Gesundheit

Krisentreffen: Mehr Geld und weniger Stress für Ärzte

09. Januar 2024, 18:49 Uhr · Quelle: dpa
Überlastete Mediziner, lange Wartezeiten, schwierige Arztsuche: In den Hausarztpraxen knirscht es gewaltig. Der Gesundheitsminister verspricht große Verbesserungen. Doch nicht alle Ärzte sind zufrieden.

Berlin (dpa) - Patientinnen und Patienten sollen in Hausarztpraxen künftig seltener auf überfüllte Wartezimmer und Aufnahmestopps stoßen. So sollen Hausärztinnen und Hausärzte nach Plänen von Gesundheitsminister Karl Lauterbach mehr finanzielle Freiräume bekommen, um Engpässe in Praxen zu vermeiden.

«Wir sind am Vorabend einer sehr großen Reform», sagte der SPD-Politiker nach einem Gespräch mit Vertretern von niedergelassenen Medizinern und Krankenkassen in Berlin. «Wir wollen auch die Hausarztpraxen entökonomisieren.» Am entsprechenden Versorgungsgesetz arbeite sein Haus seit Monaten. Im Januar solle es öffentlich gemacht werden.

Wegfall von Honorar-Obergrenzen

«Wir werden bei den Hausärzten eine Entbudgetierung vornehmen», kündigte Lauterbach an. Die Ampel-Koalition hatte den Schritt bereits im Koalitionsvertrag angekündigt. Im vergangenen Jahr war der Honorar-Deckel bereits bei den Kinderärzten aufgehoben worden.

Bisher ist das Geld, das Ärztinnen und Ärzte für die Behandlung gesetzlich Versicherter erhalten, nach oben begrenzt. Diese Budgets sollen verhindern, dass die Kosten aus dem Ruder laufen. Der Vorsitzende des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Markus Beier, hatte kritisiert, Hausarztpraxen würden nicht immer für alle Leistungen bezahlt. Ärzteverbände wie der Virchowbund hatten beklagt, dass es wegen der Budgets wirtschaftlich oft keinen Sinn mache, neue Patienten aufzunehmen.

Der Wegfall der Budget-Grenzen für Hausärzte dürfte Mehrausgaben im dreistelligen Millionenbereich für die Kassen bedeuten, machte Lauterbach deutlich. Dies werde aber langfristig zu einer Kostenstabilisierung und einer deutlich besseren Versorgung in einem effizienteren System führen.

Chronisch Kranke sollen seltener in Praxis müssen

«Wir verabschieden uns von der Quartalspauschale», kündigte Lauterbach weiter an. Heute gelten die Abrechnungen der Arztpraxen für Patientinnen und Patienten für ein Vierteljahr. Künftig soll es bei Hausärzten eine jährliche Versorgungspauschale für erwachsene Patienten mit chronischen Erkrankungen und kontinuierlichem Bedarf an Arzneimitteln geben. Sie soll beim ersten Arzt-Patienten-Kontakt fällig werden - unabhängig von weiteren Arztbesuchen. Patientinnen und Patienten sollen nicht mehr nur wegen eines Rezepts einbestellt werden, einfach damit eine neue Quartalspauschale fällig wird. Unterm Strich soll so mehr Zeit für medizinische Behandlungen bleiben.

Förderung von Hausbesuchen und Hitzeberatung

Neu eingeführt werden soll eine sogenannte Vorhaltepauschale für Praxen, die maßgeblich die hausärtzliche Versorgung aufrecht erhalten. Kriterien sollen sein, dass diese Praxen Hausbesuche durchführen und eine Mindestzahl an Versicherten in Behandlung haben.

Einmal pro Jahr sollen Hausärzte eine besondere Vergütung erhalten, wenn sie besonders betroffene Gruppen wie Senioren und chronisch Kranke Beratung bei großer Hitze geben. Das soll dazu beitragen, die Zahl der Hitzetoten in Deutschland weiter zu senken. Laut Robert Koch-Institut starben im vergangenen Jahr 3200 Menschen infolge von Hitze, im Vorjahr waren es 4500 Menschen.

Telefonisch zu Rezept und Krankschreibung

Lauterbach sagte bereits im ZDF-Morgenmagazin: «Bisher sind die Praxen überfüllt, weil viele Patienten in die Praxis kommen, um ein Rezept verlängern zu lassen oder eine Krankschreibung zu bekommen.» Nach dem Krisentreffen mit der Ärzteschaft betonte er: «Das kann dann alles telefonisch gemacht werden.» So würden künftig viel weniger Patienten aus diesen Gründen die Praxen füllen.

