Warum der Dry January ein strukturelles Preisproblem offenlegt
Wer im Januar auf Alkohol verzichtet, tut das in Deutschland gegen einen bemerkenswerten Preisvorteil an. Bier, Wein und Spirituosen kosten hier deutlich weniger als im europäischen Durchschnitt – und fast überall sonst. Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis politischer Entscheidungen, die Konsum begünstigen und Risiken ausblenden.
Deutschland gehört zu den billigsten Alkoholmärkten Europas
Nach aktuellen Daten des Statistisches Bundesamt lagen die Preise für alkoholische Getränke im Oktober 2025 in Deutschland 14 Prozent unter dem EU-Durchschnitt. Günstiger war Alkohol nur in Italien. In vielen Nachbarstaaten ist die Lage umgekehrt: In Dänemark kostet Alkohol 23 Prozent mehr als im EU-Schnitt, in Belgien 13 Prozent, in Polen 9 Prozent.
Am oberen Ende der Skala steht Finnland. Dort liegt das Preisniveau für Alkohol um 110 Prozent über dem EU-Durchschnitt. Der Unterschied ist politisch gewollt. Hohe Verbrauchsteuern sollen Konsum dämpfen, Gesundheitskosten senken und Missbrauch vorbeugen. Deutschland geht den entgegengesetzten Weg.
Die Vergleichsdaten stammen von Eurostat. Sie zeigen nicht nur Preisunterschiede, sondern auch unterschiedliche Prioritäten in der Gesundheitspolitik.
Alkoholfrei ist teurer als alkoholisch
Besonders auffällig wird die deutsche Preispolitik beim Blick auf alkoholfreie Getränke. Diese lagen im selben Zeitraum zwei Prozent über dem EU-Durchschnitt. In Lettland waren sie sogar 46 Prozent teurer, unter anderem wegen einer Zuckersteuer. Auch in Dänemark und den Niederlanden sind alkoholfreie Getränke deutlich teurer als im EU-Schnitt.
Deutschland gehört damit zu den wenigen Ländern, in denen der Griff zur alkoholischen Option oft günstiger ist als zur alkoholfreien. Wer rational nach dem Preis entscheidet, wird nicht zum Verzicht animiert, sondern zum Konsum.
Hoher Konsum trotz rückläufigem Trend
Der Alkoholkonsum in Deutschland bleibt hoch. Nach Angaben der World Health Organization tranken Menschen ab 15 Jahren hierzulande im Jahr 2022 durchschnittlich 11,2 Liter reinen Alkohol. Umgerechnet entspricht das 448 Halblitergläsern Bier pro Kopf und Jahr.
Zwar ist der Konsum rückläufig. Zehn Jahre zuvor lag er noch bei 12,1 Litern. Doch im europäischen Vergleich bleibt Deutschland weit vorne. Gemeinsam mit Frankreich und Portugal lag es 2022 auf Rang neun innerhalb der EU.
An der Spitze steht Rumänien mit 17,1 Litern pro Kopf, gefolgt von Lettland und Tschechien. Deutlich weniger wird in Griechenland, Malta und Zypern getrunken. Der Zusammenhang zwischen Preisniveau und Konsum ist dabei kein Zufall, sondern gut belegt.
Preise sind Gesundheitspolitik mit umgekehrtem Vorzeichen
Ökonomen und Gesundheitsexperten sind sich weitgehend einig: Niedrige Preise erhöhen den Konsum. Gerade bei Alkohol wirkt dieser Effekt stark, weil er gesellschaftlich akzeptiert, leicht verfügbar und steuerlich begünstigt ist. In Deutschland sind Bier und Wein im internationalen Vergleich gering besteuert, Spirituosen moderat.
Der Dry January zeigt damit ein strukturelles Spannungsfeld. Individueller Verzicht trifft auf ein Marktumfeld, das Konsum systematisch erleichtert. Wer einen Monat Pause macht, schwimmt gegen den Strom – nicht nur kulturell, sondern auch ökonomisch.
Politischer Wille zur Verteuerung fehlt
Andere Länder nutzen Preise gezielt als Steuerungsinstrument. Finnland, Irland oder die nordischen Staaten haben Alkohol verteuert, Werbung eingeschränkt und Verkaufszeiten reguliert. In Deutschland fehlt ein vergleichbarer Ansatz. Steuererhöhungen gelten als politisch heikel, Bier als Kulturgut.
Das Ergebnis ist ein europäischer Sonderweg. Alkohol ist hier so günstig wie fast nirgendwo sonst, während alkoholfreie Alternativen teurer sind. Gesundheitspolitisch ist das ein Widerspruch, fiskalisch ein bewusstes Signal.
Der Dry January bleibt eine private Entscheidung
Der trockene Januar hat in Deutschland deshalb vor allem symbolischen Charakter. Er ist Ausdruck individueller Selbstkontrolle, nicht Ergebnis staatlicher Lenkung. Wer verzichtet, tut das trotz günstiger Preise, nicht wegen kluger Anreize.
Solange Alkohol billig bleibt und Alternativen teurer sind, wird sich am strukturellen Konsummuster wenig ändern. Der Januar mag trocken sein. Die Preispolitik ist es nicht.


