Literatur

Pelicot-Memoiren: «Möchte sagen, dass ich am Leben bin»

17. Februar 2026, 00:02 Uhr · Quelle: dpa
Gisele Pelicot
Foto: Lewis Joly/AP/dpa
Pelicot beschreibt in ihren Memoiren, wie ihr Leben verlief und wie sie nach den jahrelangen Übergriffen ihres Mannes zurück in eine Normalität fand. (Archivbild)
Gisèle Pelicot überlebt das Unvorstellbare und erzählt, wie sie nach dem Horror langsam in ein neues Leben findet. Ein leises und zugleich starkes Buch über Gewalt, Trauer, Liebe und Zuversicht.

Paris (dpa) - «Mein Leben war nur noch eine nicht enden wollende Nacht.» So beschreibt die Französin Gisèle Pelicot ihre Verzweiflung im Angesicht der Abgründe ihres Mannes, der sie über Jahre hinweg betäubte, vergewaltigte und Fremden zur Vergewaltigung anbot. Monatelang stand sie in Südfrankreich 51 Peinigern vor Gericht gegenüber, musste über sich ergehen lassen, wie ihre Glaubwürdigkeit infrage gestellt, und intimste Details ihres Lebens verhandelt wurden.

Nun ergreift die 73-Jährige mit ihren Memoiren «Eine Hymne an das Leben» ausführlich selbst das Wort, beschreibt die Angst vor einem Sturz ins Bodenlose und den mühsamen Kampf zurück in eine Normalität und weg vom Bild des ewigen Opfers.

Von Fassungslosigkeit und dem abrupten Ende eines Lebens

Als Gisèle Pelicot auf einer Polizeiwache in Carpentras im Herbst 2020 erstmals erfährt, was ihr Mann Dominique ihr angetan hat, kann sie sich selbst auf den Fotos, die der Kommissar ihr vorlegt, nicht erkennen. «Ich bin mir meines, unseres Glücks sicher. Bald fünfzig Jahre verheiratet, und die Erinnerung an unsere erste Begegnung noch ganz klar.» Doch der vermeintlich so vertraute Mann kommt von der Wache nie wieder nach Hause. Und während die Ereignisse über sie hereinbrechen, denkt Pelicot: «Es konnte einfach nicht sein.»

Schnell packen die herbeigeeilten Kinder und sie Pelicots Leben im Örtchen Mazan in wenige Koffer. Vieles landet auf der Müllhalde, manches zerstört die Tochter in ihrer Wut. Und plötzlich steht Gisèle Pelicot am Pariser Gare de Lyon, ohne zu wissen, was sie dort sucht. «Meine Kinder kehrten in ihre Leben zurück, doch ich hatte keines mehr.»

Extrem persönliche Retrospektive

Behutsam und dennoch eindrücklich erzählt Pelicot gemeinsam mit der Journalistin und Autorin Judith Perrignon ihre Lebensgeschichte. Vom Aufwachsen in Reutlingen, dem oft abwesenden Soldatenvater, dem frühen Tod der Mutter und dem Kennenlernen ihres späteren Mannes. Pelicot gewährt enorm tiefe Einblicke, wenn sie von Geldnöten oder Affären berichtet, doch nun ist sie diejenige, die das Narrativ bestimmt.

Auf 256 Seiten beschreibt Pelicot im Piper Verlag, wie die kaum fassbaren Taten ihres Mannes die Familie zermürben und auseinandertreiben lassen. Gleichzeitig erzählt sie beinahe poetisch vom blühenden Oleander, von langen Spaziergängen am Strand, vom Versuch, sich auf der französischen Île de Ré eine neue Normalität zu schaffen, und davon, wie sie sich nach all den Härten wieder verliebt.

Immer wieder klingt in Pelicots Memoiren die schwierige Gleichzeitigkeit der Dinge an. «Ich war auch glücklich gewesen, ganz bestimmt. Ich war nicht nur ein Opfer», schreibt sie etwa und erzählt: «Ich zerteilte Dominique in zwei Hälften, so wie ich mich vom vergewaltigten Körper dissoziierte.»

«Sie mussten zu Kreuze kriechen. Ich nicht.»