Seit Jahresbeginn müssen niedergelassene Ärztinnen und Ärzte für verschreibungspflichtige Arzneimittel Rezepte elektronisch ausstellen - die Apotheke wird beim Einstecken der Gesundheitskarte in ein Lesegerät autorisiert, es von dort abzurufen. Lauterbach räumten einige Startschwierigkeiten ein und sagte: «Es wird ein paar Wochen dauern, bis es sich eingeruckelt hat.» Bei Krankschreibungen sind bereits seit Anfang 2023 Ausdrucke auch für Arbeitgeber nicht mehr nötig - die Bescheinigungen werden elektronisch direkt bei den Krankenkassen der Beschäftigten abgerufen. Laut Krankenkassen-Verband haben Arbeitgebende 2023 knapp 82 Millionen solche Bescheinigungen elektronisch abgerufen.

Weitere Verbesserungen für die Praxen

«Wir werden auch viel mehr Telemedizin zulassen», kündigte Lauterbach an. Ärzte sollen auch im Homeoffice arbeiten können. Grundsätzlich reicht Telemedizin vom Video-Telefonat bis zu Messgeräten bei den Patienten, auf die der Arzt oder die Ärztin Zugriff hat.

«Eine Qual für viele Praxen» sind laut Lauterbach auch drohende Regresse bei zu viel verschriebenen Medikamente. Denn die Mediziner werden hierbei kontrolliert und müssen sich vor den Krankenkassen und der Kassenärztlichen Vereinigung rechtfertigen, wenn sie mehr Medikamente verschrieben haben als vorgesehen - es drohen Strafen in Höhe von Tausenden Euro. Nun sollen Bagatellgrenzen eingeführt werden, bis zu denen keine Wirtschaftlichkeitsprüfung stattfinden soll. 80 Prozent der Regress-Fälle würden künftig wegfallen.

Entbürokratisiert und beschleunigt werden sollen Antragsverfahren für ambulante Psychotherapie.

Ende der Proteste?

Längerfristig soll die Reform die Arbeit als Hausarzt oder -ärztin auch wieder für mehr junge Medizinstudierende attraktiv machen. Heute fehlen laut Hausärzteverband 5000 Hausärzte. Lauterbach räumte ein, dass es genug Ärzte geben müsse - dafür brauche es mehr Medizinstudierende. Er kündigte einen Vorschlag an, nachdem ihre Zahl um 5000 erhöht werden solle.

Der Chef des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes, Beier, lobte Lauterbachs Pläne als «richtig und wichtig». Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, begrüßte das Vorhaben im Grundsatz. Allerdings will Lauterbach den Honorardeckel nicht bei bei den weiteren Facharzt-Gruppen aufheben. Prompt kündigte der Vorsitzende des Virchowbunds, Dirk Heinrich, weitere Proteste an. «Mit dem heutigen Gesprächsergebnis sind wir jedenfalls völlig unzufrieden», teilte er mit. Die Wut an der Basis steige. «Daher ist für uns klar, dass die Proteste weitergehen müssen, wenn nicht die gesamte ambulante Versorgung durch Haus- und Fachärzte in den Blick genommen wird.» Damit könnten Patienten auch vor weiteren Praxisschließungen bei Fachärzten nicht verschont sein.

Bereits zwischen den Jahren und an einem Brückentag im Oktober waren viele Arztpraxen aus Protest geschlossen geblieben. Die Vorständin des GKV-Spitzenverbandes, Stefanie Stoff-Ahnis, mahnte: «Es darf sich keinesfalls wiederholen, dass Ärzteverbände ihren Protest auf dem Rücken der Patientinnen und Patienten austragen.»

