Fahrt über Weihnachtsmarkt

Fehler an vielen Stellen – Was folgt aus Magdeburg-Anschlag?

19. Mai 2026, 15:02 Uhr · Quelle: dpa
Abschlussbericht Untersuchungsausschuss Weihnachtsmarkt
Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa
15 Monate lang hat der Landtag von Sachsen-Anhalt den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt intensiv aufgearbeitet.
Betonblöcke am falschen Platz, Warnungen ignoriert: Wie Behördenversagen und Fehler den Anschlag auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt begünstigten – und welche Schritte nun eingeleitet werden könnten.

Magdeburg (dpa) - 30 Sitzungen, 141 Zeugen, mehr als 400 Seiten Abschlussbericht – 15 Monate lang hat der Landtag von Sachsen-Anhalt den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt intensiv aufgearbeitet. Über allem schwebte die Frage: Hätte die Todesfahrt, bei der im Dezember 2024 sechs Menschen starben und mehr als 300 Personen teils schwerst verletzt wurden, verhindert werden können?

Ein zentrales Ergebnis: Schwächen und Fehler im Handeln von Behörden haben es dem Täter zumindest leicht gemacht, die Tat zu begehen, wie Vertreter von CDU, SPD und FDP bei der Vorstellung des Abschlussberichts zum parlamentarischen Untersuchungsausschuss deutlich machten. Was ist sonst noch im herausgekommen?

Mangelhaftes Sicherheitskonzept

Bei der Abnahme des Weihnachtsmarkts sind Fehler passiert, zudem wurde die Positionierung der Betonblöcke als Schutzmaßnahme hinterfragt. Der Täter war zwischen einer Fußgängerampel und einer Betonblocksperre hindurch auf den Weihnachtsmarkt gefahren.

Die Oppositionsfraktionen haben hier eine klare Auffassung. «Die Tat, so wie sie vorgenommen worden ist, wäre verhinderbar gewesen», sagte Linken-Fraktionschefin Eva von Angern. Sie kritisiert die Stadt und den Veranstalter. «Fakt ist: Die Steine standen nicht dort, wo sie hätten stehen müssen laut Sicherheitskonzept.»

Das sehen die Grünen ähnlich. Schutzkonzepte müssten immer wieder angepasst und Maßnahmen auf ihre Wirksamkeit überprüft werden, sagte Obmann Sebastian Striegel. «Das ist nicht geschehen. Dafür trägt die Stadt Magdeburg die Verantwortung.» Die AfD bewertet den Anschlag als «Resultat eines komplexen Behördenversagens».

Die Koalition ist zurückhaltender bei der Frage, ob der Anschlag hätte verhindert werden können. «Diese Frage kann man weder klar mit Ja noch mit Nein beantworten», sagte die CDU-Obfrau Kerstin Godenrath.

Fehler bei der Polizei

Dem Landeskriminalamt (LKA) und anderen Polizeibehörden lagen vor dem Anschlag immer wieder Informationen zum späteren Täter vor. Dieser erstattete selbst Anzeigen, zudem wurde mehrfach gegen ihn ermittelt. Die Informationen wurden aber nicht zentral zusammengeführt. Mehrere Abgeordnete kritisieren zudem, dass das LKA die Radikalisierung des Täters nicht erkannt habe.

«Einzeln betrachtet schien jedes Zeichen gering. Im Gesamtbild war es ein Mensch, der früher hätte erkannt werden müssen», betonte der Obmann der FDP-Fraktion, Guido Kosmehl. Er bemängelte zudem die Kommunikation der Polizei am Anschlagsabend. Es hätten viel zu lange Gerüchte die Runde gemacht, sagte Kosmehl.

Probleme beim Arbeitgeber

Der Todesfahrer hatte vor dem Anschlag beim landeseigenen Gesundheitsunternehmen Salus als Arzt gearbeitet. Seine Personalakte hatte erhebliche Lücken. Zudem zweifelten Kollegen an den fachlichen Qualifikationen des Mannes aus Saudi-Arabien. Für eine Reihe von Aufgaben wurde er gar nicht erst eingesetzt.

