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Die nächste Phase der globalen Kapitalakkumulation

29. Juni 2026, 08:00 Uhr · Quelle: InvestmentWeek
Die nächste Phase der globalen Kapitalakkumulation
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Souveräne Fonds diversifizieren, KI konzentriert Macht, Private Markets gewinnen. Jakob erklärt, wo Kapital in den nächsten 20 Jahren fließt.
Kapital folgt nicht mehr nur Rendite. Es folgt Souveränität. Michael C. Jakob analysiert, warum sich die Architektur des globalen Kapitals gerade grundlegend verschiebt — und was das für die nächsten zwei Jahrzehnte bedeutet.

In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.

Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.

I. Eine Beobachtung, die die meisten übersehen

In den vergangenen zwölf Monaten ist etwas geschehen, das in den täglichen Marktkommentaren kaum Erwähnung findet, in seiner Tragweite aber historisch ist: Zum ersten Mal seit dem Ende des Bretton-Woods-Systems verlagern sich nicht nur Handelsströme, sondern die Architektur des globalen Kapitals selbst.

Souveräne Vermögensfonds aus dem Nahen Osten, Staatsfonds aus Südostasien und Pensionskassen aus Nordeuropa diversifizieren gleichzeitig und mit erheblichem Volumen aus dem Dollar-System heraus — nicht als politische Geste, sondern als rationale Reaktion auf eine Risikostruktur, die sie nicht länger akzeptieren. Die US-Staatsverschuldung übersteigt 36 Billionen Dollar. Die Fed befindet sich in einem strukturellen Dilemma zwischen Inflationsbekämpfung und Refinanzierungsfähigkeit. Und die Extraterritorialität des Dollar — einst sein größter Vorteil — wird zunehmend als Risiko wahrgenommen, nicht als Schutz.

Das ist keine Prognose. Das ist eine Beobachtung der Gegenwart.

II. Die große These: Kapital folgt Souveränität

Die dominante Logik der letzten vier Jahrzehnte lautete: Kapital folgt Rendite. Diese Logik war nicht falsch — aber sie war unvollständig. Sie beschrieb eine Welt, in der politische Stabilität, Rechtsstaatlichkeit und Marktzugang als gegeben vorausgesetzt wurden. Diese Prämissen gelten nicht mehr universell.

Die neue Logik lautet: Kapital folgt Souveränität. Das bedeutet konkret: Kapital fließt dorthin, wo Staaten die Fähigkeit besitzen, Eigentumsrechte zu sichern, Technologie zu kontrollieren, Rohstoffzugänge zu garantieren und — entscheidend — nicht erpressbar zu sein. Rendite bleibt relevant. Aber sie wird zunehmend gegen Sicherheit abgewogen, nicht gegen Risiko allein.

Peter Thiel hat einmal bemerkt, dass Wettbewerb für Verlierer ist — und dass die interessantesten Geschäfte dort entstehen, wo Monopole existieren. Auf staatlicher Ebene gilt dasselbe: Die interessantesten Kapitalzuflüsse der nächsten Dekade werden in jene Jurisdiktionen gehen, die technologische oder Ressourcen-Monopole halten — keine, die bloss konkurrenzfähig sind.

Das Kapital der nächsten Phase akkumuliert sich nicht in den Zentren des alten Systems. Es akkumuliert sich an seinen strategischen Rändern: in Halbleiter-Anbietern, die keiner ersetzen kann. In kritischer Infrastruktur, die kein Staat aufzugeben bereit ist. In Energiesystemen, die die industrielle Transformation tragen. Und in künstlicher Intelligenz als dem vielleicht ersten echten Allzweck-Produktivitätsinstrument seit der Elektrizität.

III. Drei strategische Konsequenzen

1. Die Geografisierung des Kapitals beschleunigt sich.

Kapitalmärkte waren in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend global und fungibel. Diese Entwicklung kehrt sich um. Nicht vollständig — aber strukturell. Regulatorische Fragmentierung, Exportkontrollen für Technologie, Kapitalverkehrskontrollen in kritischen Sektoren und die Renationalisierung strategischer Industrien schaffen eine Welt, in der Herkunft und Destination von Kapital wieder politisch relevant sind. Für Investoren bedeutet das: Die Frage „In welchem Sektor?“ wird ergänzt durch die Frage „Unter welcher Jurisdiktion?“

2. Technologiekontrolle ist die neue Ressourcenkontrolle.

Das 20. Jahrhundert war definiert durch den Kampf um Ressourcen — Öl, Gas, seltene Erden. Das 21. Jahrhundert wird definiert durch den Kampf um technologische Kontrolle: Halbleiter, KI-Modelle, Quantencomputing, Satellitenkommunikation. Wer die Infrastruktur kontrolliert, auf der die digitale Wirtschaft läuft, hat eine Machtposition, die strukturell vergleichbar ist mit der eines Ölproduzenten in den 1970er Jahren — aber mit dem entscheidenden Unterschied, dass sie schwerer zu diversifizieren und kaum zu substituieren ist.

