The Witcher 3: Songs of the Past hat 190 Entwickler – aber CD Projekt RED gibt die Zügel an Fool’s Theory ab
CD Projekt RED hat im Rahmen seiner aktuellen Investorenkonferenz neue Details zur dritten Erweiterung für The Witcher 3 preisgegeben. Songs of the Past beschäftigt inzwischen rund 190 Entwickler – der Großteil davon beim polnischen Partnerstudio Fool’s Theory. CD Projekt selbst stellt die kreative Oberaufsicht, doch Joint CEO Michał Nowakowski ließ durchblicken, dass das Addon ursprünglich schon 2026 erscheinen sollte. Währenddessen arbeiten beim Hauptstudio 513 Leute an The Witcher 4 und 163 an Cyberpunk 2 – ein Ressourcen-Puzzle, das Fragen nach der Qualität des extern produzierten Addons aufwirft.
190 Mann für ein Addon – warum CDPR das Heft aus der Hand gibt
In der Investorenkonferenz bestätigte Joint CEO Michał Nowakowski, dass sich die Erweiterung in einer „fortgeschrittenen Produktionsphase“ befindet: „Rund 190 Entwickler, die meisten davon von unseren vertrauten Partnern bei Fool’s Theory, arbeiten derzeit mit uns an dem Projekt.“ Eurogamer zitiert aus derselben Konferenz eine bemerkenswerte Aussage des CFO Piotr Nielubowicz: „Ursprünglich gingen unsere Pläne davon aus, dass Songs of the Past noch dieses Jahr erscheinen könnte – wir haben uns jedoch für 2027 entschieden.“
Dass CD Projekt RED ein Addon dieser Größenordnung fast vollständig extern entwickelt, ist eine strategische Zäsur. Das Studio hat seine Ressourcen klar priorisiert: The Witcher 4 (Codename Polaris) frisst mit inzwischen 513 Entwicklern den Löwenanteil des 1.400-Mann-Studios auf. Für Songs of the Past bliebe intern schlicht kein Platz – also springt Fool’s Theory ein.
Die Risiken dieser Konstellation:
- Doppelbelastung bei Fool’s Theory: Das rund 60 Mann starke Studio arbeitet parallel am Witcher-1-Remake in der Unreal Engine 5. Dass Songs of the Past auf der technisch abgekündigten REDengine läuft, bedeutet einen permanenten Kontextwechsel zwischen zwei grundverschiedenen Entwicklungsumgebungen.
- REDengine-Know-how: Die REDengine wurde offiziell in Rente geschickt – Witcher 4 und Cyberpunk 2 laufen auf UE5. Dass nun ausgerechnet ein Externer den letzten REDengine-Titel stemmt, ist ein Risiko, das CDPR mit „creative oversight“ abfedern will. Wie viele CDPR-Entwickler tatsächlich im Projekt stecken, verrät Nowakowski nicht.
- Verschobener Release: Die ursprüngliche 2026-Planung deutet darauf hin, dass mehr Zeit für Qualitätssicherung nötig war – bei 190 Leuten und Blood-and-Wine-Umfang kein alarmierendes, aber ein notierenswertes Signal.
Die CDPR-Maschinerie: 513 für Witcher 4, 163 für Cyberpunk 2 – und 190 für Songs of the Past
Die aktuellen Entwicklerzahlen, die Nowakowski mit Stichtag 30. April 2026 nannte, geben ein selten klares Bild der CDPR-internen Prioritäten. 80 Level schlüsselt die Teams detailliert auf:
| Projekt | Team-Größe | Trend |
|---|---|---|
| The Witcher 4 (Polaris) | 513 | +14 (von 499 im Februar) |
| Songs of the Past (extern) | ~190 | Mehrheitlich Fool’s Theory |
| Cyberpunk 2 (Orion) | 163 | +14 (von 149) |
| Project Sirius (Multiplayer-Spin-off) | 83 | The Molasses Flood |
| Project Hadar (neue IP) | 24 | −2 (von 26) |
| Witcher 1 Remake | unbekannt | Fool’s Theory (UE5) |
Zwei Dinge springen ins Auge: Witcher 4 wächst ungebremst – 513 Entwickler sind mehr, als die meisten AAA-Studios insgesamt beschäftigen. Und Cyberpunk 2 hat mit 163 Mann die „fortgeschrittene Vorproduktion“ erreicht, liegt aber noch Jahre von einem Release entfernt. Songs of the Past sitzt mit 190 Köpfen größenmäßig zwischen beiden – allerdings eben fast komplett extern.