Ein paar Monate vor dem Anschlag sorgte sich ein Kollege um die Verfassung von Taleb al-Abdulmohsen und gab diesen Hinweis per E-Mail an Vorgesetzte weiter. Al-Abdulmohsen hatte in einem Gespräch im Dienstzimmer gesagt, er befände sich in einem Krieg, «aber nicht im metaphorischen Sinn, sondern in einem wirklichen Krieg, dessen Ausgang entweder sterben oder umbringen sein wird». Diese Nachricht sei vom Ärztlichen Direktor negiert und nicht weiter verfolgt worden, kritisierte Godenrath.

Welche Konsequenzen werden gezogen?

Um gefährliche Personen frühzeitig zu erkennen, drängt die schwarz-rot-gelbe Koalition nun auf die Etablierung eines Bedrohungsmanagements. Dies soll unterhalb der Schwelle klassischer «Gefährder» erfolgen. Menschen wie al-Abdulmohsen dürften nicht durchs Raster fallen, sagte Godenrath.

«Gefährder» sind Menschen, bei denen es konkrete Anhaltspunkte gibt, dass sie politisch motivierte Straftaten von erheblicher Bedeutung begehen werden. Zu ihnen können etwa Islamisten oder Rechtsextremisten zählen. Gefährder können eng überwacht werden, zudem werden Analysen und Fallkonferenzen durchgeführt. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes waren Anfang April 2025 in Deutschland 575 Personen als Gefährder eingestuft.

In eine solche Kategorie wurde der Magdeburger Todesfahrer vor dem Anschlag jedoch nicht eingeordnet. Beim Bedrohungsmanagement sollen künftig auch wichtige nichtpolizeiliche Institutionen und forensische Experten einbezogen werden.

Die Koalition verlangt außerdem eine Klärung der genauen Zuständigkeiten von Veranstaltern, Kommunen und Polizei in Sachsen-Anhalt. Im Ausschuss ist immer wieder deutlich geworden, dass die Behörden unterschiedliche Auffassungen zur Absicherung von Großveranstaltungen haben. Diese «Verantwortungsdiffusion» müsse aufgelöst werden, sagte SPD-Obmann Falko Grube. Der Landtag soll dazu Vorschläge erarbeiten.

Rücktritte von Verantwortlichen gab es keine. Es sei auch nicht Zweck des Ausschusses gewesen, dass am Ende Köpfe rollten, sagte Grube. Er habe «viele Fehler an vielen Stellen» festgestellt. Man könne aber nicht eine Person als Hauptverantwortlichen benennen.

So geht es weiter

Seit November 2025 verhandelt das Landgericht Magdeburg in einem eigens errichteten Interimsgebäude gegen den Todesfahrer. Anfang Juni könnten die Plädoyers beginnen.

Es wird jedoch auch noch gegen andere Personen ermittelt. Die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg prüft mögliche Fehler beim Sicherheitskonzept. Dabei geht es etwa um die Frage, ob bei der Erstellung und Genehmigung des Konzeptes Sorgfaltspflichten verletzt worden sind, wie Oberstaatsanwalt Klaus Tewes der Deutschen Presse-Agentur sagte.

Insgesamt sind bei der Generalstaatsanwaltschaft bislang 53 Strafanzeigen im Zusammenhang mit dem Anschlag eingegangen. «Tatvorwürfe sind dabei regelmäßig fahrlässige Körperverletzung durch Unterlassen und fahrlässige Tötung durch Unterlassen», sagte Tewes.

