Investmentweek

Die Reimann-Milliarden schmelzen

22. März 2025, 18:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Die JAB Holding verliert durch sinkende Aktienkurse ihrer Beteiligungen Milliarden an Wert. Nun soll eine Neuausrichtung das Portfolio stabilisieren – mit Lebensversicherern statt Kaffee und Kosmetik.

Die deutschen Industriellenerben der Familie Reimann sind in der Wirtschaftswelt für ihr weitverzweigtes Firmenimperium bekannt. Über die Beteiligungsgesellschaft JAB Holding steuern sie ein Portfolio, das von Jacobs Kaffee über die Donut-Kette Krispy Kreme bis hin zu Kosmetik- und Parfüm-Marken reicht.

Doch während die JAB-Unternehmen operativ stabil bleiben, erleidet die Holding durch fallende Börsenkurse dramatische Wertverluste. Innerhalb eines Jahres schrumpfte das Gesamtvermögen der Reimanns um fast zehn Milliarden Dollar.

Jetzt folgt der nächste strategische Kurswechsel: Künftig will die JAB Holding weniger auf den schwankenden Konsumgütersektor setzen und stattdessen in Versicherungen investieren. Der Kauf des US-Lebensversicherers Prosperity Life Group ist dabei nur der erste große Schritt.

Milliardenverluste trotz solider Geschäfte

Die JAB Holding ist seit Jahren einer der größten Player im globalen Konsumgütergeschäft. Doch 2024 wurde die Schwäche dieses Sektors deutlich: Unternehmen wie der Beauty-Konzern Coty und der Kaffeehersteller JDE Peet’s verloren an der Börse jeweils rund ein Drittel ihres Wertes.

JAB will sich von einem Milliardenpaket der Keurig Dr Pepper-Aktien trennen. Das freigesetzte Kapital könnte in weitere Versicherungskäufe fließen. Kritiker warnen jedoch vor einer einseitigen Fokussierung auf den Finanzsektor.

Das hat gravierende Folgen für JAB: Innerhalb von zwölf Monaten schrumpfte der Gesamtwert der Beteiligungen um mehr als 30 Prozent auf 23,7 Milliarden Dollar.

Vergleicht man diese Entwicklung mit dem globalen Aktienindex MSCI World, der im selben Zeitraum um 17 Prozent zulegte, wird die Underperformance der JAB-Beteiligungen noch deutlicher.

Dabei entwickelten sich die JAB-Unternehmen operativ durchaus robust: Trotz Inflation und schwankender Konsumausgaben konnten viele Marken ihre Margen und ihren Cashflow verbessern. Auch die Ratingagentur S&P würdigte die Stabilität der operativen Kennzahlen – doch an der Börse bleibt die Unsicherheit groß.

Warum JAB sich von Kaffee und Kosmetik entfernt

Seit Jahrzehnten war das Konsumgütergeschäft das Rückgrat der Reimann-Dynastie. Die JAB-Beteiligungen galten als defensiv und krisenresistent – insbesondere in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit.

Doch die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass selbst Lebensmittel- und Getränkeunternehmen nicht immun gegen externe Schocks sind.

Durch den Rückzug vieler Beteiligungen von der Börse sinkt die Transparenz der JAB Holding. Die Ratingagentur S&P hat das JAB-Rating deshalb bereits von „BBB+“ auf „BBB“ herabgestuft – eine Warnung für Investoren.

Lieferkettenprobleme durch die Pandemie, steigende Rohstoffpreise, geopolitische Spannungen und der Klimawandel haben die Kalkulierbarkeit in diesem Markt erschwert. Um das Portfolio widerstandsfähiger zu machen, setzt JAB nun auf einen völlig neuen Schwerpunkt: Versicherungen.

Versicherungen als neues Standbein

Unter der Führung des neuen JAB-Chefs Joachim Creus verfolgt die Holding einen klaren Plan: Während Konsumgüter von Inflation und wirtschaftlichen Schwankungen abhängig sind, gelten Versicherungen als defensiver Sektor.

