Weltraum-Bergbau: Vielversprechendes Ziel entpuppt sich als rotierende Falle
Ein Asteroid, der als vielversprechendes Ziel für den Weltraum-Bergbau galt, entpuppt sich als technisches Albtraum-Objekt: Er rotiert einmal alle 92 Sekunden. Neue Beobachtungen zeigen, dass die Fliehkraft an seiner Oberfläche die eigene Schwerkraft um das Hundertfache übertrifft. Für Raumfahrzeuge, die dort landen wollen, bedeutet das: ohne hochentwickelte Verankerungstechnik keine Chance.

Messung mit Spitzentechnik
Forscher:innen des Instituto de Astrofísica de Canarias haben den erdnahen Asteroiden 2022 OB5 mit HiPERCAM untersucht, einer Hochgeschwindigkeitskamera am Gran Telescopio Canarias auf La Palma. Das Instrument nimmt über 1.000 Bilder pro Sekunde auf, gleichzeitig in fünf Farbbereichen. Diese Fähigkeit war entscheidend, weil Asteroiden am Nachthimmel klein, lichtschwach und nur kurz beobachtbar sind. Die Kamera erlaubte es dem Team, Rotation und Oberflächeneigenschaften in einem einzigen Messdurchgang zu bestimmen, ohne zwischen beiden Zielen wählen zu müssen.
Das Ergebnis: 2022 OB5 dreht sich alle 1,542 Minuten einmal um die eigene Achse. Damit gilt er als sogenannter „Ultrakurzrotator“. Studienleiter Miguel R. Alarcón betont, das sei kein Einzelfall. Schnelle Rotation scheine unter den kleinsten und erreichbarsten erdnahen Asteroiden verbreitet zu sein. Zudem ordneten die Forscher:innen den Asteroiden der sogenannten X-Komplex-Gruppe zu, was auf eine metallische Zusammensetzung hindeutet, ohne sie zu bestätigen.
Metallreicher Asteroid als lohnendes Ziel
Das Startup Astroforge hatte 2022 OB5 aus zwei Gründen ins Visier genommen: Der Asteroid schien metallreich zu sein, und er ließ sich mit verhältnismäßig geringem Treibstoffaufwand erreichen, was Raumfahrer:innen als niedriges Delta-v bezeichnen. Das Unternehmen argumentiert, ein einziger metallreicher Asteroid könnte die Erde 200 Jahre lang mit Platingruppenmetallen versorgen. Diese Metalle sind unverzichtbar für Elektronik, Elektrofahrzeuge und Wasserstofftechnologie, auf der Erde aber nur begrenzt verfügbar.
Eine erste Sondierungsmission scheiterte vergangenes Jahr, als Astroforge kurz nach dem Start den Kontakt zu seinem Raumfahrzeug Odin verlor. Das Unternehmen plant trotzdem, noch in diesem Jahr eine Landemission namens DeepSpace-2 zu starten.
Fliehkraft gefährdet das Projekt
Die neue Studie macht deutlich, warum das schwieriger ist als gedacht. An der Oberfläche von 2022 OB5 wirkt die Fliehkraft durch die extreme Rotation fast 100 Mal stärker als die Schwerkraft des Asteroiden selbst. Ein Raumfahrzeug, das versucht zu landen, würde schlicht von der Oberfläche geschleudert werden, es sei denn, es verfügt über ein ausgefeiltes Verankerungssystem.
Alarcón formuliert es klar: Orbitale Erreichbarkeit allein reicht nicht. Wer eine realistische Bergbau- oder Probenahmemission plant, muss zuerst die physikalischen Eigenschaften kennen, insbesondere den Rotationszustand.
Astroforge-CEO Matt Gialich gibt sich zuversichtlich. Das Unternehmen setze auf magnetische Befestigung, die eine Verankerungskraft erzeugen soll, die deutlich über der Fliehkraft liegt. Ob DeepSpace-2 tatsächlich 2022 OB5 ansteuern wird, ließ Gialich offen. Er wies darauf hin, dass das Unternehmen mit bodengestützten Teleskopen derzeit viele weitere Zielkandidaten charakterisiert.
Strukturelles Problem für eine ganze Branche
Die Befunde treffen eine Branche, die ohnehin unter Druck steht. Hochkarätige Vorgänger wie Deep Space Industries und Planetary Resources sind trotz großer Versprechen gescheitert. Jetzt zeigt sich, dass ausgerechnet jene Asteroiden, die energetisch am leichtesten erreichbar sind, physikalisch zu den schwierigsten gehören könnten.
Die Studie erschien im Fachjournal Icarus.

