Spritpreise im Fokus: Zwischen gefühlter Wahrheit und realen Kosten
Der Preis an den Zapfsäulen sorgt derzeit für kontroverse Einschätzungen: Während vielfach von günstigem Tanken die Rede ist, erscheinen die Preise im historischen Vergleich als hoch. Diese unterschiedlichen Perspektiven sind Ergebnis sowohl einer kalkulierten Realität als auch einer gefühlten Wahrheit, die sich aus Gewöhnung und Erfahrungen speisen.
Im Mai wurden im Schnitt 1,68 Euro für einen Liter Super E10 und 1,56 Euro für Diesel fällig, so die aktuellen Zahlen des ADAC. Das liegt unter den Durchschnittskosten von 2024 und markiert zudem eine deutliche Entspannung gegenüber den teils über zwei Euro teuren Jahren 2023 und 2022. Angesichts dieser Entwicklung stellt sich die Frage nach der richtigen Einordnung der Preise als teuer oder billig. Die Antwort verschiebt sich stark, zieht man die Inflationsrate zurate: Seit dem Jahr 2000 stiegen die Lebenshaltungskosten um über 60 Prozent, wodurch heutige Preise eine andere Vergleichsbasis erhalten. Unter Berücksichtigung dieser Entwicklung wären in den letzten 25 Jahren 18 Jahre für Benzin und 12 Jahre für Diesel teurer gewesen als aktuell.
Ein Blick in die Preisbestandteile zeigt das komplexe Wechselspiel der Faktoren: Ölpreis, Steuern, und Abgaben wie die CO2-Bepreisung tragen maßgeblich zu den Schwankungen bei. Dabei dominiert der Staatsanteil erheblich gegenüber den anderen Kostenfaktoren. Der Ölpreis führt zu den größten Schwankungen, während der steigende CO2-Preis mittlerweile relevant, aber noch relativ klein ist.
Kraftstoffexperte Christian Laberer vom ADAC warnt vor einem verfrühten Gefühl von Preisentspannung. Trotz historisch betrachteter Höhenflüge der Preise rät er dazu, die Margen im Großhandel und den Raffinerien kritisch zu beäugen, die seit dem Ukraine-Krieg merklich Gewinne verzeichnen. Letztlich mag es an der Gewöhnung liegen, dass sich bisherige Spitzenpreise in Relation auf aktuelle Niveaus angenehm anfühlen – das Phänomen, das Laberer mit einem metaphorischen Vergleich aus der Physik beschreibt: Die Temperaturveränderung bemerkt man erst, wenn man aus extremer Kälte in einen kühleren Raum tritt, der sich dann angenehm warm anfühlt.

