70. Eurovision Song Contest

Europa wählt «Bangaranga» – Bulgarien gewinnt wild den ESC

17. Mai 2026, 12:56 Uhr · Quelle: dpa
70. Eurovision Song Contest
Foto: Jens Büttner/dpa
Siegerin Dara konnte ihr Glück kaum fassen.
Mit «Bangaranga» gewinnt Bulgarien erstmals den ESC – und überstrahlt damit sogar die hitzigen Debatten und Proteste rund um Israels Teilnahme. Deutschlands Auftritt dagegen verpufft beim Publikum.

Wien (dpa) - «Bangaranga»: Mit einer Mischung aus Elektro-Beats, Balkan-Pop-Anklängen und der wilden Energie der Sängerin Dara hat Bulgarien erstmals den Eurovision Song Contest gewonnen. Die 27-Jährige lieferte beim ESC-Finale in Wien eine fulminante Show und mit ihrem Lied «Bangaranga» einen Refrain, an dem niemand vorbeikam. Mit Abstand erhielt sie die meisten Punkte. Deutschland landete mit der sehr viel konventionelleren Pop-Nummer «Fire» von Sarah Engels dagegen abgeschlagen auf Platz 23.

Das Interesse am ESC blieb in der Bundesrepublik allerdings ungebrochen. Durchschnittlich 8,935 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer verfolgten das Finale des ESC bei den ARD-Fernsehsendern Das Erste und One. Der gemeinsame Marktanteil – also die Einschaltquote – habe damit bei 46,8 Prozent gelegen, so die ARD. Ein Ausnahmewert.

Der Sieg Bulgariens versöhnte etliche ESC-Fans mit dem Wettbewerb, der zuletzt drohte, an der Kontroverse um die Teilnahme Israels zu zerbrechen. «Bangaranga» hielt mit maximaler Unbeschwertheit dagegen. Der dazugehörige Tanz erinnerte charmant an die Dynamik einer fröhlichen Gruppe im Stuhlkreis. «Ich fühle mich wundervoll», bilanzierte Sängerin Dara im bulgarischen Fernsehen.

Für das kleine südosteuropäische Land war es der erste ESC-Sieg überhaupt. Seit 2005 erst nimmt Bulgarien an dem Wettbewerb teil. Häufig qualifizierte es sich nicht für das Finale. In den vergangenen drei Jahren – von 2023 bis 2025 – hatte es sogar pausiert, aus finanziellen Gründen. Das Land gehört zu den ärmsten EU-Ländern. Nun bittet es die Pop-Welt zum Tanz beim ESC 2027. «Bulgarien erwartet Europa und die Welt bei der Eurovision 2027», schrieb Regierungschef Rumen Radew auf Facebook.

Was Bulgarien gelang, ging bei Deutschland schief. Sarah Engels ging mit Startnummer 2 ins Rennen – im ESC-Kosmos traditionell der Todesplatz, von dem aus noch nie ein Beitrag gewann.

Schorn über Engels' Auftritt: «Was haben wir alles abgebrannt»

Die 33-Jährige zeigte dann eine aufwendige Choreographie mit sehr viel Pyrotechnik. «Was haben wir alles abgebrannt», bemerkte ESC-Kommentator Thorsten Schorn. «Jetzt geht der Spritpreis wieder hoch.» Der 50-Jährige wurde auch nicht müde zu betonen, dass Engels in Wien «die Herzen» zugeflogen seien. Nur: Es half nichts.

Punkte flogen nur wenige herbei – von einer Handvoll Jurys aus Bulgarien, Belgien, Portugal und Italien. Publikumspunkte gab es keine. Dass das nicht bedeutet, niemand habe angerufen, sondern nur, dass es nirgends für die Top 10 reichte, versuchte Schorn noch einzuordnen.

Engels selbst nahm das Ergebnis in ihrer Art pragmatisch auf. Sie habe ihr Möglichstes getan. «Man steckt nicht drin», erklärte sie ihren 1,8 Millionen Instagram-Followern noch in der Nacht. Schon in zwei Tagen werde sie in Köln wieder als Musical-Darstellerin auf einer Bühne stehen. 

«Trotzdem sind wir natürlich enttäuscht»

Engels war in einem vom Südwestrundfunk (SWR) organisierten Vorentscheid zum deutschen Beitrag gekürt worden. Der Sender hat innerhalb der ARD erstmals wieder die Federführung für den ESC übernommen. Zuvor lag die Verantwortung fast 30 Jahre lang beim Norddeutschen Rundfunk (NDR).

Engels habe einen «überzeugenden Auftritt» hingelegt, sagte SWR-Programmdirektor Clemens Bratzler. «Trotzdem sind wir natürlich enttäuscht über die Platzierung, auch wenn für uns diese eine Zahl nicht im Fokus stand.»

In den vergangenen zehn Jahren lief es für deutsche Künstler immer wieder miserabel beim ESC – oft landeten sie auf letzten oder vorletzten Plätzen. Nach einem kleinen Zwischenhoch zeigt die Kurve nun auch wieder nach unten – nach Platz 12 (2024) und Platz 15 (2025) folgte nun Platz 23.

Boykotte wegen Israel

Spanien, die Niederlande, Irland, Slowenien und Island boykottierten den ESC, weil sie das Vorgehen Israels im Gazastreifen verurteilen. Auslöser des Gaza-Kriegs war ein Massaker der islamistischen Hamas und anderer Terroristen in Israel am 7. Oktober 2023.

Während des Auftritts des israelischen Sängers Noam Bettan blieben in der Halle trotz Befürchtungen Störaktionen aus. Bei der Punktevergabe für seinen dreisprachigen Song «Michelle» sowie beim Public Viewing vor dem Wiener Burgtheater mischten sich jedoch lautstarke Rufe in die Kulisse. Zudem nahm die Polizei nahe der Veranstaltungshalle 14 propalästinensische Aktivisten unter anderem wegen Verstößen gegen das Vermummungsverbot fest.

Israel bekam erneut sehr viele Punkte vom Publikum – aus einem achten Platz bei den Jurys wurde so ein zweiter Platz im Gesamt-Ranking. Zeitweise schien sogar der Sieg greifbar. Die Debatte um Israels Teilnahme und den politischen Gehalt des ESC werden absehbar weitergehen.

Österreichische Show wirkte etwas behäbig

Drinnen inszenierte Wien sich gewohnt nostalgisch. Passend zu Österreichs Hauptstadt war der sogenannte Green Room, in dem die Teilnehmer während der Show ihren Punkten entgegen bangten, im Stil eines plüschigen roten Wiener Kaffeehauses gestaltet.

Das Host-Duo war bemüht locker. Die «Let's Dance»-Moderatorin Victoria Swarovski und der Schauspieler Michael Ostrowski blieben aber in den Augen vieler weit weniger lustig als letztes Jahr in Basel Sandra Studer und Hazel Brugger. Als «Professor Eurovision» etwa dozierte Swarovski in Hörsaal-Einspielern akademisch und arg zahlenlastig ESC-Expertise.

ESC / Bulgarien / Deutschland / Israel / Musik / Fernsehen / Sarah Engels
17.05.2026 · 12:56 Uhr
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