Beyond Good and Evil 2 bleibt Priorität trotz 18 Jahren Entwicklungshölle
In einer Branche, in der Spiele oftmals nach drei, vier Jahren das Licht der Welt erblicken, wirkt Beyond Good and Evil 2 wie ein surreales Relikt aus einer anderen Zeitrechnung. Über 15 Jahre nach der initialen Enthüllung 2008 – und neun Jahre nach der großen Neu-Ankündigung auf der E3 2017 – behauptet Ubisoft tatsächlich noch immer, das Projekt sei „eine Priorität“. In einer E-Mail an Kotaku bestätigte der französische Publisher, dass das Open-World-Abenteuer nun Teil des Creative House 4 sei, das sich „immersiven Fantasy-Welten und narrativ getriebenen Universen“ widme. „Beyond Good and Evil 2 bleibt eine Priorität für uns im Kontext unserer Strategie, die sich auf Open World Adventures konzentriert“, heißt es in der offiziellen Stellungnahme. Doch während Prince of Persia: The Sands of Time Remake und zahlreiche andere Projekte längst der Axt zum Opfer fielen, hält Ubisoft an diesem scheinbar verfluchten Titel fest. Warum eigentlich?
Eine Odyssee voller kreativer Wirren und Abgänge
Die Entwicklungsgeschichte von Beyond Good and Evil 2 liest sich wie eine Chronik des Scheiterns. Erstmals 2008 angeteasert, verschwand das Projekt über Jahre in der Versenkung, bevor es 2017 mit großem Pomp wiederbelebt wurde. Seitdem plagten das Vorhaben unzählige Verzögerungen und Abgänge kreativer Schlüsselfiguren – allen voran Michel Ancel, der Visionär hinter dem geliebten Original von 2003. Ancel verließ Ubisoft unter kontroversen Umständen und räumte später ein, dass es nicht „einen einzelnen großen Bösewicht“ gab, sondern „eine Summe zentraler Probleme, die auf Managementebene – zu der ich gehörte – ungelöst blieben“, welche zur Misere des Sequels beitrugen. Das letzte offizielle Update von Ubisoft datiert aus Juni 2024, als der Publisher versicherte, die Entwicklung laufe weiter. Eine Stellenausschreibung vom November 2025 lieferte weitere Indizien für die fortdauernde Produktion, doch wie weit das Projekt tatsächlich gediehen ist – falls überhaupt –, bleibt im Dunkel der Spekulation verborgen.
Warum hält Ubisoft an diesem Moloch fest?
Die Entscheidung, Beyond Good and Evil 2 weiterzuentwickeln, während andere Projekte reihenweise eingestampft werden, erscheint auf den ersten Blick irrational. Doch bei genauerer Betrachtung könnte dahinter kühles Kalkül stecken. Ubisoft hat mittlerweile mutmaßlich weit über 500 Millionen Dollar in das Projekt gepumpt – eine derart gigantische Summe, dass eine Streichung einem finanziellen Eingeständnis des totalen Versagens gleichkäme. Die sogenannten „sunk costs“ – versunkene Kosten – machen es psychologisch und bilanziell schwierig, den Stecker zu ziehen. Zudem könnte das Spiel, sollte es jemals erscheinen, als prestigeträchtiges Statement fungieren: Ein Beweis, dass Ubisoft selbst die ambitioniertesten Visionen zu Ende bringen kann. Die Einordnung in Creative House 4, das sich auf „narrative-driven universes“ spezialisiert, deutet darauf hin, dass das Unternehmen tatsächlich noch an den narrativen Kern des Projekts glaubt. Ob diese Hoffnung realistisch ist oder nur verzweifeltes Festhalten an vergangenen Versprechen, wird die Zukunft zeigen.
Rayman als Trostpflaster für frustrierte Fans?
Während Beyond Good and Evil 2 in der Entwicklungshölle schmort, gibt es zumindest einen Lichtblick aus dem Erbe Michel Ancels: Rayman scheint ein Revival zu erleben. Das Australian Certification Board stufte kürzlich eine Rayman 30th Anniversary Edition ein, und Gerüchte deuten auf ein Remake von Rayman Legends hin. Sollte dieses Remake erfolgreich sein, könnte sogar Rayman 4 irgendwann Realität werden – wenngleich vermutlich nicht vor 2030. Diese Renaissance eines anderen Ancel-Franchise wirkt wie ein zynischer Kommentar auf die Situation: Während das eine geliebte Werk wiederbelebt wird, dümpelt das andere in endloser Entwicklungsstasis. Für Fans des Originals von 2003, die seit über zwei Jahrzehnten auf eine würdige Fortsetzung warten, ist diese Dichotomie vermutlich schwer zu ertragen. Beyond Good and Evil war seiner Zeit voraus – ein cineastisches Action-Adventure mit starker weiblicher Protagonistin, investigativen Elementen und einer packenden Story über Medienmanipulation und Widerstand. Die Frage ist, ob Beyond Good and Evil 2 im Jahr seiner möglichen Veröffentlichung – wann immer das sein mag – noch relevant sein wird.
Ein Projekt zwischen Hoffnung und Resignation
Die Aussage Ubisofts, Beyond Good and Evil 2 bleibe „eine Priorität“, klingt nach Durchhalteparolen in einem längst verlorenen Krieg. Nach 18 Jahren seit dem ersten Teaser fällt es schwer, echten Optimismus zu entwickeln. Die Gaming-Landschaft hat sich fundamental verändert: Open-World-Abenteuer sind längst keine Seltenheit mehr, sondern Standard. Was 2008 revolutionär erschien, müsste heute außergewöhnliche Qualität liefern, um aus der Masse herauszustechen. Die Frage ist nicht mehr, ob Beyond Good and Evil 2 jemals erscheint, sondern ob es im Falle einer Veröffentlichung die gigantischen Erwartungen erfüllen könnte, die sich über fast zwei Jahrzehnte aufgebaut haben. Duke Nukem Forever dient als mahnendes Beispiel dafür, was passiert, wenn endlose Entwicklungszeit nicht automatisch Qualität bedeutet. Dennoch: Solange Ubisoft offiziell am Projekt festhält, bleibt ein Funken Hoffnung. Vielleicht erleben wir tatsächlich noch die Rückkehr nach System 3, die Enthüllung der Geheimnisse um Jade und Pey’j, und ein würdiges Sequel zu einem der unterschätztsten Spiele der frühen 2000er. Vielleicht.


