Bundesverfassungsgericht

Mini-Löhne für Gefangene gefährden Resozialisierung

20. Juni 2023, 16:05 Uhr · Quelle: dpa
Für 1,37 Euro pro Stunde müssen manche Menschen hinter Gittern arbeiten. Der Lohn soll der Resozialisierung der Häftlinge dienen, Teile des Gelds sollen sie an Familie oder Opfer zahlen. Das höchste deutsche Gericht stellt nun klare Bedingungen für die Bezahlung auf.

Karlsruhe (dpa) - Mini-Löhne für Gefangene sind verfassungswidrig, wenn dahinter kein wirksames Konzept zur Resozialisierung der Betroffenen steht. Das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden. Zwei Häftlinge aus Bayern und Nordrhein-Westfalen hatten gegen ihre geringe Bezahlung geklagt. Gefangene müssten Sinn und Nutzen von Arbeit erkennen, sagte die Vorsitzende des Zweiten Senats, Doris König, in Karlsruhe.

Arbeit hinter Gittern ist in den meisten Bundesländern Pflicht und soll der Resozialisierung dienen, also der Wiedereingliederung von Menschen in die Gesellschaft. Die Kläger etwa arbeiteten in der anstaltseigenen Druckerei und als Kabelzerleger in einem Betrieb.

Laut König lag der Stundenlohn für Strafgefangene zuletzt zwischen 1,37 Euro und 2,30 Euro - je nach Qualifikation. Von dem Geld müssen manche unter anderem Familienangehörige unterstützen, Opfern Wiedergutmachung leisten oder Schulden tilgen.

Die Ziele der Resozialisierung müssten mit dem Geld tatsächlich erreicht werden können, sagte König, die auch Vizepräsidentin des höchsten deutschen Gerichts ist. «Mit anderen Worten: Die Erreichung der gesetzlich festgelegten Zwecke darf angesichts der geringen Entlohnung von Gefangenenarbeit nicht unrealistisch sein.» Die Menschen dürften nicht das Gefühl bekommen, zu «Objekten staatlicher Gewalt degradiert» zu werden, hieß es. Resozialisierung als Ziel von Strafvollzug folge unter anderem aus dem Schutz der Menschenwürde.

Es braucht ein schlüssiges Konzept

Das Bundesverfassungsgericht stellte in seinem Urteil fest, dass hinter den Löhnen ein schlüssiges Konzept stehen müsse. «Den Gefangenen sollen die Fähigkeit und der Wille zu eigenverantwortlicher Lebensführung vermittelt werden», sagte König.

Der Staat müsse dafür einen Resozialisierungsplan entwickeln und personelle sowie finanzielle Mittel bereitstellen. Bei einer Neuregelung könne der Gesetzgeber auch einen Teil des Arbeitsentgelts für bestimmte Zwecke einbehalten oder Gefangene an Kosten im Vollzug beteiligen - beispielsweise über eine Stromkostenpauschale.

Wenn Arbeit als eine Maßnahme zur Resozialisierung vorgesehen ist, muss eine angemessene Anerkennung aus Sicht des Gerichts nicht zwingend in Form von Geld erfolgen. Stattdessen seien beispielsweise Freistellungstage möglich, die sich Gefangene erarbeiten können.

Außerdem könnten sie in den Schutz sozialer Sicherungssysteme eingebunden werden oder Hilfen zur Schuldentilgung erhalten. «Eine verfassungsrechtliche Verpflichtung, Gefangene in die Rentenversicherung oder andere soziale Sicherungssysteme einzubeziehen, besteht allerdings nicht», betonte König.

Wie hoch soll der Lohn sein?

Der Gesetzgeber sei nicht auf ein bestimmtes Regelungskonzept festgelegt, hieß es seitens des Gerichts. Es sei auch nicht Aufgabe des Bundesverfassungsgerichts, ein bestimmtes Entlohnungsmodell vorzugeben. Deshalb legte es sich auch nicht auf einen Stundenlohn fest, der Gefangenen mindestens gezahlt werden muss.

