Warum Verteidigung zur Wachstumsindustrie der nächsten Dekade wird
In seiner wöchentlichen Kolumne analysiert Michael C. Jakob die großen Kräfte hinter Kapital, Technologie und geopolitischer Macht. Statt kurzfristiger Schlagzeilen stehen langfristige Entwicklungen im Fokus: neue Industrien, verschiebende Machtzentren, aufstrebende Technologien und die Frage, wie Vermögen im 21. Jahrhundert tatsächlich entsteht.
Die Kolumne richtet sich an Leser, die Märkte nicht nur beobachten, sondern verstehen wollen.
I. Beobachtung: Wenn Deutschland plötzlich 100 Milliarden für Waffen ausgibt
Im Februar 2022, drei Tage nach Russlands Invasion in der Ukraine, kündigte Deutschland ein 100-Milliarden-Euro-Sondervermögen für die Bundeswehr an. Das war nicht nur eine Zahl. Das war ein Paradigmenwechsel. Deutschland hatte seit 1990 seine Verteidigungsausgaben systematisch reduziert – von 2,5% des BIP auf unter 1,2%. Die Logik: Kalter Krieg vorbei, Frieden in Europa, wozu Panzer? Diese Logik starb am 24. Februar 2022.
Gleichzeitig erhöhte Polen seine Verteidigungsausgaben auf 4% des BIP – höher als jedes NATO-Land außer USA. Schweden und Finnland traten NATO bei (nach Jahrzehnten Neutralität). Japan erhöhte sein Budget um 50% innerhalb von zwei Jahren. Südkorea exportiert mittlerweile mehr Waffen als Frankreich. Die globalen Verteidigungsausgaben erreichten 2024 über 2,4 Billionen Dollar – ein Allzeithoch, inflationsbereinigt höher als während des Kalten Krieges.
Das ist kein Zufall. Das ist keine Panik-Reaktion. Das ist struktureller Wandel. Die Welt hat verstanden: Frieden war kein Naturgesetz. Er war ein Luxus. Und Luxus endet, wenn Bedrohungen real werden. Verteidigung ist zurück – nicht als moralisches Dilemma, sondern als wirtschaftliche Notwendigkeit. Und das verändert, wohin Kapital fließt.
II. These: Friedensdividende ist vorbei – Verteidigungsausgaben steigen strukturell für mindestens eine Dekade
Von 1990 bis 2020 dominierte ein Paradigma: Friedensdividende. Kalter Krieg vorbei, Sowjetunion kollabiert, keine existenziellen Bedrohungen mehr. Die Konsequenz: Verteidigungsbudgets wurden gekürzt. Geld floss in Soziales, Infrastruktur, Bildung – nicht in Panzer. Das war rational. Aber es basierte auf einer Annahme: Die Welt bleibt friedlich. Diese Annahme war falsch.
Drei Entwicklungen beendeten die Friedensdividende. Erstens: Russland zeigte, dass konventionelle Kriege in Europa möglich sind. Ukraine ist kein Stellvertreterkrieg in Afrika oder Nahost. Es ist ein Land an EU-Grenze, mit 40 Millionen Einwohnern, das von einer Atommacht angegriffen wurde. Das ist existenzielle Bedrohung für Europa – nicht abstrakte Gefahr. Zweitens: China bereitet sich auf Taiwan-Konflikt vor. Ob das 2027, 2030 oder 2035 passiert – unklar. Aber dass China Taiwan als "unvollendete Wiedervereinigung" sieht und militärisch aufrüstet – klar. Das zwingt USA, Japan, Südkorea, Australien zur Aufrüstung. Drittens: Nahost bleibt instabil (Iran vs. Israel, Jemen, Syrien). Terrorismus ist zurück. Drohnen-Kriege sind Realität. Die Welt ist nicht sicherer geworden. Sie ist gefährlicher.
Das Resultat: Verteidigungsausgaben steigen nicht zyklisch (wegen einem Krieg), sondern strukturell (wegen permanenter Bedrohung). NATO-Ziel von 2% BIP wird Standard (vorher Ausnahme). Osteuropa geht auf 3-4% (Polen, Baltikum). Asien rüstet massiv auf (Japan, Südkorea, Taiwan, Australien). Selbst neutrale Länder (Schweiz, Österreich) erhöhen Budgets. Das ist nicht Militarismus. Das ist Realismus. Und Realismus kostet Geld – viel Geld.
III. Strategische Konsequenzen
Die erste strategische Konsequenz: Verteidigungsunternehmen werden strukturelle Gewinner der nächsten Dekade – nicht wegen Spekulation, sondern wegen gesicherter Aufträge. Regierungen bestellen nicht ad-hoc Panzer oder Jets. Sie planen 5-10 Jahre im Voraus. Wenn Deutschland 100 Milliarden ausgibt, fließt das über Jahre in Rheinmetall, Krauss-Maffei Wegmann, Hensoldt. Wenn Polen Himars-Systeme bestellt, profitiert Lockheed Martin. Wenn Japan F-35 kauft, profitiert Northrop Grumman. Das sind keine "Hot Stocks". Das sind langfristige, planbare Umsatzströme mit hoher Visibilität. Für Investoren bedeutet das: stabile Cashflows, geringe Konjunkturabhängigkeit (Staaten kürzen Verteidigung als Letztes, nicht als Erstes), hohe Eintrittsbarrieren (niemand baut einfach Kampfjets oder U-Boote – Technologie ist zu komplex, Zertifizierung dauert Jahrzehnte).