Notfall / Kriminalität / Landtag / Kommune / Anschlag / Sachsen-Anhalt / Untersuchungsausschuss
19.05.2026 · 15:02 Uhr
[1 Kommentar]
Angela Merkel am 18.05.2026
Berlin - BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht unterstützt die Forderung von Ex-Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach mehr diplomatischen Bemühungen zur Beendigung des Ukraine-Kriegs. Sie stimme Merkel in dieser Frage "natürlich" zu und werbe selbst schon lange für einen solchen Schritt, sagte die ehemalige BSW-Vorsitzende am Dienstag dem Nachrichtensender […] (00)
vor 4 Minuten
Seit der Teillegalisiereung von Cannabis in Deutschland ist das Interesse am Eigenanbau enorm gestiegen. Die Möglichkeit, bis zu drei Pflanzen für den persönlichen Bedarf zu kultivieren, eröffnet vielen eine neue Welt der Botanik und Selbstversorgung. Doch bevor die erste Ernte eingefahren werden kann, steht eine entscheidende Frage im Raum: Wo und wie […] (00)
vor 46 Minuten
Das Logo des Videostreamingportals Prime Video
München (dpa) - Eine Sammelklage von bisher 220.000 deutschen Verbrauchern gegen die Werbepraxis beim Streamingdienst Amazon Prime droht in erster Instanz zu scheitern. Das Bayerische Oberste Landesgericht hat bei der Verhandlung am Dienstag in München erhebliche Zweifel an der Zulässigkeit der Klage aufgeworfen, teilte die Verbraucherzentrale Sachsen, […] (00)
vor 35 Minuten
Forza Horizon 6 Premium Edition soll bereits über 140 Millionen Dollar umgesetzt haben
Obwohl das eigentliche Spiel erst jetzt offiziell erscheint, sorgt die Forza Horizon 6 Premium Edition bereits für beeindruckende Zahlen. Laut aktuellen Berichten soll Microsoft mit der teuersten Version des Rennspiels schon über 140 Millionen US-Dollar umgesetzt haben. Der Grund dafür liegt vor allem im kostenpflichtigen Early Access. Käufer der […] (00)
vor 8 Minuten
Miles Teller
(BANG) - Miles Teller sagt, der Verlust seines Hauses bei den Waldbränden in Los Angeles im vergangenen Jahr habe seine Darstellung in 'Paper Tiger' beflügelt. Der 39-jährige Miles Teller übernimmt eine Rolle in dem Krimidrama von James Gray, das von zwei Brüdern erzählt, die gemeinsam mit ihren Familien durch die russische Mafia in große Gefahr […] (00)
vor 3 Stunden
Manuel Neuer und Julian Nagelsmann
Frankfurt/Main (dpa) - Der Countdown tickt und die Kritik reißt nicht ab. Julian Nagelsmann muss sich wegen seiner Kommunikation um eine brisante WM-Rückkehr von Rekordtorwart Manuel Neuer und die erwartete Degradierung von Oliver Baumann einen bissigen Kommentar nach dem anderen gefallen lassen. Während der Fußball-Bundestrainer Telefonat um Telefonat führt, […] (05)
vor 3 Stunden
Das Nagarro Beben: Warum das IT Einhorn trotz Millionen Gewinnen am Abgrund steht
Der Münchner IT-Dienstleister Nagarro gleicht derzeit einem Patienten, dessen Vitalwerte auf dem Monitor stabil erscheinen, während das Vertrauen der Angehörigen im Wartezimmer kollabiert. Am Freitagvormittag spielten sich auf dem Frankfurter Parkett dramatische Szenen ab: Trotz einer bestätigten Prognose und gestiegener Gewinne sackte das Papier auf […] (00)
vor 37 Minuten
Hand aufs Herz: Die wenigsten Menschen verbringen ihre Freizeit gerne mit Putzen. Gerade nach einem langen Arbeitstag möchte niemand erst staubsaugen, danach den Wischer holen und am Ende trotzdem noch Flecken auf dem Boden entdecken. Genau deshalb erleben moderne Nass Trockensauger aktuell einen echten Boom in Deutschland. Sie nehmen einem nicht nur […] (00)
vor 51 Minuten
 
Computer-Nutzer (Archiv)
München - Jeder fünfte Selbständige in Deutschland sieht aktuell seine Existenz in […] (00)
Trump zu Medikamentenpreise
Washington/Teheran (dpa) - US-Präsident Donald Trump verzichtet nach eigenen Angaben […] (04)
Heidi Reichinnek (Archiv)
Berlin - Die Fraktionsvorsitzende der Linken, Heidi Reichinnek, rechnet nach dem […] (02)
Eva Maria Welskop-Deffaa (Archiv)
Berlin - Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa hat die Pläne von […] (00)
«Erdbeeren – Genuss mit Beigeschmack»: ZDF-Doku hinterfragt globalen Boom
Eine neue Reportage beleuchtet die Schattenseiten eines beliebten Lebensmittels zwischen […] (01)
Lothar Matthäus
Berlin (dpa) - Die Weltmeister-Kapitäne Lothar Matthäus und Philipp Lahm haben den […] (07)
Dolly Parton
(BANG) - Dolly Parton betont, dass sie und Sir Paul McCartney niemals "in Rente […] (00)
MSI präsentiert den MAG OLED 271QPX32
Der neue Monitor MAG OLED 271QPX32 feiert seine Premiere auf der Computex 2026. Das […] (00)
 
 
Suchbegriff