicht an. Die Genuesen fühlten sich schon immer ein wenig isoliert, sagt Ghiglione.

«Die Brücke hat die Stadt mit der Region im Westen verbunden, die Menschen im Polcevera-Tal mit der Innenstadt und dem Hafen.» Zu den Sorgen der Menschen gehöre auch, dass nun die Wettbewerbsfähigkeit der Stadt und des Hafens beeinträchtigt werde, sagt Ghiglione. Auch die Erreichbarkeit des Flughafens hat sich mit der Katastrophe deutlich verschlechtert.

Am 1. März 1964, als die Brücke noch im Bau war, titelte die Zeitung «Domenica del Corriere» unter einer Planungszeichnung, Genua werde mit dem Viadukt seine Verkehrsprobleme lösen. «Über die Brücke bin ich als Mädchen und als Mutter, als Studentin, als Verliebte gefahren», sagte Sara Rattaro, Schriftstellerin und Dozentin an der Universität Genua der Tageszeitung «La Repubblica». «Es war unsere Straße, mit dieser hässlichen Kurve am Anfang, die wir aber gut kannten. Und sie war immer Teil unserer Unterhaltungen. "Ich bin auf der Brücke", das sollte bedeuten, dass du in fünf Minuten Zuhause bist. Oder: "Sorry, ich bin immer noch auf der Brücke", also: Es gibt Verkehr, ich komme zu spät.»

Nun gibt es über das Polcevera-Tal nur noch zwei größere Straßen, über die man ins Hafengebiet und in die Innenstadt kommt. Sie werden die Last des Verkehrs tragen müssen, viele Staus sind schon absehbar. Ihren ersten Härtetest könnten die beiden Strecken schon am Samstag erleben - wenn die Menschen zur Trauerfeier für die Opfer von Genua unten am Hafen wollen.

Notfälle / Verkehr / Italien
17.08.2018 · 11:34 Uhr
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