„Konsumgüter und Versicherungen reagieren auf wirtschaftliche Faktoren wie hohe Zinsen gegenläufig“, heißt es in einem aktuellen Bericht der JAB Holding.

Die erste große Akquisition in diesem Bereich ist bereits unter Dach und Fach: Ende Februar kündigte JAB den Kauf des US-Lebensversicherers Prosperity Life Group an – ein Milliarden-Deal, der in der Branche für Überraschung sorgte. Die Übernahme soll in der zweiten Jahreshälfte abgeschlossen werden, sobald die Regulierungsbehörden grünes Licht geben.

Mit diesem Schritt geht JAB noch weiter als bei früheren Diversifikationsmaßnahmen. Bereits in den vergangenen Jahren investierte die Holding in Tierkliniken und Haustierversicherungen.

Jetzt sollen klassische Lebensversicherer das zweite große Standbein neben Konsumgütern werden. Um den neuen Fokus zu untermauern, wurden gleich mehrere erfahrene Versicherungsmanager in die JAB-Führung berufen.

Milliarden aus dem Getränkegeschäft fließen um

Während JAB sein Versicherungsengagement ausbaut, wird gleichzeitig Kapital aus bestehenden Beteiligungen umgeschichtet. Insbesondere der Getränkekonzern Keurig Dr Pepper steht dabei im Fokus: JAB will erneut ein großes Aktienpaket veräußern – mit einem geschätzten Wert von rund drei Milliarden Dollar.

Diese Einnahmen könnten unmittelbar in neue Übernahmen fließen. Branchenkenner gehen davon aus, dass Prosperity Life nicht die letzte Akquisition bleibt. JAB könnte in den kommenden Jahren weitere Versicherungsgesellschaften kaufen, um das Portfolio weiter umzubauen.

Börsengänge als nächste Schritte: Zwei IPOs für 2026 geplant

Ein weiterer Teil der neuen Strategie sind geplante Börsengänge, um frisches Kapital zu generieren. 2026 sollen zwei JAB-Beteiligungen den Schritt aufs Parkett wagen:

  • Panera Brands: Die Bäckereikette wurde 2017 für sieben Milliarden Dollar übernommen und sollte ursprünglich bereits 2022 an die Börse gehen. Doch wegen des schwachen Marktumfelds wurde das IPO mehrfach verschoben. Jetzt soll es 2026 endlich soweit sein.
  • NVA (National Veterinary Associates): Das Unternehmen betreibt Tierkliniken und Tierarztpraxen in den USA und Europa. Auch hier soll der Börsengang 2026 Kapital für neue Expansionspläne freisetzen.

Sollten diese IPOs erfolgreich verlaufen, könnte JAB damit weiteres Kapital für Zukäufe im Versicherungssektor freimachen.

Kritik an der neuen Strategie

Während Analysten den neuen Fokus auf Versicherungen grundsätzlich positiv bewerten, gibt es auch kritische Stimmen. Die Ratingagentur S&P hat das JAB-Rating von „BBB+“ auf „BBB“ gesenkt – trotz der strategischen Neuausrichtung. Der Grund: Immer mehr JAB-Beteiligungen sind nicht mehr börsennotiert, was die Transparenz verringert.

Der Anteil börsennotierter Unternehmen im JAB-Portfolio lag Ende 2024 nur noch bei 51 Prozent – Tendenz sinkend. Durch den Kauf von Prosperity Life könnte dieser Wert weiter abnehmen, da Versicherungsunternehmen oft privat geführt werden.

Ein weiteres Risiko besteht in der Kapitalverschiebung: JAB investiert Milliarden in neue Geschäftsmodelle, verkauft aber gleichzeitig bewährte Beteiligungen im Konsumgüterbereich. Sollte der Versicherungssektor doch nicht so stabil sein wie erhofft, könnte dies mittelfristig problematisch werden.

Finanzen / Quartalszahlen
[InvestmentWeek] · 22.03.2025 · 18:00 Uhr
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