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Der Wettlauf um die nächste industrielle Revolution

10. September 2026, 18:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Der Wettlauf um die nächste industrielle Revolution
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Die nächste industrielle Revolution ist kein Aufschwung – sie ist eine Selektion. Michael C. Jakob analysiert, wer im globalen Technologiewettlauf führt, wer verliert und warum Zeit die kritischste Variable ist.
Warum die nächste industrielle Revolution kein technologisches Ereignis ist – sondern ein geopolitischer Konflikt, der über Wohlstand, Souveränität und Ordnung im 21. Jahrhundert entscheidet.

In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.

Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

Im Jahr 2023 bewilligte der US-Kongress mit dem CHIPS and Science Act über 52 Milliarden Dollar für die heimische Halbleiterproduktion. Zur selben Zeit kündigte die Europäische Union den European Chips Act an, mit dem Ziel, den eigenen Marktanteil an globaler Chipproduktion bis 2030 zu verdoppeln.

China wiederum hat in den vergangenen fünf Jahren schätzungsweise über 150 Milliarden Dollar in seine Halbleiterindustrie investiert – unter Hochdruck, weitgehend abgeschirmt vom Westen, und mit einer Konsequenz, die staatlichen Programmen dieser Größenordnung selten eigen ist. Drei Weltmächte, eine Industrie, ein Ziel: Kontrolle über die Infrastruktur der nächsten Ökonomie.

Wer glaubt, hier gehe es um Mikrochips, hat die Frage falsch verstanden.

I. Die große These

Wir befinden uns am Beginn einer Transformation, die in ihrer wirtschaftlichen Tragweite mit der Dampfmaschine und der Elektrifizierung vergleichbar ist – und in ihrer geopolitischen Dimension beide übersteigt. Die Konvergenz von künstlicher Intelligenz, fortgeschrittener Fertigung, Quantencomputing und Biotechnologie erzeugt nicht nur neue Industrien. Sie definiert neu, welche Nationen wirtschaftlich souverän sind, welche Unternehmen systemrelevant werden, und welche Kapitalströme die Weltwirtschaft der nächsten Generation strukturieren.

Der entscheidende Unterschied zur ersten und zweiten Industriellen Revolution liegt in der Kompression. Dampfkraft und Elektrizität verbreiteten sich über Jahrzehnte, teilweise über ein Jahrhundert. Die technologische Transformation der Gegenwart verläuft in einem Zeitrahmen, der politischen und institutionellen Anpassungsprozessen fundamental überlegen ist. Regierungen regulieren, was gestern relevant war. Kapitalmärkte preisen ein, was morgen dominiert. Und strategisch agierende Akteure – Staaten wie Unternehmen – positionieren sich für eine Ordnung, die noch nicht existiert, aber deren Konturen bereits sichtbar sind.

Die nächste industrielle Revolution wird nicht durch Erfindung gewonnen. Sie wird durch Kontrolle gewonnen – über Infrastruktur, Talente, Standards und Kapital.

II. Strategische Konsequenzen

Erstens: Technologische Souveränität wird zur Voraussetzung wirtschaftlicher Handlungsfähigkeit. Die Abhängigkeit von einzelnen Lieferketten – wie die globale Halbleiterabhängigkeit von TSMC auf Taiwan – ist keine Ineffizienz, die der Markt korrigieren wird. Sie ist ein strategisches Risiko, das Staaten aktiv adressieren. Die Konsequenz ist eine partielle Deglobalisierung entlang technologischer Wertschöpfungsketten: nicht das Ende des Freihandels, aber seine Neukonfiguration nach dem Prinzip strategischer Autonomie. Kapital folgt dieser Logik – und wird es in zunehmendem Maße tun.

Zweitens: Der Staat kehrt als Wirtschaftsakteur zurück. Die Doktrin, dass Industriepolitik ineffizient und marktverzerrend sei, hat in Washington, Brüssel und Tokio still ihren Dienst quittiert. Was folgt, ist kein Rückfall in den Staatssozialismus. Es ist die Erkenntnis, dass bestimmte technologische Infrastrukturen – Halbleiter, KI-Grundmodelle, Quantencomputer, synthetische Biologie – zu strategisch sind, um dem privaten Kapital allein überlassen zu werden. Die Unterscheidung zwischen öffentlichem Interesse und privatem Wettbewerb wird neu gezogen. Wer das als Trend unterschätzt, bewertet Kapitalallokationsentscheidungen auf Basis einer Weltordnung, die bereits im Wandel ist.

