Kahlschlag über den Wolken: Der brutale Masterplan zur Zerschlagung der Lufthansa Classic
Die Idylle am Frankfurter Flughafen trügt. Hinter den Kulissen der Lufthansa-Zentrale herrscht ein Klima der Angst und des offenen Misstrauens. Was Lufthansa-Chef Jens Ritter in den vergangenen Tagen vor der Belegschaft in Frankfurt und München präsentierte, ist nichts weniger als die operative Demontage der Traditionsmarke Lufthansa Classic. Der plötzliche Beschluss vom 16. April, die Tochtergesellschaft Cityline mit sofortiger Wirkung abzuwickeln, war erst der Anfang eines strategischen Vernichtungsschlags gegen gewachsene Strukturen. Emotional und hitzig ging es bei den Treffen zu – doch Ritter blieb eisig: Der Kurs steht, Widerstand zwecklos.
Das Management nutzt das aktuelle Chaos nach einer massiven Streikwelle als perfekten Vorwand, um ein Vorhaben durchzupeitschen, das die Gewerkschaften seit Jahren zu verhindern versuchen. Das komplexe Zubringernetz zu den sechs großen Drehkreuzen der Gruppe – Frankfurt, München, Zürich, Wien, Brüssel und Rom – wird mit dem Skalpell seziert. Zehntausende Flüge fliegen aus dem Programm, nicht nur wegen fehlender Maschinen, sondern aus eiskaltem Kalkül.
Catchment-Krieg: Warum Frankfurt und München Federn lassen müssen
Die Logik der Führungsebene ist simpel: Die Drehkreuze liegen geografisch zu nah beieinander und nehmen sich gegenseitig die Passagiere weg. „Mit fünf und demnächst sechs Hubs gibt es überlappende Catchments. Deshalb müssen wir unser Zubringernetz überprüfen, um zu verhindern, dass man sich gegenseitig Kapazität wegnimmt“, so Chief Commercial Officer Dieter Vranckx. Das „Catchment“, also das Passagierpotenzial im Umkreis von 100 Kilometern, wird künftig nicht mehr doppelt bedient.
Für die Kunden bedeutet das das Ende der Wahlfreiheit. Wer etwa aus dem rumänischen Sibiu in die Welt will, konnte bisher zwischen Frankfurt und München wählen. Damit ist Schluss: Künftig gibt es nur noch den Weg über Wien. Auch Städte wie Stuttgart, Danzig, Breslau oder Trondheim werden radikal beschnitten und nur noch über ein einziges Drehkreuz an das Langstreckennetz angebunden. Der Kahlschlag dient einem einzigen Zweck: Über 24 Kurzstreckenflugzeuge sollen aus der Flotte verschwinden, um die chronisch defizitäre Kernmarke Lufthansa Classic endlich aus den roten Zahlen zu prügeln.
Der Verrat am Personal: Wachstum nur noch für die Billig-Töchter
Besonders schmerzhaft für die Belegschaft ist die Tatsache, dass das Management das verbleibende Wachstum bewusst an der Stammbelegschaft vorbeischleust. Während bei Lufthansa Classic Flugzeuge stillgelegt werden, wird die junge Ferienfluggesellschaft Discover Airlines mit hochmodernen Airbus A350-Langstreckenjets regelrecht gemästet. Bis 2029 soll die Flotte dort um neun zusätzliche Maschinen wachsen.
Für die Piloten der Kernmarke ist das ein Schlag ins Gesicht. Jeder neue Langstreckenjet bei Discover bedeutet rund 20 Cockpitjobs, die der Lufthansa Classic dauerhaft entzogen werden. Insgesamt geht es um 180 Pilotenstellen, die nun unter deutlich günstigeren Tarifbedingungen bei der Tochter entstehen. Gerald Wissel von Airborne Consulting bestätigt die bittere Pille für die Pilotengewerkschaft VC: „Das zeigt doch, wie wichtig es ist, endlich gemeinsam an einer Lösung des Dauerkonflikts zu arbeiten.“ Doch Ritter lässt keinen Zweifel daran, dass er den Konflikt notfalls aussitzt.
Taskforce zur Schrumpfung: Der Winter der harten Einschnitte
Wer glaubt, das Schlimmste sei überstanden, irrt gewaltig. Eine interne Taskforce arbeitet bereits an den nächsten Streichlisten für den kommenden Winterflugplan. Weitere fünf Flugzeuge der Kernflotte sollen dann dauerhaft am Boden bleiben. Die Führung setzt darauf, dass die Belegschaft nach den kräftezehrenden Streiks mürbe genug ist, um den Umbau schlucken zu müssen. Personalchefin Astrid Neben und Finanzchef Jörg Beißel flankieren Ritter dabei mit der Botschaft, dass es zur „Restrukturierung keine Alternative“ gebe.
Die Lufthansa Classic, einst der Stolz der deutschen Wirtschaft, wird auf ein Minimum reduziert, während die Rendite bei den flexibleren und kostengünstigeren Töchtern gesucht wird. Es ist ein Spiel mit hohem Einsatz: Verliert die Lufthansa ihre flächendeckende Präsenz auf der Kurzstrecke, droht sie langfristig den Anschluss an die globale Konkurrenz zu verlieren, die nur darauf wartet, die Lücken im Netz zu füllen.
Am Ende könnte ein Konzern stehen, der zwar profitabler ist, aber seinen Namen „Lufthansa“ nur noch als schmückendes Beiwerk für ein Geflecht aus Billig-Airlines trägt.