«Wir hoffen natürlich, dass wir hier im Zuge der zu erstellenden Resozialisierungskonzepte einen höheren Sprung nach oben sehen, was die Vergütung angeht», sagte der Sprecher der Gefangenengewerkschaft, Manuel Matzke. Etwa fünf bis sieben Euro pro Stunde stelle er sich vor. «Aktuell sind wir einfach auf dem Stand, dass vermittelt wird, dass ehrliche Arbeit sich nicht auszahlt. Und so kann niemand resozialisiert werden.» Grundsätzlich fordert die Gefangenengewerkschaft, dass Häftlinge den Mindestlohn erhalten.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) ist dafür, dass sich die Löhne hinter Gittern am Mindestlohn orientieren. «Denn die Gefangenen produzieren im Rahmen ihrer Resozialisierung oft für den Markt», teilte DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell mit. «Auftraggeber sind meist große marktbeherrschende Unternehmen, denen es nach diesem Urteil nun nicht mehr möglich ist, zu Dumpinglöhnen in Gefängnissen für ihre hochpreisigen Produkte arbeiten zu lassen.»

Sowohl DGB als auch die Gefangenengewerkschaft kritisieren, dass Gefangene bisher nicht in die Rentenversicherung einbezogen werden. Durch fehlende Sozialversicherungsbeiträge drohe ihnen Altersarmut.

Die Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen müssen die jeweiligen Gesetze nun bis spätestens Ende Juni 2025 nachbessern. Bis das geschehen ist, gelten die bisherigen Regelungen.

NRW-Justizminister Benjamin Limbach (Grüne) kündigte eine Neuregelung der Gefangenenvergütung an. Das bayerische Justizministerium nannte die Thematik «komplex» und teilte mit, die Auswirkungen für den bayerischen Justizvollzug eingehend zu prüfen. Prinzipiell sind die Vorgaben des Verfassungsgerichts aber so allgemein formuliert, dass sich auch andere Bundesländer ihre Gesetze anschauen dürften.