Drittens: Das Talent wird zur knappsten Ressource. In einer Welt, in der die entscheidenden Durchbrüche von einigen hundert oder tausend Spezialisten erbracht werden – in KI-Architektur, in Quantenalgorithmik, in CRISPR-Anwendungen – ist der Wettbewerb um Humankapital so intensiv wie in keiner früheren industriellen Epoche. Universitäten, Visa-Regime und Forschungsfinanzierung sind längst geopolitische Instrumente. Der Brain Drain aus Europa in Richtung USA und zunehmend in Richtung der Golfstaaten ist kein kulturelles Phänomen. Er ist ein Frühindikator für die Verschiebung von Innovationszentren.

Viertens: Kapitalströme antizipieren eine Weltordnung, die noch nicht eingepreist ist. Die Bewertungen von Nvidia, TSMC, ASML oder Microsoft sind keine Anomalie spekulativer Märkte. Sie sind die kollektive Einschätzung, dass die Kontrolle über KI-Infrastruktur in einer Ökonomie, die zunehmend durch Rechenkapazität und Datendichte strukturiert wird, mit klassischer Rohstoffkontrolle vergleichbar ist. Das impliziert Persistenz dieser Bewertungen – solange die strukturellen Voraussetzungen intakt bleiben. Und es impliziert, dass der größte Bewertungsfehler nicht im Überschätzen, sondern im Unterschätzen dieser Positionen liegt.

III. Das Beispiel: TSMC und die Geographie der Macht

Taiwan Semiconductor Manufacturing Company produziert die fortschrittlichsten Halbleiter der Welt – und tut dies auf einer Insel, deren politischer Status von der größten Wirtschaftsmacht der Welt und der größten Militärmacht Asiens fundamental unterschiedlich interpretiert wird. Diese Konstellation ist nicht zufällig entstanden. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Spezialisierung, massiver Kapitalinvestitionen und eines Talentpools, der seinesgleichen sucht.

Die geopolitische Relevanz von TSMC liegt nicht in seinem Umsatz. Sie liegt darin, dass ohne die Produkte dieser einen Fabrik weder die modernsten Kampfjets der US Air Force noch die KI-Modelle von OpenAI noch die Smartphones von Samsung funktionieren würden. Diese Form struktureller Abhängigkeit ist das präziseste Bild dessen, was auf makroökonomischer Ebene mit dem Begriff „strategische Infrastruktur" gemeint ist.

Die USA haben reagiert – mit massiven Subventionen für die TSMC-Fabrik in Arizona, mit Exportrestriktionen für Chipausrüstung nach China, mit diplomatischem Druck auf die Niederlande, den Export von ASML-Lithografiemaschinen zu limitieren. Das ist keine Handelspolitik. Das ist die Geometrie der nächsten Weltordnung, die in Echtzeit gezeichnet wird.

IV. Die nächsten zwanzig Jahre

Wer die nächsten zwei Dekaden mit den Kategorien des Washington Consensus liest – offene Märkte, komparative Vorteile, technologische Diffusion – wird strukturell falsch liegen. Die Welt, die sich abzeichnet, ist keine Welt ohne Handel und Kooperation. Aber es ist eine Welt, in der technologische Schlüsselindustrien entlang strategischer Blöcke organisiert werden, in der Kapital nicht mehr frei zwischen diesen Blöcken fließt, und in der die Fähigkeit zur eigenständigen Produktion von KI, Energie und fortgeschrittener Fertigung den Unterschied zwischen Handlungsfähigkeit und Abhängigkeit definiert.

Für Investoren bedeutet das: Die Frage ist nicht, welche Technologie sich durchsetzen wird. Die Frage ist, welche Akteure die Kontrolle über die Infrastruktur dieser Technologie behalten werden – und in welchem regulatorischen, geopolitischen und kapitalmäßigen Umfeld sie das tun. Antworten auf diese Frage sind keine Prognosen. Sie sind strukturelle Analysen – und strukturelle Analysen sind das stabilste Fundament für langfristige Kapitalallokation.

Das Rennen hat begonnen. Die meisten haben noch nicht bemerkt, dass sie teilnehmen.

Finanzen / Education / Halbleiter / Geopolitik / Technologie / Industrie
[InvestmentWeek] · 10.09.2026 · 18:00 Uhr
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