Politik / Gesundheit / Ärzte / Karl Lauterbach / Gesundheitsminister / Deutschland
09.01.2024 · 18:49 Uhr
[9 Kommentare]
US-Präsident Trump
Brüssel/Berlin/Washington (dpa) - Die Europäische Union und die deutsche Wirtschaft kritisieren die von US-Präsident Donald Trump angekündigte Anhebung von Zöllen auf Fahrzeuge aus der EU. Die EU-Kommission behielt sich in einer ersten Reaktion Gegenmaßnahmen vor, sollte Trump seine Ankündigung tatsächlich wahr machen. Bernd Lange, Vorsitzender des […] (00)
vor 4 Minuten
Der ehemalige 'One Direction'-Star Niall Horan schreibt Olivia Rodrigo zu, verändert zu haben, wie Popmusik geschrieben wird. Er gibt zu, dass sie einen 'großen Einfluss auf Pop-Autoren' hatte.
(BANG) - Niall Horan schreibt Olivia Rodrigo zu, die Art und Weise verändert zu haben, wie Popmusik geschrieben wird. Der ehemalige 'One Direction'-Star Niall lobte Olivia, die im Juni ihr drittes Album 'You Seem Pretty Sad for a Girl So in Love' veröffentlicht, und ihren Produktionspartner Dan Nigro in höchsten Tönen. Er verriet, dass die bisherigen […] (00)
vor 11 Stunden
Neue AirPods Pro Ultra geplant: Apple integriert Kameras und Siri
Einem aktuellen Bericht des Bloomberg-Experten Mark Gurman zufolge plant Apple die Einführung einer völlig neuen Generation seiner kabellosen Kopfhörer. Diese sollen mit Infrarotkameras und einer erweiterten Siri-Integration ausgestattet sein. Das geplante Upgrade positioniert sich technisch und preislich deutlich über den regulären Pro-Modellen. AirPods Pro, Quelle: John Smit, Unsplash […] (00)
vor 11 Stunden
Steam Machine: Release in Kürze? – Neue Daten deuten auf baldigen Start hin
Bei der Steam Machine könnte sich der Release tatsächlich nähern. Der XR-Analyst Brad Lynch behauptet, dass Valves US-Lager in den vergangenen Wochen in größerer Menge als „Game Consoles“ deklarierte Ware erhalten habe. Als Quelle nennt er einen Bot, der Importdaten von Firmen überwacht. Als Importeur führt er Ingram Micro an, also Valves Vertriebs- […] (00)
vor 3 Stunden
Meryl Streep hat verraten, dass Pierce Brosnan große Angst hatte, Daniel Craig zu begegnen – dem Schauspieler, der ihn als James Bond ersetzte –, während er bei den Dreharbeiten zu 'Mamma Mia!' ein auffälliges Spandex-Kostüm trug.
(BANG) - Pierce Brosnan hatte schreckliche Angst davor, Daniel Craig zu begegnen, während er 'Mamma Mia!' drehte. Die 'Der Teufel trägt Prada 2'-Schauspielerin Meryl Streep erinnert sich noch gut an die Dreharbeiten zum ABBA-Filmmusical von 2008 in den Pinewood Studios in Großbritannien. Sie erklärte, dass ihr Co-Star – der zwischen 1995 und 2002 in […] (00)
vor 11 Stunden
Vor dem Großen Preis von Miami - Qualifying
Miami (dpa) - Formel-1-Weltmeister Lando Norris hat sich Startplatz eins für das Sprintrennen in Miami gesichert. Der Engländer von McLaren verwies in der Qualifikation für das Kurz-Event über 100 Kilometer den WM-Führenden Kimi Antonelli auf den zweiten Platz. Dem italienischen Mercedes-Piloten fehlten 0,222 Sekunden auf Norris (1: 27,869 Minuten), der […] (00)
vor 4 Stunden
cryptocurrency, blockchain, bitcoin, money, finance, digital currency, wealth, crypto, exchange, technology
Bitcoin notiert derzeit unter einer entscheidenden Kostenschwelle, die kurzfristige Halter für den Erwerb gezahlt haben. Dies deutet darauf hin, dass viele der jüngsten Käufer Verluste verzeichnen, während einer der größten Optionenverfallstermine des Monats bevorsteht. Bitcoin: Bären im Vorteil vor dem Verfall Glassnode-Daten zeigen, dass Bitcoin […] (00)
vor 1 Stunde
Mit ie-Domains den irischen Verbraucher ansprechen
Koeln, 01.05.2026 (PresseBox) - Wer mit seinen Produkten oder Dienstleistungen nach Irland expandieren möchte, denkt oft zuerst an Logistik, Vertriebspartner oder steuerliche Fragen. Ein entscheidender Erfolgsfaktor wird dabei jedoch häufig unterschätzt: die richtige Domain. Gerade die länderspezifische Endung.ie kann für Unternehmen, die den irischen Markt erschließen wollen, ein echter […] (00)
vor 7 Stunden
 
Waldbrand in der Toskana
Pisa (dpa) - Wegen eines riesigen Waldbrands haben in der Toskana mehr als 3.500 […] (00)
Thorsten Frei (Archiv)
Osnabrück - Kanzleramtschef Thorsten Frei (CDU) hat sich zum ersten Jahrestag der […] (00)
Maiwagen
Besigheim (dpa) - Ein voll besetzter Maiwagen mit Feiernden ist am Abend im Kreis […] (01)
Sebastian Fiedler (Archiv)
Düsseldorf - Der innenpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Sebastian Fiedler, […] (00)
Netflix
Los Gatos (dpa) - Netflix wird in seiner Smartphone-App künftig Clips im Hochformat […] (00)
Paul Janke
(BANG) - RTL holt einen bekannten TV-Junggesellen zurück ins Rampenlicht. Paul Janke, […] (01)
Dringende Forderungen nach Modernisierung Drei Jahre nach der Einführung des […] (00)
Primetime-Check: Mittwoch, 29. April 2026
Wie erfolgreich war Das Erste mit «Toter Winkel»? Kam «Joko & Klaas gegen ProSieben» […] (00)
 
 
Suchbegriff