Die Gesamtrechnung ist aufschlussreich: Addiert man alle sechs Projekte, werkeln bei CDPR und Partnerstudios über 970 Menschen gleichzeitig an Hexer- und Cyberpunk-Inhalten. CD Projekt REDs Finanzchef Nielubowicz untermauert das mit einer Kriegskasse von umgerechnet rund 311 Millionen Euro – das Studio kann sich diese Parallelentwicklung leisten. Und muss es auch, denn die angekündigte Strategie, drei Witcher-Spiele in sechs Jahren zu veröffentlichen, erfordert parallele Produktionspipelines.
Geralts Rückkehr – das 11 Jahre alte Problem mit Corvo Bianco
Der Brocken im Raum heißt Blood and Wine. 2016 endete die zweite Erweiterung mit einem der ikonischsten Schlussmomente der Rollenspielgeschichte: Geralt sitzt mit einem Glas Wein in Corvo Bianco, blickt zufrieden in die Kamera – ein Meta-Abschluss, der endgültiger nicht hätte sein können. Ihn jetzt, über ein Jahrzehnt später, erneut auf die Pforte zu schicken, ist eine erzählerische Gratwanderung.
Nowakowski selbst bezeichnete Songs of the Past in der Konferenz als „in gewisser Weise einen Prolog – allerdings nicht wortwörtlich als Prolog für The Witcher 4″. Die Botschaft ist diplomatisch, aber klar: Das Addon soll die Gespräche über The Witcher 3 neu entfachen, neue Spieler anlocken (Nowakowski sprach von einer möglichen „ersten Begegnung mit dem Hexer-Universum“) und nebenbei die Wartezeit bis Witcher 4 überbrücken.
IGN berichtet aus dem Blood-and-Wine-Jubiläumsstream über die spärlichen, aber vielsagenden Hinweise: Ein mysteriöses Schwert mit gebogenem Parierstück, versteckt im Belleteyn-Artwork, das Fans seit Januar elektrisiert. Neue Gwint-Karten wurden bestätigt. Der Schauplatz bleibt geheim – Zerrikania, Kovir oder doch das vertraute Velen?
Die offizielle Ankündigung im CDPR-Forum hält sich erwartungsgemäß bedeckt: Release „2027″, Plattformen PS5, Xbox Series X|S und PC. Keine Switch, keine Switch 2 – ein bemerkenswerter Ausschluss, wenn man bedenkt, dass die Witcher-3-Switch-Portierung ein Achtungserfolg war. Und zur Frage, ob Doug Cockle – der inzwischen 60-jährige Synchronsprecher, der Geralt seit 2007 seine Reibeisenstimme leiht – zurückkehrt: Schweigen.
Auf der Gamescom Opening Night Live im August soll die Erweiterung ihren ersten großen Auftritt bekommen. Nowakowski dämpfte jedoch Erwartungen an eine spielbare Demo: „Historisch haben wir bei Witcher-Spielen immer geführte Demo-Erfahrungen gezeigt – vermutlich solltet ihr eher in diese Richtung denken.“
Drei Spiele in sechs Jahren – und keine Witcher-4-Erweiterungen
Die vielleicht brisanteste Nachricht der Konferenz kam fast beiläufig: The Witcher 4 wird keine Erweiterungen bekommen. Nowakowski begründete das mit dem „recht ambitionierten Plan, drei Witcher-Spiele innerhalb von sechs Jahren zu veröffentlichen“. Übersetzt: Statt ein Spiel über Jahre mit DLCs zu melken, feuert CDPR im Jahrestakt neue Vollpreis-Titel ab.
Für Songs of the Past bedeutet das eine doppelte Rolle: Es ist nicht nur die letzte Erweiterung für The Witcher 3, sondern das letzte klassische CDPR-Expansion-Modell überhaupt. Hearts of Stone, Blood and Wine, Phantom Liberty – und jetzt Songs of the Past als Schlusspunkt einer Ära, in der CDPR für seine herausragenden Erweiterungen bekannt wurde.
Ob Fool’s Theory diese Tradition würdig fortsetzen kann, wird sich zeigen. Dass CD Projekt RED mit 65 Millionen verkauften Exemplaren eine riesige potenzielle Käuferschicht im Rücken hat, dürfte die Motivation hochhalten. Und die Finanzspritze von 311 Millionen Euro sorgt dafür, dass an Ressourcen nicht gespart werden muss – selbst wenn die Hauptmannschaft längst an der Zukunft werkelt.


