Guild Wars 3 wurde gerade auf dem Summer Game Fest enthüllt – Trailer zeigt, worauf ArenaNet die nächsten Jahre alles setzt
14 Jahre nach Guild Wars 2 meldet sich ArenaNet mit einem Paukenschlag zurück: Auf dem Summer Game Fest 2026 kündigte das Studio Guild Wars 3 an – das erste komplett neue Spiel seit 2012 und der bislang riskanteste Schritt in der Geschichte des Teams. Ein Betatest ist für Herbst 2027 anvisiert, der Release auf PC, Steam und erstmals auch auf PlayStation 5 folgt irgendwann danach. Doch der Enthüllungstrailer liefert nicht nur Antworten, sondern wirft vor allem eine Frage auf: Kann ein Studio, das seit Jahren nur noch Erweiterungen gestemmt hat und dessen Mutterkonzern finanziell wackelt, überhaupt noch ein vollwertiges MMORPG abliefern?
Ein Soft-Reboot mit tausend Jahren Abstand
ArenaNet wagt mit dem Setting einen radikalen Schnitt. Guild Wars 3 spielt über tausend Jahre vor den Ereignissen des ersten Teils, in der Region Orr – einer von Magie durchdrungenen Wildnis, die für Veteranen der Reihe ein vertrauter, aber hier völlig neu interpretierter Schauplatz ist. Die Machtverhältnisse sind andere, die Zivilisation steckt noch in den Kinderschuhen, und statt etablierter Fraktionen ringen verschiedene Gilden um die Frage, wie das ungezähmte Land geschützt oder genutzt werden soll.
Im Zentrum der Ökologie stehen die Vael Geister – Naturwesen, deren Stärke direkt an den Zustand ihres jeweiligen Ökosystems gekoppelt ist. Je vitaler die Landschaft, desto mächtiger der Geist. Ein cleverer Kniff, der das Verhalten der Spieler potenziell mit spürbaren Konsequenzen verknüpfen könnte – vorausgesetzt, das System wird nicht nur als narrative Kulisse genutzt. Der Animir, eine Art Mischwesen aus Begleiter, spirituellem Bindeglied und Reittier, nimmt dabei die Schlüsselrolle ein. Im Trailer ist zu sehen, wie er als Fortbewegungsmittel durch die offene Spielwelt dient. Wer hier an die Mounts aus Guild Wars 2 denkt, liegt nicht ganz falsch – nur dass der Animir offenbar enger mit der Welt interagieren soll.
Die Spieler schlüpfen in die Rolle der Vaelwächter, Mitglieder einer Abenteurergilde, die sich dem Schutz der wilden Geister verschrieben haben. Das ist ein bewusst offen gehaltenes Konzept, das Platz für viele Spielertypen lässt. Weniger Fraktionszwang, mehr persönliche Bindung zur Welt – auf dem Papier klingt das nach einem Setting, das Einsteiger und Veteranen gleichermaßen abholt. Und genau das muss es auch: Nach 14 Jahren ohne neuen Titel und einem Franchise, das zuletzt vor allem von seiner bestehenden Community lebte, wäre jeder andere Ansatz fahrlässig.
Ein Kampfsystem, das Geschwindigkeit belohnen soll
Das Kampfsystem von Guild Wars 3 ist laut ArenaNet von Grund auf für zwei Eingabegeräte konzipiert: Controller und Tastatur. Kein nachträglich aufgepfropfter Pad-Support, sondern ein Design, das beide Steuerungsschemata gleichwertig behandeln soll. Das ist eine Kampfansage an die traditionelle MMO-Steuerung, die meist entweder das eine oder das andere bevorzugt – und am Ende oft beides nur mittelmäßig hinbekommt.
Der Fokus liegt auf Bewegung, Positionierung und Geschwindigkeit. Nahtlose Wechsel zwischen verschiedenen Bewegungsmodi sollen es ermöglichen, Tempo direkt in erhöhten Schaden und stärkere Effekte umzuwandeln. Wer schnell spielt, wird belohnt – nicht nur durch bessere Positionierung, sondern mechanisch. Der Trailer zeigt fließende Übergänge zwischen Sprinten, Ausweichen und Angriffen, die an Action-Titel erinnern. Ob das in der Hektik eines Massen-Raids oder im PvP tatsächlich so präzise funktioniert, wie der Trailer suggeriert, ist eine andere Frage. Controller-Kampf im MMO-Bereich hat eine lange Geschichte ambitionierter Versuche und mittelmäßiger Ergebnisse – von TERA bis New World.
