Trumps gefährlichster Freund
Kevin Warsh liebt die große Bühne, aber er schätzt die Diskretion der Macht. Während andere Kandidaten für den Chefposten der Federal Reserve in den vergangenen Wochen lautstark um die Gunst des Präsidenten buhlten, blieb der 55-Jährige im Hintergrund. Er vertraute auf sein Netzwerk, das tief in die amerikanische Geldaristokratie und bis in das familiäre Umfeld von Donald Trump reicht. Am Freitag folgte die Bestätigung: Trump nominiert den ehemaligen Morgan-Stanley-Banker als Nachfolger von Jerome Powell. Damit endet die Ära einer Notenbank, die sich vier Jahre lang als letztes Bollwerk gegen den direkten Zugriff des Weißen Hauses verstand.
Warsh übernimmt ein Erbe, das von tiefem Misstrauen geprägt ist. Jerome Powell, der Mann, den Trump einst selbst berief und später als „Feind“ beschimpfte, hinterlässt eine Institution im Belagerungszustand. Für Warsh ist die Ernennung ein später Triumph. Bereits 2017 stand er kurz vor dem Sprung an die Spitze, bevor er im letzten Moment gegen Powell den Kürzeren zog. Dass er nun zurückkehrt, ist kein Zufall, sondern das Ergebnis einer konsequenten Positionierung als intellektueller Gegenspieler zum bisherigen Kurs.
Der neue Besen kehrt mit monetaristischer Härte
Warsh gilt als Anhänger des Monetarismus, jener ökonomischen Schule, die die Geldmenge als zentralen Hebel für die Inflation sieht. Seine Kritik an der Ära Powell ist fundamental. Er wirft der Fed vor, die Inflation nach der Pandemie durch massives Gelddrucken selbst befeuert zu haben. Für ihn ist die Teuerung kein Phänomen von zu hohen Löhnen oder gierigen Konsumenten, sondern das direkte Resultat einer aufgeblähten Zentralbankbilanz.
Sein angekündigter Regimewechsel zielt auf das Herz der Fed-Strategie. Warsh will die Bilanz der Notenbank, die derzeit bei rund 6,6 Billionen Dollar liegt, nicht nur schrumpfen, sondern die Befugnisse der Behörde massiv beschneiden. Er fordert eine Rückkehr zur „Bescheidenheit“ – ein Begriff, der in seinem Vokabular bedeutet, dass die Fed sich aus der aktiven Wirtschaftssteuerung und der detaillierten Bankenaufsicht zurückziehen soll. Für die Märkte ist das eine ambivalente Botschaft: Einerseits verspricht er weniger Regulierung, andererseits droht der Entzug von Liquidität.
Das Weiße Haus unterschätzt die Sturheit des Favoriten
Die Chemie zwischen Trump und Warsh wirkt auf den ersten Blick perfekt. Trump schätzt das Auftreten des Yale- und Harvard-Absolventen, den er als „besetzt wie aus dem Bilderbuch“ bezeichnet. Doch hinter der glatten Fassade des Wall-Street-Insiders verbirgt sich ein geldpolitischer Falke, der Trump gefährlich werden könnte. Warshs Überzeugung, dass der Staat zu viel Geld ausgibt, kollidiert frontal mit den fiskalpolitischen Plänen der Administration.
Während Trump auf niedrige Zinsen drängt, um seine Infrastrukturprojekte und Steuersenkungen zu finanzieren, sieht Warsh genau in diesen Staatsausgaben den Treiber künftiger Inflationswellen. Sollte der neue Fed-Chef seiner monetaristischen Linie treu bleiben, könnte er die Zinsen deutlich länger hochhalten, als es dem Präsidenten lieb ist. In Davos deutete Trump bereits an, dass sich Notenbanker oft verändern, sobald sie im Amt sind. Bei Warsh könnte diese Veränderung darin bestehen, dass er seine Unabhängigkeit nicht durch Schweigen, sondern durch eine rigide stabilitätsorientierte Politik beweist.
Investoren preisen das Ende der sanften Hand ein
Die Reaktion der Finanzmärkte auf die Nominierung war ein klares Signal. Der US-Dollar wertete unmittelbar auf, während der Goldpreis einbrach. Investoren wetten darauf, dass Warsh den Dollar als Weltreservewährung mit aller Macht verteidigen wird. Das Ende des „Quantitative Easing“, des massiven Aufkaufs von Staatsanleihen, scheint unter seiner Führung besiegelt.
Für die Wall Street ist Warsh ein alter Bekannter, der in der Finanzkrise 2008 als Krisenmanager zwischen der Fed und den Großbanken vermittelte. Er kennt die Mechanismen der Märkte wie kaum ein Zweiter, doch er hat auch gezeigt, dass er bereit ist, Posten zu räumen, wenn ihm der Kurs nicht passt. 2011 trat er nach Differenzen mit Ben Bernanke zurück. Diese Prinzipientreue könnte in der bevorstehenden Amtszeit zum größten Reibungspunkt mit einem Präsidenten werden, der bedingungslose Loyalität erwartet.
Die Unabhängigkeit steht vor einer Zerreißprobe
Die Bestätigung durch den Senat gilt als wahrscheinlich, auch wenn kritische Stimmen auf seine familiären Verflechtungen hinweisen. Warsh ist mit Jane Lauder verheiratet, deren Vater Ron Lauder ein langjähriger Weggefährte Trumps ist. In Washington wächst die Sorge, dass die Fed zu einer Außenstelle des Weißen Hauses verkommen könnte. Warsh selbst betont, dass er die Wünsche des Präsidenten für legitim hält, solange sie der Wirtschaft dienen.
Doch die Realität der globalen Finanzmärkte lässt wenig Raum für politische Gefälligkeiten. Wenn Kevin Warsh im Mai das Amt übernimmt, wird er sich zwischen zwei Fronten wiederfinden: den Erwartungen seines Förderers und der mathematischen Notwendigkeit der Inflationsbekämpfung. In der Vergangenheit hat die Fed oft bewiesen, dass das Amt den Mann formt. Ob Warsh der „beste Fed-Chef der Geschichte“ wird, wie Trump prophezeit, oder dessen hartnäckigster Widersacher, wird sich an der ersten Zinsentscheidung unter seiner Führung zeigen.