Während die Taten von Dominique Pelicot in der französischen Lokalpresse schon seit Längerem Schlagzeilen machen, wird die Welt erst mit Beginn des Prozesses gegen ihn und 50 Mitangeklagte im September 2024 auf das aufmerksam, was diese Männer Gisèle Pelicot angetan haben. Eigentlich hatte Pelicot ihr Leid nicht zur Schau stellen wollen. Doch mehrere Monate vor Prozessbeginn fragt sie sich, ob die verschlossenen Türen nicht vielmehr die Täter schützen würden als sie. 

In einem ungewöhnlichen Schritt entschied Pelicot sich damals, den Prozess vor der Öffentlichkeit führen zu lassen. «Ich fürchtete mich nicht mehr vor den Blicken anderer, fürchtete mich nicht mehr davor, dass die Leute Bescheid wussten», beschreibt sie ihre Gedanken. «Alle Welt sollte auf die einundfünfzig Vergewaltiger schauen. Sie mussten zu Kreuze kriechen. Ich nicht.» Dafür schaute Pelicot auch unzählige Videos an, die ihr damaliger Mann von den Taten gemacht hatte, die im Prozess gezeigt werden würden und die sie eigentlich partout nicht hatte ansehen wollen.

Der Wunsch nach Antworten und ein bevorstehender Abschied

Pelicot erzählt von den zermürbenden Prozessmonaten in Avignon, wo sie sich einer «Armee von Strafverteidigern» gegenübersieht, aber auch auf eine Menschenmenge trifft, die ihr beisteht, die ihre Rettung war, wie Pelicot schreibt. Am Ende erhält ihr Ex vor Gericht lebenslang. Auch alle anderen 50 Männer werden schuldig gesprochen.

Einen Namen für den Mann zu finden, den sie geliebt und der sie schwerst missbraucht hat, fällt Pelicot schwer. Im Buch nennt sie ihn schlicht beim Vornamen, Dominique. Nun, da der Prozess hinter ihr liegt, will sie ihn im Gefängnis besuchen. «Es muss sein», schreibt sie. Denn noch immer hat sie viele offene Fragen. «Dieser Besuch wird kein Geschenk sein, kein Zeichen von Schwäche, es wird ein Abschied werden, eine unverzichtbare Etappe meines Neuanfangs.»

Am Ende steht Zuversicht

«Diese Geschichte gehört nicht mehr nur mir allein», schreibt Pelicot, berichtet, wie sie zur Heldin und Märtyrerin geworden ist, sich selbst aber keineswegs als Ikone betrachtet. Immer wieder wird in ihren Worten deutlich, dass sie als mehr gesehen werden will als das Opfer von Vergewaltigung und Missbrauch. «Man würde mich niemals auf diesen geschundenen Körper reduzieren», verfügt sie.

Trotz der Qualen, die Pelicot durchlitten hat, endet sie mit einem Bekenntnis zur Liebe und zum Leben. Man könne aus seiner eigenen Asche wiedergeboren werden. «Ich möchte sagen, dass ich am Leben bin.»

