Ninja Theory enthüllt Senua für 2027: Erster Trailer offenbart ein Kampfsystem das Hellblade 2 endlich vergessen macht
Ninja Theory begräbt den Namen Hellblade. Auf dem Xbox Games Showcase 2026 enthüllte das Studio schlicht Senua – einen Nachfolger, der mit der cineastischen Enge der Vorgänger bricht und stattdessen auf ein vollwertiges Actionabenteuer setzt. Der erste Trailer zeigt Schleichangriffe, Wurfwaffen und erstmals richtige Bosskämpfe. Was nach einer längst überfälligen Kurskorrektur klingt, wirft eine entscheidende Frage auf: Überlebt die einzigartige Identität der Reihe diesen radikalen Richtungswechsel?
Der Name als Manifest
Dass der Titel nicht Hellblade 3 lautet, ist kein Marketing-Gag, sondern das inhaltliche Fundament des Projekts. Studioleiter Dom Matthews erklärt im ausführlichen Gespräch mit Xbox Wire, der Verzicht auf den etablierten Markennamen spiegele einen fundamental anderen Anspruch wider: „Der schlichte Titel Senua zeigt, dass das hier etwas Frisches ist – ein anderer Stil von Spiel.“ Die Vorgänger hätten ihre eigene Intention gehabt und diese auch erfüllt. Senua dagegen soll all das Gute nehmen und um genau jene Elemente ergänzen, „die Spieler von einem Premium-Actionabenteuer erwarten.“
Die Subtext-Ebene ist kaum zu überhören. Hellblade II wurde zwar für seine technische Brillanz gefeiert, doch die spielerische Passivität – seichte Zweikämpfe, lange Laufpassagen, kaum Interaktionsmöglichkeiten – brachte dem Titel 2024 harsche Kritik ein. Forbes urteilte damals vernichtend, das Spiel sei schlicht „not terribly fun to play“. Matthews selbst räumt im Xbox-Wire-Interview ein, dass das Studio dieses Feedback sehr genau registriert hat. Die Antwort heißt jetzt: mehr Spiel, weniger Film.
Ein Kampfsystem mit echten Optionen
Was der Trailer an konkreten Mechaniken enthüllt, liest sich wie eine Checkliste der größten Hellblade-II-Schwachstellen. Senua kämpft jetzt gegen mehrere Gegner gleichzeitig, nutzt vertikale Ebenen im Kampf und kann zwischen verschiedenen Waffen wählen – Langaxt, Kurzaxt, beidhändiger Kampf und sogar Wurfwaffen sind im Material zu sehen. Matthews bringt die neue Design-Philosophie auf den Begriff der „taktischen Entscheidungsfreiheit“: Spieler entscheiden selbst, ob sie einen Kampf überhaupt annehmen, sich anschleichen oder frontal in die Menge stürzen.
Hinzu kommen die sogenannten Fokusfähigkeiten, die Senua sowohl im Kampf als auch bei Rätseln und Kletterpassagen einsetzen kann. Eine im Trailer sichtbare Fähigkeit lässt die Umgebung förmlich zersplittern – nutzbar, um neue Wege zu öffnen oder Gegner zurückzudrängen. Matthews betont allerdings, dass Senua kein reines Kampfspiel sei: „Eine ziemlich gleichmäßige Aufteilung zwischen Kampf, Fortbewegung und Rätseln“ schwebt dem Studio vor. Wer hier ein God-of-War-Klon erwartet, liegt also daneben.
Die spielbare Welt soll etwa doppelt so groß ausfallen wie die von Hellblade II, bleibt aber linear und setzt auf miteinander verbundene Schauplätze. Eine offene Spielwelt ist nicht geplant – und das ist angesichts der dichten Atmosphäre, für die Ninja Theory bekannt ist, vermutlich die klügere Entscheidung.
Das gesamte Studio hinter einem Projekt
Ein Detail, das in der Ankündigung fast untergeht, aber viel über die Prioritäten bei Ninja Theory verrät: Erstmals seit DmC: Devil May Cry vor über zwölf Jahren arbeitet das gesamte Studio an einem einzigen Projekt. 85 Entwickler – verglichen mit nur 25 beim ersten Hellblade – bündeln jetzt ihre gesamte Energie auf Senua.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Dass Ninja Theory das experimentelle Project Mara endgültig zu den Akten gelegt hat, ist jetzt offiziell. Matthews bestätigt die Einstellung im Interview offen: „Diese Entscheidungen sind nie einfach, aber ich habe sie getroffen, damit alle Talente und die gesamte Expertise des Studios gemeinsam das Potenzial von Senua ausschöpfen können.“ Der gesamte creative output von Ninja Theory hängt damit an diesem einen Spiel.
Strategisch interessant ist zudem die Plattform-Entscheidung: Senua erscheint 2027 gleichzeitig für PC, PS5 und Xbox Series X/S – inklusive Game Pass Ultimate zum Start. Das ist ein klarer Bruch mit Microsofts früherer Exklusivitäts-Politik und unterstreicht den neuen Multiplattform-Kurs des Konzerns, zumal Hellblade 2 in der Xbox-Bilanz ohnehin gemischte Resultate lieferte. Ein breiterer Marktzugang von Tag eins an könnte für Senua den Unterschied zwischen Nischen-Hit und echtem Publikumserfolg ausmachen.
Die offene Flanke der Ankündigung
So überzeugend der Gameplay-Fokus auf dem Papier wirkt – der Trailer lässt einige Kernfragen bewusst unbeantwortet. Die Psychose-Thematik, die das erste Hellblade 2017 zu einem der meistdiskutierten Spiele des Jahres machte, taucht im Material nur noch als flüsternde Randnotiz auf. Die Stimmen sind da, ja. Aber ob sie mehr sind als atmosphärisches Beiwerk, verrät der Trailer nicht.
Auch technisch bleibt vieles im Vagen. Die Szenen stammen aus einer „frühen Entwicklungsfassung“, wie IGN in der Analyse festhält – bei einem Release-Fenster 2027 bedeutet das im schlechtesten Fall, dass fundamentale Systeme noch gar nicht finalisiert sind. Ninja Theory hat mit der Unreal Engine 5 bei Hellblade II bewiesen, dass sie visuell Weltklasse abliefern können. Ob die Engine bei den nun deutlich komplexeren Kampfszenen mit mehreren Gegnern und zerstörbaren Umgebungen stabil läuft, ist eine völlig andere Hausnummer.
Und dann ist da noch das leidige Thema Preis. Kein Wort zu Vorbestellungen, Editionen oder Euro-Beträgen. Hellblade II startete 2024 für 49 Euro – ein fairer Deal für etwa acht Stunden Spielzeit. Wenn Senua mit doppelter Spielwelt, vollem Kampfsystem und Bosskämpfen antritt, wäre ein höherer Preis zwar nachvollziehbar, würde die Erwartungshaltung aber massiv verschieben.