Spannend ist die Frage, wie tief die Build-Vielfalt wirklich geht. Die Rohdaten versprechen „umfassend anpassbare Charaktere mit zahlreichen Fertigkeiten“. Das ist exakt die Formulierung, die man auch vor dem Launch von Guild Wars 2 hätte lesen können – und damals wurde geliefert. Ob ArenaNet dieses Niveau nach all den Jahren und Personalwechseln noch erreicht, steht auf einem anderen Blatt.
Was ArenaNet seit 2012 getrieben hat – und was nicht
Um die Fallhöhe dieser Ankündigung zu verstehen, lohnt ein Blick auf das letzte Jahrzehnt des Studios. Die Timeline ist ernüchternd:
- 2012: Guild Wars 2 erscheint, wird zum am schnellsten verkauften westlichen MMO aller Zeiten und setzt mit dynamischen Events und dem Verzicht auf ein Abo-Modell neue Maßstäbe.
- 2015: Heart of Thorns, die erste Erweiterung, bringt Gleiten und anspruchsvolle Gruppengebiete – wird aber für den Grind kritisiert.
- 2017: Path of Fire führt Mounts ein, die bis heute als Maßstab im Genre gelten. Das Studio ist auf dem Zenit.
- 2019: Der Bruch. ArenaNet entlässt über ein Viertel seiner Belegschaft, NCSoft strukturiert das Studio radikal um. Ein unangekündigtes Projekt wird eingestampft. Der Fokus liegt plötzlich nur noch auf Guild Wars 2.
- 2020–2022: Die Icebrood-Saga endet enttäuschend, End of Dragons liefert solide, aber glanzlose Kost.
- 2023–2025: Secrets of the Obscure und Janthir Wilds setzen auf kleinere, jährliche Erweiterungen. Weniger Features, kürzere Storys – die Community reagiert gespalten.
- 2024/2025: NCSoft streicht sechs Projekte und baut rund 1.000 Stellen ab. ArenaNet bleibt verschont, aber die Frage ist: Für wie lange?
Der Punkt: Guild Wars 3 ist kein Projekt aus einer Position der Stärke. Es ist der Versuch, ein Studio und eine Marke zu revitalisieren, die in den letzten Jahren sichtbar an Momentum verloren haben. Colin Johanson, der sowohl als Game Director als auch als Studioleiter fungiert, nennt es in der offiziellen Ankündigung eine „neue Ära für MMORPGs im Allgemeinen“. Das ist eine mutige Ansage für ein Team, dessen letztes neues Spiel älter ist als viele seiner potenziellen Spieler.
Warum die PS5 ein riskanter Schachzug ist
Dass Guild Wars 3 auf der PlayStation 5 erscheint, markiert einen historischen Einschnitt: Der dritte Teil ist der erste Serienableger, der jemals auf Konsole kommt. Kein Vorgänger, nicht einmal die kürzlich veröffentlichte mobile Neuauflage Guild Wars Reforged, hat diesen Schritt gewagt. Man kann diesen Move durchaus so lesen, wie er gemeint ist: ArenaNet braucht ein größeres Publikum, und das sitzt nun mal auch auf der Couch.
Das Problem: Der Betatest ist für Herbst 2027 geplant. Ein finaler Release vor 2028 scheint unrealistisch. Zu diesem Zeitpunkt wird die PS5 rund acht Jahre auf dem Buckel haben – und die PS6 höchstwahrscheinlich bereits angekündigt oder sogar erhältlich sein. Ein MMO, das technisch auf einer scheidenden Konsolengeneration fußt, startet mit einem strukturellen Nachteil.
Dennoch: Wer jetzt zugreifen will, kann Guild Wars 3 auf Steam und im PlayStation Store auf die Wunschliste setzen. Konkrete Preise gibt es nicht, ebenso wenig wie Details zu Editionen, Monetarisierung oder einem möglichen Abo-Modell. ArenaNet hält sich bedeckt – und das ist nach der wechselvollen Geschichte des Studios vielleicht die einzig vernünftige Strategie.


