Investmentweek

Europas Chemie bröckelt – Dow zieht den Stecker

10. Juli 2025, 17:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Die Schließung von Dows Cracker in Böhlen zeigt die alarmierende Abwärtsspirale der europäischen Chemiebranche. Hohe Kosten und regulatorische Hürden lassen viele Unternehmen abwandern.

Wenn der Cracker fällt, fällt alles

550 Arbeitsplätze. Zwei Werke. Eine Region in Aufruhr. Dow Chemical macht in Ostdeutschland dicht – und reißt mit einem Schlag ein Loch in die industrielle Substanz zwischen Halle und Leipzig.

Die Schließung betrifft nicht irgendeine Anlage, sondern den sogenannten Cracker in Böhlen, das Herzstück der regionalen Basischemie. „Wenn der Cracker abgeschaltet wird, fallen vor- und nachgelagerte Betriebe wie Dominosteine“, warnt Michael Vassiliadis, Vorsitzender der Industriegewerkschaft IGBCE.

Was gerade in Sachsen passiert, ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck einer Entwicklung, die sich seit Jahren abzeichnet – und nun rasant Fahrt aufnimmt: Europas Großchemie zieht sich zurück.

Der Exodus der Basischemie

Eine exklusive Analyse des europäischen Chemieverbands Cefic zeigt: Seit 2021 wurden Produktionskapazitäten in Höhe von über 13 Millionen Tonnen an mehr als 20 Standorten in Europa zur Schließung angekündigt.

Die Welle rollt quer über den Kontinent – von BASF in Ludwigshafen bis Total Energies in Antwerpen, von Ineos im Ruhrgebiet bis Bayer in Frankfurt. Auch Shell und Sabic überdenken ihre Standorte.

Ein Brennglas auf die Ursachen: hohe Energiepreise, alternde Anlagen, ein regulatorischer Flickenteppich – und ein globaler Wettbewerb, der keine Rücksicht nimmt.

Energiepreise viermal höher als in den USA

Für die energieintensive Basischemie sind die Standortnachteile in Europa längst existenzbedrohend. Der Gaspreis in der EU liegt laut VCI aktuell etwa viermal höher als in den Vereinigten Staaten.

Gleichzeitig hinken europäische Werke technologisch oft Jahrzehnte hinterher – Investitionen in Modernisierung scheuen viele Konzerne angesichts unsicherer Rahmenbedingungen.

Stattdessen investieren sie anderswo. In China und im Nahen Osten entstanden in den vergangenen Jahren neue Mega-Cluster der Großchemie. Dort ist nicht nur die Energie billiger – auch der politische Wille zur Industriepolitik wirkt ungleich entschlossener.

Die Rückkehr der Importabhängigkeit

Die wirtschaftlichen Folgen des Rückzugs aus der Basischemie sind schwer zu quantifizieren, aber politisch brisant. Jim Ratcliffe, Gründer des britischen Chemiekonzerns Ineos, warnt bereits vor einer „neuen gefährlichen Abhängigkeit von Rohstoffimporten aus China und den USA“.

Trotz politischer Ankündigungen rechnet die Branche nicht mehr mit einer Trendumkehr – Investitionen fließen längst in günstigere Regionen.

Der Verband der Chemischen Industrie (VCI) schlägt in dieselbe Kerbe: Geht die Basischemie, fällt die industrielle Autonomie Europas.

Denn die Grundchemie ist nicht nur irgendeine Branche – sie ist das Fundament für viele andere: Automobil, Bau, Pharma, Elektronik. Ihre Produkte stecken überall drin. Fällt sie weg, brechen auch Teile der industriellen Wertschöpfungskette ein.

Ein Green Deal ohne Business Case

Nicht nur die Industrie, auch die Politik hat das Problem erkannt. Doch ihre Reaktion kommt spät – vielleicht zu spät. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat diese Woche ein Paket zur Entlastung der Chemieindustrie angekündigt: weniger Bürokratie, angepasste Chemikalienverordnungen, überarbeitete Grenzwerte. Der Plan soll der Branche wieder Perspektiven geben.

Doch viele in der Branche zweifeln, dass damit noch eine Trendwende gelingt.

„Der Green Deal hat gute Absichten geliefert, aber keinen Business Case“, sagt der CDU-Europaabgeordnete Christian Ehler.

Das Fazit: Klimaziele ja, aber ohne wirtschaftliche Umsetzungsstrategie.

China produziert, Europa verliert

Die Dynamik des Marktes spricht eine deutliche Sprache: China hat seine Kapazitäten für Massenchemikalien zuletzt massiv ausgebaut – in Erwartung eines Nachfragebooms, der bisher ausblieb. Nun drängen chinesische Produzenten mit Niedrigpreisen nach Europa. Der Preiskampf ist eröffnet, europäische Werke geraten zusätzlich unter Druck.

Laut der Ratingagentur S&P hat sich Europa damit in eine gefährliche Position manövriert: Während die EU noch am regulatorischen Rahmenwerk feilt, agiert der Rest der Welt längst mit Tempo, Preisvorteilen und politischem Rückenwind.

Brüssel verspricht, was längst überfällig ist

Der neue Aktionsplan der EU sieht Einsparungen von 363 Millionen Euro jährlich für die Chemiebranche vor – durch Deregulierung, Bürokratieabbau und gezielte Standortförderung.

Zudem will man prüfen, wie bei Importwellen aus Drittstaaten schneller reagiert werden kann. Auch beim brisanten Thema PFAS – einer Chemikalie, deren Verbot für große Unsicherheit in der Branche sorgt – sind Ausnahmen geplant.

Doch was auf dem Papier nach Unterstützung aussieht, kommt vielen Konzernchefs wie ein Trostpflaster vor. Denn die aktuellen Stilllegungen, Werksschließungen und Personalabgänge sind bereits beschlossene Sache.

Strukturwandel oder schleichender Kontrollverlust?

Die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer spricht offen aus, was viele Ökonomen denken: Europa müsse weg von der energieintensiven Industrie. Produkte könnten importiert werden – günstiger, effizienter, global arbeitsteilig.

Die Branche sieht das anders. Conrad Keijzer, Chef des Spezialchemiekonzerns Clariant, warnt: „Wir machen uns erneut vom Ausland abhängig – auch sicherheitspolitisch.“ Der Ukrainekrieg habe gezeigt, wie riskant einseitige Abhängigkeiten bei Grundstoffen seien.

Finanzen / Märkte / Chemieindustrie / Energiepreise / Standortnachteile
[InvestmentWeek] · 10.07.2025 · 17:00 Uhr
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