Bargeld bleibt: Ein paradoxes Phänomen in Zeiten digitaler Zahlung
In einer Welt, die zunehmend von digitalen Zahlungen dominiert wird, bleibt das Phänomen des steigenden Bargeldumlaufs im Euroraum eine bemerkenswerte Anomalie. Trotz der sinkenden Nutzung von Bargeld im Alltag zeigt die Statistik einen Anstieg der im Umlauf befindlichen Scheine und Münzen. Experten gehen davon aus, dass ein dreistelliger Milliardenbetrag an Bargeld nicht für den täglichen Konsum genutzt, sondern stattdessen gehortet wird.
Daten der Bundesbank belegen, dass der Teil der Banknoten, die in Deutschland zur 'Wertaufbewahrung' gehalten werden, derzeit etwa 42 Prozent ausmacht, im Vergleich zu einem deutlich geringeren Anteil vor ein paar Jahren. Die EZB bestätigt den Trend auf europäischer Ebene: Im März 2023 waren rund 1,564 Billionen Euro in bar im Umlauf, ein signifikanter Anstieg gegenüber 2022. Fachleute beschreiben dieses Paradoxon als eine seit langem beobachtete Erscheinung in vielen Ländern.
Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern hebt hervor, dass die Geschwindigkeit der elektronischen Zahlungssysteme, insbesondere der kontaktlosen, ein überzeugendes Argument für Händler darstellt. Dennoch, so Ralf Wintergerst von Giesecke+Devrient, sei die stark gestiegene Neigung zum 'Hoarding' vor allem durch Unsicherheit motiviert. Zwar erlebte der Anteil des gehorteten Bargelds während der Corona-Pandemie einen Höchststand, so die Bundesbank, doch scheint dieses Verhalten tief verwurzelt zu sein und auch durch andere externe Faktoren wie Schattenwirtschaft und die Funktion des Euros als Reservewährung beeinflusst zu werden.
Unternehmensberater Johannes Gärtner ergänzt, dass der Zuwachs der Bargeldmenge nicht nur als Zahlungsmittelzuwachs zu deuten ist. Während das Bargeld im alltäglichen Gebrauch rückläufig ist, hat es unbestreitbare Vorzüge, vor allem in Krisensituationen. Die Bundesbank und Giesecke+Devrient betonen, dass Bargeld als krisensicheres Zahlungsmittel insbesondere bei technischen Störungen oder Katastrophen einen unverzichtbaren Bestandteil einer robusten Bezahlinfrastruktur darstellt.

