Sewing fordert längere Lebensarbeitszeit – und rüttelt am Kündigungsschutz
Deutsche-Bank-Chef stellt Sozialstaat, Arbeitsmarkt und politische Stabilität zur Disposition
Der Vorstandsvorsitzende der Deutsche Bank, Christian Sewing, stellt zentrale Gewissheiten der deutschen Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik infrage. Büroangestellte sollten künftig länger arbeiten, der Kündigungsschutz für Besserverdienende gehöre auf den Prüfstand, und auch die Zahl der Krankheitstage sei reformbedürftig.
Es sind Aussagen, die weit über betriebswirtschaftliche Effizienzüberlegungen hinausgehen. Sewing fordert eine „ehrliche Debatte über die Zukunft dieses Landes“ – und verbindet ökonomische Reformen ausdrücklich mit der politischen Stabilität Deutschlands.
Längere Lebensarbeitszeit für Schreibtischberufe
Im Zentrum seiner Überlegungen steht die Differenzierung nach Berufsgruppen. Wer körperlich arbeite, sei anders zu beurteilen als Beschäftigte am Schreibtisch. „In Berufen am Schreibtisch muss man darüber sprechen, die Lebensarbeitszeit zu erhöhen“, so Sewing.
Die Argumentationslinie ist klar:
Eine alternde Gesellschaft, steigende Sozialausgaben und schwaches Wachstum lassen sich nach seiner Lesart nicht allein durch Umverteilung lösen. Deutschland müsse insgesamt mehr arbeiten, um Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.
Ökonomisch betrachtet berührt dies zwei Kernfragen:
- Wie tragfähig ist das umlagefinanzierte Rentensystem?
- Wie hoch ist das effektive Arbeitsvolumen pro Kopf im internationalen Vergleich?
Bereits heute liegt das durchschnittliche Renteneintrittsalter faktisch unter der gesetzlichen Regelaltersgrenze. Eine Ausweitung der Lebensarbeitszeit würde unmittelbar auf die Nachhaltigkeitsrücklage der Rentenversicherung wirken – politisch jedoch ist das Terrain vermint.
Kündigungsschutz und Krankentage: Tabubruch für Führungskräfte
Brisanter noch ist Sewings Vorstoß beim Kündigungsschutz. Er regt an zu prüfen, ob die bestehenden Schutzmechanismen für Besserverdienende und Führungskräfte noch zeitgemäß sind.
Das deutsche Arbeitsrecht gilt im internationalen Vergleich als arbeitnehmerfreundlich – insbesondere für leitende Angestellte mit hohen Gehältern. Eine Lockerung würde die Flexibilität für Unternehmen erhöhen, zugleich aber die Verhandlungsmacht hochqualifizierter Fachkräfte schwächen.
Hinzu kommt seine Kritik an der Zahl der Krankheitstage. Deutschland liege im Durchschnitt zwei- bis dreimal so hoch wie die Schweiz. Für Sewing ist das ein Indikator struktureller Fehlanreize oder kultureller Unterschiede im Umgang mit Arbeitsunfähigkeit.
Hier stellt sich eine heikle Frage:
Handelt es sich um ein Produkt übermäßiger Absicherung – oder um eine Folge von Arbeitsverdichtung, psychischer Belastung und demografischer Alterung?
Reformdruck vor politischem Kipppunkt
Sewing verknüpft seine Reformforderungen explizit mit der politischen Großwetterlage. Er warnt vor einem möglichen AfD-Ministerpräsidenten nach den kommenden Landtagswahlen – insbesondere in ostdeutschen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo die Alternative für Deutschland in Umfragen führt.
Seine Sorge: Ein politischer Kurswechsel mit Blockadepotenzial im Bundesrat könnte ein negatives Signal an internationale Investoren senden. Kapital ist mobil, Vertrauen nicht.
„Wenn das Teil einer generellen Bewegung ist, die ausstrahlt und Deutschland etwa über den Bundesrat blockiert, wäre das verheerend“, so Sewing.
Damit argumentiert der Bankchef aus einer klassischen Kapitalmarktlogik:
Politische Unsicherheit erhöht Risikoprämien, verteuert Refinanzierungskosten und schwächt Investitionsbereitschaft.
Ökonomische Realität oder neoliberale Zumutung?
Die Debatte berührt einen fundamentalen Zielkonflikt:
Wohlstandssicherung durch höhere Arbeitsleistung versus soziale Akzeptanz und politische Stabilität.
Sewing plädiert offen für „Schmerzen in den nächsten drei bis fünf Jahren“, um langfristig Wettbewerbsfähigkeit und Kaufkraft zu sichern. Sein implizites Versprechen: Wenn Reformen greifen und „mehr im Portemonnaie bleibt“, lasse sich ein „Schwenk zum Nationalismus“ verhindern.
Doch Reformen dieser Größenordnung sind nicht rein technokratisch umsetzbar. Sie greifen in Lebensplanung, Sicherheitsgefühl und gesellschaftliche Solidaritätsmodelle ein.
Die zentrale Frage lautet daher nicht nur, ob Deutschland länger arbeiten sollte – sondern ob es politisch und gesellschaftlich bereit ist, diesen Preis zu zahlen.
Eines ist sicher: Mit seinem Vorstoß hat der Chef der größten deutschen Bank eine Debatte eröffnet, die weit über Frankfurt hinausreichen wird.