Die zweite Konsequenz: Verteidigung wird technologiegetrieben – und das verändert, wer gewinnt. Klassische Verteidigung war Hardware-lastig: Panzer, Jets, Schiffe. Das bleibt wichtig. Aber moderne Kriegsführung ist zunehmend Software, Drohnen, Cyber, KI, Satelliten. Beispiel Ukraine-Krieg: Drohnen (DJI, modifiziert für Militär) spielen größere Rolle als schwere Artillerie in manchen Szenarien. Starlink (SpaceX) ermöglicht ukrainische Kommunikation – ohne Satelliten wäre Koordination unmöglich. Cyber-Angriffe legen kritische Infrastruktur lahm (Russland greift ukrainische Stromnetze an, Ukraine hackt russische Eisenbahn-Systeme). Das bedeutet: Tech-Firmen werden Verteidigungs-Player. Palantir (KI für militärische Datenanalyse) hat Milliardenaufträge von US-Militär. Anduril (Drohnen, autonome Systeme) wird als "Defense-Tech-Einhorn" gehandelt. Northrop Grumman kauft Tech-Startups für Cyber-Fähigkeiten. Die Grenze zwischen "Defense" und "Tech" verschwimmt.
Die dritte Konsequenz: Europäische Verteidigungsindustrie muss konsolidieren – oder stirbt. Europa hat 27 verschiedene Panzer-Modelle, 20 verschiedene Kampfjets, dutzende Munitions-Standards. Das ist ineffizient und teuer. USA hat wenige, skalierte Systeme (F-35 für alle NATO-Partner, Abrams-Panzer standardisiert). Europa? Fragmentiert. Deutschland kauft Leopard, Frankreich kauft Leclerc, Polen kauft Abrams (amerikanisch). Das verhindert Skaleneffekte, erhöht Kosten, schwächt Industrie. Die Lösung: Konsolidierung. Rheinmetall und BAE Systems kooperieren bereits. KNDS (deutsch-französisches Joint Venture für Panzer) entsteht. Airbus Defence fusioniert europäische Luftfahrt. Das ist notwendig – aber politisch schwierig (jeder Staat will eigene Industrie schützen). Trotzdem: Trend zu Konsolidierung ist klar. Wer nicht mitmacht, verliert.
Die vierte Konsequenz: Munition wird zur knappsten Ressource – und damit zum Investment-Case. Ukraine-Krieg zeigte: Moderne Kriege verbrauchen Munition schneller als produziert werden kann. Ukraine verschießt 6.000-8.000 Artilleriegranaten pro Tag. Produktion in Europa (vor Krieg): 300.000 Granaten pro Jahr. Das sind 822 pro Tag – für ganz Europa. Krasse Diskrepanz. Resultat: Munitionsfabriken laufen 24/7, Aufträge auf Jahre ausgebucht, Preise steigen. Rheinmetall baut neue Munitionsfabrik in Deutschland (Investition: 200 Millionen Euro), BAE Systems in UK, Nammo in Norwegen. Das ist nicht glamourös. Aber extrem profitabel. Margen auf Munition: 20-30% (höher als auf komplexe Waffensysteme). Investoren übersehen das oft (weil "Munition" langweilig klingt). Aber: Es ist struktureller Engpass mit garantierter Nachfrage.
IV. Beispiel: Wie Rheinmetall sich von Autozulieferer zu Verteidigungs-Champion transformierte
Rheinmetall war lange ein hybrides Unternehmen: 50% Automotive (Kolben, Zylinder für Verbrennungsmotoren), 50% Defence (Panzer, Munition). Die Automotive-Sparte war profitabel, aber mit strukturellem Problem (Verbrennungsmotoren sterben wegen E-Mobilität). Defence war stabil, aber nicht wachsend (Deutschland investierte kaum in Verteidigung). Das änderte sich 2022 radikal.
Nach Russlands Invasion explodierten Aufträge. Deutschland bestellte Leopard-Panzer-Upgrades, Munition, Luftabwehrsysteme (Skyranger). Polen bestellte Panzer im Wert von 3 Milliarden Euro. Ukraine erhielt Gepard-Flugabwehrpanzer (aus alten Bundeswehr-Beständen, aber Munition von Rheinmetall). Rheinmetall-Aktienkurs: von 80 Euro (Januar 2022) auf über 500 Euro (2024). Das ist kein Hype. Das ist fundamentales Wachstum.