Prozesse / Verfassung / Strafvollzug / Arbeit / Urteile / Lohn / Gefangene / Gefängnis / Deutschland
20.06.2023 · 16:05 Uhr
[14 Kommentare] · [zum Forum]
Seniorin mit Helferin (Archiv)
Berlin - Vor dem Hintergrund einer Reform der Pflegeversicherung warnt die Caritas vor einer noch stärkeren Belastung von Pflegebedürftigen und pflegenden Angehörigen. "Bei der stationären Pflege muss die Ministerin dafür Sorge tragen, dass die finanzielle Belastung für die Pflegebedürftigen nicht noch weiter steigt", sagte Caritas-Präsidentin Eva Maria […] (00)
vor 15 Minuten
Kneecap
(BANG) - Kneecap werden die Gewinne ihres neuen Albums 'Fenian' an wohltätige Organisationen spenden. Das zweite Studioalbum der Band aus West-Belfast – der Nachfolger von 'Fine Art' – erschien am 1. Mai und schoss in Großbritannien bereits auf Platz zwei der Charts. Damit ist es das irischsprachige Album mit der höchsten Chartplatzierung in der […] (01)
vor 23 Stunden
BMW will Leistung von Hybridautos drosseln, die kaum elektrisch fahren
Hybridfahrzeuge sollen ein Schritt auf dem Weg zum elektrischen Autoverkehr sein. Deshalb fördert der Staat solche Autos sowohl für die private Nutzung als auch im gewerblichen Bereich. Das Problem: Viele Autokäufer greifen die Förderung ab, fahren dann aber so gut wie nie elektrisch, sondern ausschließlich mit dem Verbrennerantrieb. Darum schlägt der […] (02)
vor 4 Stunden
Nintendo-Fans hoffen auf die Rückkehr eines der besten Zelda-Spiele
Kaum ein Zelda-Spiel hat einen so legendären Ruf wie The Legend of Zelda: Ocarina of Time. Das Nintendo 64-Abenteuer von 1998 gilt bis heute als eines der wichtigsten Spiele aller Zeiten. Jetzt kocht ein Gerücht wieder hoch, das viele Fans seit Jahren begleitet: Nintendo könnte doch an einem großen Ocarina of Time Remake für die Nintendo Switch 2 […] (00)
vor 4 Stunden
«My Adventures with Superman» startet im Juni in die dritte Staffel
Die Animationsserie rund um den jungen Superman kehrt Mitte Juni mit neuen Folgen bei Adult Swim und HBO Max zurück. Adult Swim hat den Starttermin der dritten Staffel von My Adventures with Superman bekannt gegeben. Die neuen Episoden der Animationsserie laufen ab dem 13. Juni 2026 im Toonami-Block des Senders und stehen anschließend bei HBO Max zum Abruf bereit. Laut offizieller […] (00)
vor 1 Stunde
Tischtennis-WM der Frauen in Großbritannien
London (dpa) - Auf den Sprung in die Themse verzichteten die deutschen Tischtennis-Spielerinnen dann doch. Genau das hatten sie eigentlich angekündigt für den Fall eines Medaillen-Gewinns bei der Team-Weltmeisterschaft in London. Im Erfolgsfall gemeinsam baden zu gehen: Diesen Brauch hatten Sabine Winter und Co. im vergangenen Jahr nach ihrem EM-Triumph […] (00)
vor 1 Stunde
nahaufnahme von bitcoin-symbolschildern im freien, die moderne kryptowährungstrends widerspiegeln.
Aktuellen On-Chain-Daten zufolge hat die Ethereum-basierte Version von USDT, der weltweit größten Stablecoin, kürzlich ihren größten Abfluss von Kryptowährungsbörsen in den letzten Monaten erlebt. 1,29 Milliarden USDT fließen aus Krypto-Börsen ab Am 9. Mai berichtete die Blockchain-Analysefirma Santiment, dass USDT auf dem Ethereum-Netzwerk kürzlich […] (00)
vor 32 Minuten
Zahnerkrankungen als Risiko für Herz-Kreislauf und Stoffwechsel
Mörfelden-Walldorf, 10.05.2026 (lifePR) - Dass Zähne einen großen Einfluss auf die gesamte körperliche Gesundheit haben, ist heute gut belegt. Bleiben Erkrankungen im Mundraum wie Karies oder ein abgestorbener Zahn unbehandelt, kann das weitreichende Folgen für den gesamten Organismus haben. Im aktuellen Blogbeitrag wird beleuchtet, welche […] (00)
vor 6 Stunden
 
Hantavirus-Ausbruch - Teneriffa
Madrid/Granadilla (dpa) - Die Evakuierung der Menschen an Bord des von einem […] (02)
Friedrich Merz und Bärbel Bas (Archiv)
Berlin - Zentrale Aussagen aus der Bundesregierung zur Migrationspolitik stoßen laut […] (01)
Skyline von Kuwait
Kuwait-Stadt (dpa) - Trotz einer geltenden Waffenruhe ist der kleine Golfstaat Kuwait […] (02)
Ukrainische Flagge (Archiv)
Berlin - Die EU-Grenzschutzagentur Frontex warnt vor Waffenschmuggel aus der Ukraine […] (01)
RB Leipzig - FC St. Pauli
Berlin (dpa) - RB Leipzig hat sich das Ticket für die Champions League geholt, und […] (01)
Gehackte Mähroboter können Besitzer ausspähen und Menschen angreifen
Zum Glück war es nur der Sicherheitsforscher Andreas Makris und kein bösartiger […] (02)
Leonardo DiCaprio
(BANG) - Nikki Glaser findet Leonardo DiCaprio einen "coolen Typen". Die 41-jährige […] (00)
NACON Connect 2026: Alle Ankündigungen im Überblick
NACON  stellte gestern Abend im Rahmen der  NACON Connect  ein breites Sortiment an […] (00)
 
 
Suchbegriff