Literatur / Gesellschaft / Kriminalität / Justiz / Frauen / Neuerscheinungen / Frankreich
17.02.2026 · 00:02 Uhr
[1 Kommentar]
Polonium im Periodensystem
Vaihingen an der Enz (dpa) - Nach dem Fund eines Fläschchens mit der Aufschrift «Polonium 210» in Vaihingen an der Enz und einem Großeinsatz von Spezialisten gibt das baden-württembergische Umweltministerium vorsichtig eine erste Entwarnung. «Die erste Einschätzung von unseren Fachleuten ist, dass es sich bei dem Fund nicht um Polonium 210 handelt», […] (03)
vor 5 Minuten
Kanye West
(BANG) - Pepsi hat sich nach Kritik an Kanye West aus dem Sponsoring des Wireless Festival zurückgezogen. Der umstrittene Rapper war als Headliner für alle drei Abende des diesjährigen Londoner Events angekündigt worden, das im Rahmen einer seit 2015 bestehenden Partnerschaft unter dem Namen 'Pepsi MAX Presents Wireless' lief. Nun hat der Lebensmittel- […] (00)
vor 5 Stunden
Fashion-Influencer «Gramps»
Mainz (dpa) - Er hat rund 5,5 Millionen Follower auf Tiktok, noch mal knapp 2,5 Millionen auf Instagram: Der 80-jährige Alojz Abram - auch bekannt unter seinem Pseudonym «Gramps» - ist Mode-Influencer. Dabei wirkte er lange gar nicht modisch. Er hat sich gekleidet, wie man es von einem älteren Herrn in der Rente erwarten würde. «Unspektakulär», sagt […] (00)
vor 11 Stunden
Starfield DLC verrät neue Stadt – Fans hoffen auf echten Neustart
Es fühlt sich fast wie ein versteckter Blick hinter die Kulissen an: Neue Achievements zum kommenden DLC von Starfield sorgen gerade für Diskussionen in der Community. Denn was dort entdeckt wurde, klingt nach genau den Änderungen, die sich viele Spieler seit Release wünschen. Und plötzlich steht eine Frage im Raum: Bekommt Starfield endlich das […] (00)
vor 19 Stunden
Prime Video zeigt Doku «Jerry West: The Logo» im April
Der Streamingdienst widmet der Basketball-Legende eine persönliche und schonungslose Dokumentation. Prime Video hat den Trailer zur Dokumentation Jerry West: The Logo veröffentlicht. Der abendfüllende Film feiert am 16. April seine Premiere und wird weltweit in mehr als 240 Ländern und Territorien verfügbar sein. Regie führt Kenya Barris, der mit «Jerry West: The Logo» sein Dokumentarfilmdebüt […] (00)
vor 3 Stunden
Eva Lys
Oeiras (dpa) - Zum Neustart nach dem Abstieg aus der Weltgruppe des Billie Jean King Cups muss das deutsche Frauen-Tennisteam auch auf die gesetzte Eva Lys verzichten. Die 24 Jahre alte Hamburgerin sei nach ihrer Knieverletzung noch nicht wieder vollständig fit und stehe deswegen für das Turnier der Regionalgruppe I vom 7. bis 11. April im […] (01)
vor 2 Stunden
bitcoin, gold, coin, icon, symbol, logo, bitcoin gold, bitcoin logo, currency, cryptocurrency
Die führende Kryptowährung Bitcoin hat kürzlich einen starken Kursanstieg verzeichnet und kurzzeitig die Marke von $70.000 überschritten. Trotz dieser positiven Entwicklung warnen zahlreiche Analysten, dass die Bären weiterhin die Oberhand haben könnten und ein erneuter Rückgang bevorstehen könnte. Vorsicht bei zu frühem Optimismus Die jüngsten […] (00)
vor 26 Minuten
Mogotes erweitert Filo Sur und ergänzt die Story um Beskauga in Kasachstan!
Herisau, 06.04.2026 (PresseBox) - Drei Bohrgeräte auf Filo Sur, dazu die Option auf das fortgeschrittene Beskauga-Projekt in Kasachstan: Mogotes verbreitert 2026 seine Projektbasis und den operativen Nachrichtenfluss. - Anzeige/Werbung - Dieser Artikel erscheint im Auftrag von Mogotes Metals Inc.!  Bezahlte Beziehung: SRC swiss resource capital AG […] (00)
vor 1 Stunde
 
natur, nature, ireland, landscape, frühling, travel, sea, holiday
Viel Sonne bei lokaler Bewölkung und Wind Am Ostermontag prägt viel Sonnenschein das […] (02)
Wolfgang Kubicki (Archiv)
Berlin - Wolfgang Kubicki hat seine Bewerbung als FDP-Parteivorsitzender gegen Kritik […] (01)
Behandlungszimmer beim Arzt (Archiv)
Berlin - Die SPD hat Warnungen des Chefs der Kassenärztlichen Bundesvereinigung […] (00)
Baum umgestürzt - Drei Tote bei Flensburg
Mittelangeln (dpa) - Nach dem tödlichen Unglück durch einen umgestürzten Baum am […] (01)
Künstliche Intelligenzen verweigern Befehle, um andere KIs vor Abschaltung zu schützen
Solidarität unter Algorithmen? Vielleicht sogar so etwas wie gegenseitiges Mitgefühl? […] (04)
SC Freiburg - Bayern München
Freiburg (dpa) - Harry Kane jubelte beim Münchner Drama-Sieg aus der Ferne mit. «Wow, […] (05)
Hallmark zeigt «All’s Fair in Love & Mahjong» im Mai
Der neue Liebesfilm mit Fiona Gubelmann feiert Anfang Mai seine Premiere im linearen TV und […] (00)
bitcoin, crypto, finance, coin, money, currency, cryptocurrency, blockchain, investment, closeup
Der Bitcoin-Kurs hat einen soliden Anstieg über die Marke von $68.000 […] (00)
 
 
Suchbegriff