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Schattenbanken unter der Lupe: Droht Europas Finanzaufsicht der nächste große Eingriff?

19. Juni 2025, 13:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Nichtbanken übernehmen immer mehr klassische Bankgeschäfte. Jetzt ringt die EU um eine zentrale Frage: Wie stark sollen die Aufseher den wachsenden Schattensektor kontrollieren?

Die Zahlen sind inzwischen kaum noch zu ignorieren: Fast 60 Prozent aller Finanzvermögen in der Euro-Zone werden mittlerweile nicht mehr von klassischen Banken, sondern von sogenannten Schattenbanken verwaltet.

Investmentfonds, Pensionskassen, Hedgefonds, Private-Equity-Investoren und andere Finanzintermediäre wachsen rasant – und mit ihnen die Risiken für das gesamte Finanzsystem.

In Brüssel und Frankfurt läuft hinter den Kulissen längst eine intensive Debatte, wie man diesen kaum regulierten Teil der Finanzindustrie in den Griff bekommen kann.

Explosion der Vermögen abseits der Banken

Nach Berechnungen der Europäischen Zentralbank sind die Vermögenswerte der Nichtbanken von 2008 bis Ende 2023 um satte 135 Prozent auf nunmehr 54 Billionen Euro angeschwollen – das entspricht mehr als dem Dreifachen der jährlichen Wirtschaftsleistung der Euro-Zone.

Noch deutlicher fällt die Entwicklung bei den Unternehmenskrediten aus: Ende 2023 stammten bereits 30 Prozent aller Darlehen an die Realwirtschaft nicht mehr von klassischen Kreditinstituten, sondern von alternativen Finanzanbietern. Anfang der 2000er-Jahre waren es gerade einmal 12 Prozent.

EZB-Präsidentin Christine Lagarde spricht längst offen aus, dass die Rolle der Schattenbanken im europäischen Finanzsystem weiter zunehmen wird.

„Viele Geschäfte, die traditionell von Banken getätigt wurden, werden nun immer häufiger von anderen Anbietern übernommen“, sagt sie.

Und meint vor allem: Kreditvergabe, Market-Making, Refinanzierungen. Gleichzeitig mahnt sie aber auch: Das neue System bringt neue Verwundbarkeiten mit sich.

Systemrisiko Archegos – das Trauma sitzt tief

Spätestens seit dem spektakulären Zusammenbruch des Hedgefonds Archegos im Frühjahr 2021 wissen die Aufseher, wie schnell sich Risiken aus dem Schattenbankensektor auf das klassische Bankensystem übertragen können.

Damals verloren weltweit mehrere Großbanken, allen voran die Credit Suisse, Milliardenbeträge, weil sie sich bei Krediten an den US-Investor massiv verkalkuliert hatten. Archegos selbst war weder Bank noch börsennotiertes Unternehmen – und somit praktisch unsichtbar für die klassischen Aufsichtsmechanismen.

Boom ohne Sicherheitsnetz: Schattenbanken in der Euro-Zone verwalten inzwischen über 54 Billionen Euro – größtenteils ohne die strengen Eigenkapital- und Liquiditätsvorgaben klassischer Banken.

Solche Fälle nähren die Furcht vor einem systemischen Dominoeffekt, der in einer neuen Finanzkrise enden könnte. EZB, Europäische Kommission und nationale Aufsichtsbehörden diskutieren deshalb inzwischen offen, ob neue Stresstests notwendig sind, um die Risiken im Schattenbankensektor besser zu verstehen und frühzeitig Gegenmaßnahmen einleiten zu können.

Die Idee eines Mega-Stresstests sorgt für Streit

Konkret steht eine Idee im Raum, die nach dem Vorbild Großbritanniens funktioniert: Die britische Notenbank hatte 2023 als erste weltweit einen systemweiten Stresstest für Banken, Versicherer, Fonds, Pensionskassen und Clearinghäuser durchgeführt.

Dabei wurden sämtliche Akteure mit einem fiktiven Krisenszenario konfrontiert, das geopolitische Verwerfungen und Turbulenzen an den Finanzmärkten simulierte. Die Ergebnisse waren ernüchternd: Vor allem hochverschuldete Schattenbanken könnten im Krisenfall schnell zur Gefahr für die gesamte Stabilität werden.

Die EU diskutiert nun, ob ein ähnliches Modell auch in Europa Sinn machen würde. Verena Ross, Chefin der europäischen Finanzmarktaufsicht ESMA, zeigt sich offen:

„Wir könnten so besser verstehen, welche Wechselwirkungen es zwischen den Akteuren gibt und wo Konzentrationsrisiken entstehen.“

Doch zugleich betont sie: Ein solcher Test sei äußerst komplex, zeitaufwendig – und nicht kurzfristig umsetzbar.

Bürokratieaufwand bremst die Regulierer

Genau hier liegt auch das größte politische Dilemma: Einerseits verlangen Experten stärkere Kontrollen, um systemische Gefahren frühzeitig zu erkennen. Andererseits versprechen EU-Kommission und Aufsichtsbehörden der Finanzindustrie seit Jahren einen Bürokratieabbau.

Noch mehr Meldepflichten, noch aufwendigere Stresstests? Viele Marktteilnehmer laufen dagegen Sturm.

„Wir brauchen die relevanten Daten für die Marktüberwachung“, sagt ESMA-Chefin Ross zwar. Aber: „Unsere Abfragen müssen im Rahmen bleiben.“ Die Aufsichtsbehörden suchen deshalb fieberhaft nach Möglichkeiten, bestehende Datenbestände besser zu vernetzen und Doppelmeldungen abzubauen.

Ein EU-weites, zentrales Datensystem für alle Aufseher wäre das Ziel – politisch aber noch weit entfernt.

Wachsende Gefahr durch globale Vernetzung

Die Dringlichkeit für eine Lösung steigt jedoch mit jedem Jahr. Denn die Schattenbanken sind nicht nur groß, sondern auch extrem global verflochten.

Fondsmanager investieren weltweit, Kreditfonds finanzieren Unternehmen in Dutzenden Ländern, viele Pensionskassen und Hedgefonds halten große Mengen an illiquiden Vermögenswerten wie Private Equity, Infrastruktur oder Immobilien. Gerade in Krisenzeiten könnten Verkaufswellen aus diesen Segmenten den Markt zusätzlich destabilisieren.

EZB, ESMA, die europäische Bankenaufsicht EBA sowie die Bafin suchen daher nach Wegen, zumindest die größten Player im Blick zu behalten. Doch das Rennen gegen die Zeit ist längst eröffnet: Je größer und vernetzter der Schattenbankensektor wird, desto schwieriger wird seine Kontrolle.

Finanzen / Märkte
[InvestmentWeek] · 19.06.2025 · 13:00 Uhr
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