Analyse: Unmut gegen «Oberlehrer» Deutschland

10. Februar 2012, 22:18 Uhr · Quelle: dpa

Athen (dpa) - In Griechenland kochen die Emotionen hoch. Die auferlegten Sparzwänge lösen Wut und Verzweiflung aus. Ungerecht behandelt und erniedrigt fühlen sich viele von internationalen Finanzkontrolleuren und insbesondere vom großen Geldgeber Deutschland.

Deutsche, die schon seit langem in Griechenland leben, bemerken zunehmend eine Verschlechterung der Stimmung gegen den «Oberlehrer» Berlin. «Alles wisst ihr besser. Und wenn der andere am Boden liegt, dann könnt ihr gut auf ihn treten», bekam eine Deutsche, die seit 32 Jahren im Land lebt, am Freitag auf dem Wochenmarkt im Athener Stadtteil Kypseli von einem Gemüsehändler zu hören.

Zeitungen nehmen Schlagzeilen der deutschen Presse, insbesondere die des Boulevards aufs Korn. In den vergangenen Tagen veröffentlichten sie Beispiele, die «die Griechen» kollektiv und nicht ihre Politiker für das Schuldendebakel verantwortlich machten und gaben Bemerkungen wieder, wie die Südländer seien «faul». Junge Leute in einer griechischen Bar kommentierten die ungerechtfertigten Verallgemeinerungen auf beiden Seiten: «In der DNA der Griechen ist die Faulheit nicht enthalten, so wie in der DNA der Deutschen nicht das Nazisein enthalten ist.»

Anti-Deutsche-Parolen und Nazi-Vergleiche nehmen in Griechenland zu. Zielscheibe ist speziell die deutsche Bundeskanzlerin. Die kleine Boulevardzeitung «Dimokratia» veröffentlichte ein Bild von Kanzlerin Angela Merkel in Naziuniform und begleitete dies mit dem Titel «Memorandum (Absichtserklärung für das Sparprogramm) macht frei» und stellte einen nationalsozialistischen Kontext her. Über den Toren von Konzentrationslagern stand der zynische Schriftzug «Arbeit macht frei».

Zuletzt verbrannten Demonstranten vor dem griechischen Parlament eine deutsche Fahne. «Das ist ein gefundenes Fressen für die sensationsgeilen Entsandten aus aller Welt und vor allem aus Deutschland», sagt Dimitris Trimis, der Präsident des griechischen Journalistenverbandes, der dpa. Dies sei die gefährlichste Entwicklung, warnte er. Kleine relativ unbedeutende Zeitungen würden leichtfertig als «die griechische Presse» allgemein präsentiert.

Diplomaten beider Seiten versuchen in Athen, die Wogen zu glätten. Für extremistische Elemente, sowohl für linke als auch rechte, sei die Situation wie ein Gewächshaus für ihre Ziele, hieß es. Noch seien die meisten Griechen und Deutschen nicht negativ auf den jeweils anderen zu sprechen, hieß es aus diesen Kreisen. Die Betonung liege auf «noch», sagte einer.

Die politischen Führungen der beiden Staaten sollten, sobald die Finanzlage es erlaube, dringend mit Besuchen und Erklärungen die Lage entschärfen, hieß es aus diesen Kreisen weiter. Ein Besuch auf höchster Ebene in Athen und klare Worte an das griechische Volk seien dringend notwendig, wenn das Sparprogramm unter Dach und Fach sei. Die Griechen bräuchten einen Hoffnungsschimmer, vor allem müssten auch endlich Investitionen kommen.

Besorgt zeigt sich vor allem die Tourismusbranche. Die Nazi-Vergleiche schreckten deutsche Touristen ab, hieß es. «Für uns sind solche Veröffentlichungen Gift», sagt Aililios Santis, Besitzer einer Pension im Athener Vorort Mati. «Wir erwarten jedes Jahr rund 2,5 Millionen Deutsche. Das sind wichtige Einnahmen, in diesen Zeiten sehr wichtige», erklärte Hoteldirektor Christos Pilatakis aus Rhodos. «Wir haben Anzeichen, dass die Buchungen dieses Jahr um etwa 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückliegen», sagte er. Auf Rhodos und den traditionellen Ferieninseln seien derartige Hetze und Hass-Parolen unbekannt. «Für uns ist der Tourist der Chef, egal, wo er herkommt», sagt Pilatakis. Da spiele seine Herkunft keine Rolle. «Wir bemühen uns hier um Schadensbegrenzung», meinte er.

Wie bizarr die Stimmungslage ist, zeigt auch die Drohung der Polizeigewerkschaft an die Finanzkontrolleure der EU, des Internationalen Währungsfonds (IWF) und der Europäischen Zentralbank (EZB). Ihnen wirft der Gewerkschaftsvorstand vor, «die Troika» verletze mit den verlangen harten Sparmaßnahmen die nationale Souveränität und versuche damit, die demokratische Ordnung umzuwerfen. In einer schriftlichen Erklärung, die an die Troika-Vertreter geschickt wurde, hieß es: «Wir warnen Sie, dass wir die sofortige Ausgabe von Haftbefehlen fordern werden.»

EU / Finanzen / Griechenland
10.02.2012 · 22:18 Uhr
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