3. Private Kapitalstrukturen gewinnen gegenüber öffentlichen.

Staatsverschuldung auf historischen Höchstständen, strukturell negative Realzinsen in vielen westlichen Volkswirtschaften und die Erkenntnis, dass öffentliche Anleihemärkte keine reale Wertaufbewahrung mehr bieten — diese Kombination treibt institutionelles Kapital in private Strukturen. Private Equity, Private Credit, Infrastruktur, Royalties. Das ist keine Mode. Es ist die rationale Antwort auf das Versagen des öffentlichen Zinsmarktes als Wertaufbewahrungsmittel.

IV. Was wir an TSMC und Saudi-Arabien lernen können

Zwei Beispiele, die auf den ersten Blick unverbunden erscheinen, illustrieren die neue Kapitallogik besonders klar.

TSMC — Taiwan Semiconductor Manufacturing Company — ist das vielleicht wichtigste Unternehmen der Weltwirtschaft, das die meisten Menschen nicht kennen. Es produziert über 90 Prozent der fortschrittlichsten Halbleiter der Welt. Keine Armee, keine Regierung, kein Konzern kann es kurzfristig ersetzen. Genau deshalb investieren die USA, Europa und Japan gleichzeitig Hunderte Milliarden in den Aufbau eigener Halbleiterkapazitäten — und genau deshalb ist TSMC zum Epizentrum geopolitischer Spannung geworden. Das Kapital, das in diesen Sektor fließt, folgt nicht primär einer Renditeerwartung. Es folgt einer strategischen Notwendigkeit. Das ist strukturell robusteres Kapital — und damit attraktiver für langfristig denkende Investoren.

Saudi-Arabien hingegen demonstriert, was passiert, wenn ein Staat seine Ressourcenposition nutzt, um sich technologische Souveränität zu kaufen. Der Public Investment Fund — mit über 700 Milliarden Dollar einer der größten Staatsfonds der Welt — investiert nicht mehr primär in westliche Anleihen. Er investiert in KI-Infrastruktur, Halbleiterunternehmen, Sportrechte, urbane Entwicklung und Biotechnologie. Das ist kein Diversifikationsportfolio. Das ist der systematische Versuch, Ölränten in technologische Wertschöpfung zu transformieren — bevor das Öl an Relevanz verliert. Die Logik dahinter ist bestechend klar. Und sie wird von Abu Dhabi, Singapur und Norwegen in ähnlicher Form vollzogen.

V. Die nächsten 10 bis 20 Jahre

Ray Dalio hat beschrieben, wie große Zyklen des Kapitals und der Macht sich über Generationen entfalten. Wir befinden uns, nach seiner Analyse, in einem späten Stadium eines solchen Zyklus — in dem das dominante Imperium überdehnt ist, seine Währung unter Druck steht und neue Machtstrukturen entstehen. Die Geschichte zeigt, dass solche Übergänge selten linear und selten friedlich verlaufen.

Was bedeutet das für die nächsten zehn bis zwanzig Jahre konkret?

Erstens: Die Kapitalrenditen werden zunehmend asymmetrisch verteilt sein. Wer in die Infrastruktur der neuen Wirtschaft investiert — KI-Rechenleistung, Energieinfrastruktur, kritische Rohstoffe, Gesundheitstechnologie — wird überproportional profitieren. Wer in die Infrastruktur der alten Wirtschaft investiert bleibt, wird überproportional leiden.

Zweitens: Geografische Diversifikation wird wichtiger als sektorale Diversifikation. Ein Portfolio, das global, aber konzentriert auf wenige Jurisdiktionen ist, trägt ein Klumpenrisiko, das sich in der neuen Weltordnung nicht durch Sektor-Spreizung kompensieren lässt.

Drittens: Die Rolle privater Unternehmen als quasi-staatliche Akteure wird zunehmen. Microsoft, Google, Palantir, TSMC — diese Unternehmen sind nicht mehr nur wirtschaftliche Entitäten. Sie sind strategische Infrastruktur. Ihr Wert ist nicht mehr allein eine Funktion ihrer Gewinnerwartungen, sondern auch ihrer geopolitischen Unentbehrlichkeit. Das ist eine neue Bewertungsdimension, die klassische Finanzmodelle nicht abbilden.

Und viertens — vielleicht am wichtigsten: Die Geschwindigkeit, mit der künstliche Intelligenz Produktivität generiert, wird eine Konzentration wirtschaftlicher Macht auslösen, wie sie die Welt in Friedenszeiten noch nicht gesehen hat. Nicht weil KI alle Jobs vernichtet — das ist eine zu grobe These. Sondern weil sie die Grenzkosten von Wissen, Analyse, Entscheidung und Produktion gegen null drückt. Wer diese Infrastruktur besitzt oder kontrolliert, akkumuliert Kapital mit einer Geschwindigkeit, die keine frühere Technologie ermöglicht hat.

Finanzen / Education / Globales Kapital / Souveränität / Technologiekontrolle / Geopolitik / Staatsfonds
[InvestmentWeek] · 29.06.2026 · 08:00 Uhr
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