Was Rheinmetall richtig machte: Erstens, fokussierte sich auf Defence. Verkaufte Automotive-Sparte an Vitesco (abgespalten). Zweitens, investierte massiv in Kapazität. Neue Panzerfabrik in Ungarn, Munitionsfabrik in Deutschland, Joint Venture mit italienischem Rüstungskonzern Leonardo. Drittens, internationalisierte. Rheinmetall baut jetzt Panzer-Fabrik in Ukraine (direkt im Kriegsgebiet – mutig, aber strategisch klug: kürzeste Lieferwege). Viertens, diversifizierte Produkte. Nicht nur Panzer, sondern auch: Drohnenabwehr, Cyber-Security für Militär, Wasserstoff-basierte Antriebe für militärische Fahrzeuge.
Das Resultat: Rheinmetall hat Auftragsbestand von über 40 Milliarden Euro (das sind 3-4 Jahre Umsatz gesichert). EBIT-Marge stieg von 8% auf 14%. Dividende wurde verdoppelt. Das ist Lehrbuchbeispiel für: Wie profitiert man strukturell von geopolitischem Wandel. Die Lektion: Investiere nicht in "Defence generell". Investiere in Firmen, die Transformation verstehen, Kapazität aufbauen, internationalisieren.
V. Ausblick: Die nächsten 10-20 Jahre
Verteidigungsausgaben bleiben strukturell hoch – mindestens bis 2035, wahrscheinlich länger. Was wahrscheinlich passiert: NATO-Länder stabilisieren sich bei 2-3% BIP für Verteidigung (Deutschland, Frankreich, UK). Osteuropa bleibt bei 3-4% (Polen, Baltikum, Rumänien – alle an Russland-Grenze). Asien rüstet massiv auf (Japan, Südkorea, Taiwan, Australien – wegen China). USA bleibt bei 3-4% BIP, aber verschiebt Fokus von Europa/Nahost zu Pazifik (China-Containment). Technologie wird dominanter: Drohnen, KI, Cyber, Satelliten – alle wachsen schneller als klassische Hardware. Munitionsproduktion verdoppelt sich (von aktuell 1 Million Granaten/Jahr Europa auf 2+ Millionen bis 2030). Konsolidierung in Europa: Weniger, größere Verteidigungskonzerne (Rheinmetall + BAE + Leonardo fusionieren teilweise oder kooperieren eng).
Was unwahrscheinlich ist: Rückkehr zu Friedensdividende (Bedrohungen bleiben real). Abrüstung in nächster Dekade (kein politischer Wille, keine Sicherheitsgarantien). China-USA-Entspannung (struktureller Konflikt, nicht zyklisch). Ende von Ukraine-Krieg führt zu Budgetkürzungen (Europa hat gelernt: Abschreckung verhindert Kriege – Schwäche lädt ein).
Implikationen für Kapitalallokation: Investiere selektiv in Defence, nicht blind. Bevorzuge Firmen mit: hohem Auftragsbestand (Visibilität), Technologie-Fokus (Drohnen, Cyber, KI), internationaler Präsenz (nicht nur ein Land). Konkret: Rheinmetall (Europa, diversifiziert), Lockheed Martin (USA, F-35-Monopol), Northrop Grumman (Drohnen, Cyber), Palantir (Defense-Tech, KI), Anduril (wenn IPO kommt – autonome Systeme). Vermeide: reine Munitions-Hersteller ohne Diversifikation (zyklischer), reine Hardware-Plays ohne Tech-Komponente (werden überholt). Erwarte moderate Renditen (10-15% p.a.), nicht Tech-ähnliche Explosionen (50%+). Defence ist stabil, profitabel, planbar – nicht sexy, aber solide.
Schluss: Verteidigung ist kein moralisches Investment – es ist strukturelles Investment
Manche Investoren meiden Verteidigungsaktien aus ethischen Gründen. Das ist legitim. Aber es ist wichtig zu verstehen: Verteidigung ist nicht Aggression. Verteidigung ist Abschreckung. Und Abschreckung verhindert Kriege – siehe Kalter Krieg (nie heiß geworden, weil beide Seiten zu stark waren). Europa hat 30 Jahre lang Verteidigung vernachlässigt. Das Resultat: Russland fühlte sich eingeladen, Ukraine anzugreifen (weil schwach, weil unvorbereitet). Jetzt rüstet Europa auf – nicht um Krieg zu führen, sondern um Krieg zu verhindern.
Für Investoren bedeutet das: Verteidigung ist strukturelle Wachstumsindustrie der nächsten Dekade. Nicht wegen Spekulation. Nicht wegen Hype. Sondern wegen gesicherter staatlicher Aufträge, steigender Budgets, technologischer Transformation. Wer das ignoriert, verpasst eine der klarsten Investment-Thesen der 2020er und 2030er Jahre. Wer es versteht, positioniert sich in einem Sektor, der unabhängig von Konjunktur, unabhängig von Zinsen, unabhängig von Konsumlaune wächst. Verteidigung ist zurück. Und sie bleibt.


