Gaddafis Familie in Algerien

29. August 2011, 22:00 Uhr · Quelle: dpa

Tripolis/Algier/Rom (dpa) - Die Familie des untergetauchten libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi ist nach Angaben des algerischen Außenministeriums nach Algerien geflüchtet. Seine Frau Safija, die Söhne Hannibal und Mohammed sowie die Tochter Aischa seien am Montag in Algerien eingetroffen.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und die libysche Übergangsregierung seien davon unterrichtet worden, berichtete die algerische Nachrichtenagentur APS unter Berufung auf das Ministerium.

Die libysche Übergangsregierung kritisierte die Aufnahme von Familienmitgliedern Gaddafis als «Akt der Aggression». Über den Aufenthaltsort Gaddafis gibt es weiterhin keine gesicherten Erkenntnisse. Er soll noch in Libyen sein. Nach einem Bericht der italienischen Nachrichtenagentur Ansa ist der flüchtige Diktator in Bani Walid 100 Kilometer südöstlich von Tripolis untergetaucht.

Gaddafi sei mit seinem Sohn Al-Saadi zusammen, während die Familie sich in Algerien aufhalte, meldete die Agentur unter Berufung auf «diplomatische libysche Quellen». Gaddafis Sohn Chamis, der eine Eliteeinheit seines Vaters gegen die Rebellen kommandierte, sei mit höchster Wahrscheinlichkeit während des Rückzugs auf der Straße nach Bani Walid erschossen worden.

Die algerische Zeitung «Al Watan» berichtete, Algerien wolle nun die Grenze zu Libyen schließen. Zur Aufnahme von Familienmitgliedern Gaddafis in Algerien, sagte der Informationsminister der libyschen Übergangsregierung, Mohammed Schammam: «Dies ist ein Akt der Aggression gegen das libysche Volk und seine Hoffnungen. Wir werden alle rechtlichen Mittel ausschöpfen, um diese Kriminellen zurückzubekommen und sie vor Gericht zu stellen.»

Zugleich warnte Schammam laut einem Bericht des arabischen Nachrichtensenders Al-Dschasira davor, Gaddafi selbst Unterschlupf zu gewähren. Jeder, der dies versuche, sei ein «Feind des libyschen Volkes».

Der Rebellenvormarsch auf die Geburtsstadt Gaddafis kommt unterdessen nur langsam voran. Für die Operation in der Küstenstadt Sirte fehlten erfahrene Kämpfer, berichtete eine Korrespondentin des Nachrichtensenders Al-Dschasira am Montag. Die Nato beschoss nach eigenen Angaben zuletzt Radarstationen sowie Abschussbasen für Boden-Luft-Raketen in der Umgebung von Sirte.

Die Übergangsregierung in Tripolis verhandelte am Montag weiter mit Stammesführern in Sirte über eine friedliche Übergabe der Stadt. Nach Einschätzung der militärischen Führung könnte es noch zehn Tage dauern, bis die Rebelleneinheiten Sirte erreicht haben.

Der Vorsitzende des libyschen Übergangsrates, Mustafa Abdul Dschalil, rief die Nato zur Fortsetzung des Kampfes gegen Gaddafi auf. Gaddafi sei «immer noch in der Lage, etwas Grauenvolles anzurichten», sagte Dschalil in Doha bei einem Treffen mit Vertretern der Nato-Staaten. «Wenn die Nato Libyen nicht unterstützt hätte, wäre es zum größten Massaker in der modernen Menschheitsgeschichte gekommen.»

Ein Nato-Vertreter sagte, der Einsatz des Bündnisses sei noch nicht zu Ende, schließe aber keine Bodentruppen in Libyen ein. «Die Anwesenheit solcher Truppen hängt von der Entscheidung des Nationalen Übergangsrates ab, der bestimmt, was in der nächsten Phase geschieht», sagte der Kommandeur der Nato-Einsatzzentrale in Neapel, Samuel J. Locklear, der Nachrichtenagentur dpa.

Unterdessen bleibt die Versorgungslage in der Millionenmetropole kritisch. Die Lebensmittelgeschäfte hätten am Montag wieder geöffnet, die Regale seien aber meist leer, berichtete eine Al-Dschasira-Reporterin. Zudem gebe es kaum Wasser, Strom nur zeitweise.

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef kämpfen humanitäre Organisationen in Tripolis vor allem mit logistischen Problemen. Zwar kämen Medikamente oder Wasser in der libyschen Hauptstadt an, sagte Sprecher Rudi Tarneden der Nachrichtenagentur dpa. Bei der Verteilung werde aber die Hilfe von Behörden oder örtlichen Organisationen benötigt - und die sei schwer zu organisieren. Am Montag eröffnete die EU in Tripolis ein Büro für humanitäre Hilfe.

Trotz der schlechten Versorgungslage kehren bereits viele Libyer, die nach Tunesien geflohen waren, in ihre Heimat zurück. Anders als in der vergangenen Woche, als täglich Hunderte Familien über den Grenzübergang Wassan nach Tunesien gefahren waren, bildeten sich nun Warteschlangen in der anderen Richtung, berichtete eine dpa-Reporterin.

Einen Tag nach der Entdeckung von bis zu 150 verkohlten Leichen in einem Lagerhaus in Tripolis, bei denen es sich um Opfer der Gaddafi-Truppen handeln soll, appellierte ein Sprecher der Übergangsregierung an die eigenen Anhänger, keine Rache zu nehmen. Gleichzeitig rief er alle Einwohner der Stadt dazu auf, sich am Wiederaufbau zu beteiligen.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch erhob schwere Vorwürfe gegen Gaddafi-Getreue. Es gebe Beweise für willkürliche Hinrichtungen von Häftlingen, als die Rebellen in die Hauptstadt Tripolis einrückten. Selbst medizinisches Personal sei getötet worden. Auch in Krankenhäusern waren zahlreiche Leichen entdeckt worden.

Unterdessen wurde bekannt, dass der libysche Lockerbie-Attentäter Abdelbaset al-Megrahi zwei Jahre nach seiner umstrittenen Freilassung aus einem schottischen Gefängnis offenbar im Sterben liegt. Wie der US-Sender CNN berichtete, fand ein Reporter des Senders den Krebskranken am Sonntag in seinem Haus in Tripolis. Bei dem Attentat auf eine PanAm-Boeing 747 waren über dem schottischen Lockerbie 1988 insgesamt 270 Menschen gestorben - darunter viele Amerikaner.

Konflikte / Libyen
29.08.2011 · 22:00 Uhr
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