Korruptionsbekämpfung in Kiew

Geldwäsche? Ex-Präsidialamtschef Jermak in Untersuchungshaft

14. Mai 2026, 12:20 Uhr · Quelle: dpa
Ukraine-Krieg - Kiew
Foto: Dan Bashakov/AP/dpa
Jermak war die rechte Hand von Präsident Wolodymyr Selenskyj. (Archivfoto)
In der Ukraine galt Andrij Jermak als mächtigster Mann hinter Präsident Selenskyj. Nun muss sich der Ex-Präsidialamtschef Geldwäsche-Vorwürfen stellen. Was steckt hinter dem Verfahren?

Kiew (dpa) - Das Oberste Anti-Korruptions-Gericht in der Ukraine hat gegen den früheren Präsidialamtschef Andrij Jermak wegen Vorwürfen der Geldwäsche Untersuchungshaft für zunächst 60 Tage angeordnet. Der 54-Jährige war bis zu seiner Entlassung im November die rechte Hand von Präsident Wolodymyr Selenskyj – und beteuert seine Unschuld. 

Er soll als Angehöriger einer organisierten Gruppe an Geldwäsche von umgerechnet fast neun Millionen Euro im Zusammenhang mit einem Luxusbauprojekt in der Nähe Kiews beteiligt gewesen sein. Jermak weist das kategorisch zurück, er will gegen den Haftbefehl vorgehen.

Der Fall des nach Selenskyj einst zweitmächtigsten Mannes in Kiew erschüttert die sich gegen den russischen Angriffskrieg verteidigende Ukraine. Selenskyj will das Land in die Europäische Union führen und hat nach einer Vielzahl von Finanzskandalen den westlichen Geldgebern einen kategorischen Kampf gegen die Korruption sowie Reformen zugesichert.

Jermak war als Vertrauter Selenskyjs auch lange maßgeblich an den internationalen Verhandlungen für eine Beendigung des Krieges beteiligt. Seit langem halten sich in Kiew Gerüchte, er lasse sich in der Nähe von Kiew neben anderen eine Residenz bauen in dem Villenviertel «Dynastia» in dem Ort Kosyn.

Jermaks Anwalt, Ihor Fomin, warf dem Gericht bei den Anhörungen in dieser Woche vor, nichts als Mutmaßungen zu präsentieren. Es gebe keine Beweise für die Anschuldigungen. Er hatte beantragt, Jermak gegen eine bezahlbare Kaution auf freien Fuß zu setzen. Das Gericht setzte aber umgerechnet 2,72 Millionen Euro an.

Jermak hofft auf Hilfe bei Kautionszahlung

«Ich habe dieses Geld nicht», sagte Jermak im Gerichtssaal. Er sei auch nicht vorbereitet darauf, im Untersuchungsgefängnis zu sitzen, halte sich aber für stark genug nach all den Kriegsjahren in Kiew, in denen er im Land die Stellung gehalten habe. «Ich denke, dass es ausreichend Bekannte, Freunde gibt, hoffe, dass sie damit helfen», sagte er mit Blick auf die Kautionssumme.

Jermak hatte auf seine Vermögenserklärung hingewiesen, in der er eine Dreizimmerwohnung in Kiew und einen Mercedes sein Eigentum nenne. Sollte er die Kaution aufbringen und auf freien Fuß kommen, darf er laut Gerichtsbeschluss Kiew nicht verlassen und muss auch eine elektronische Fessel tragen. Zudem besteht ein Kontaktverbot. Die Staatsanwaltschaft hatte die Untersuchungshaft wegen Fluchtgefahr beantragt. Jermak verfüge über viele Kontakte und habe mehrere diplomatische Pässe, hieß es.

Das Nationale Antikorruptionsbüro (NABU) und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) berichteten, sie hätten Jermak als Mitglied einer organisierten Gruppe enttarnt. Sie haben demnach 16 Aktenordner mit je 250 Seiten zusammengetragen.

Nach Auffassung des NABU und der SAP soll Jermak gemeinsam mit Geschäftsleuten, darunter dem früheren Selenskyj-Vertrauten Tymur Minditsch und Ex-Vizeregierungschef Olexij Tschernyschow umgerechnet rund neun Millionen Euro gewaschen haben. Zwischen 2021 und 2025 soll das Geld illegaler Herkunft in den Bau von vier Villen geflossen sein. Eine Residenz war demnach für Jermak gedacht.

Ermittlungen Teil eines größeren Verfahrens

NABU und SAP hatten bereits im November mitgeschnittene Gespräche zu Schmiergeldzahlungen im Energiesektor veröffentlicht. Es gab mehrere Festnahmen. Energieministerin Switlana Hryntschuk und Justizminister Herman Haluschtschenko wurden entlassen. Der Hauptverdächtige Minditsch, ein früherer Geschäftspartner von Präsident Selenskyj, konnte aus dem Land fliehen. Er ist zur Fahndung ausgeschrieben.

Im Juli vorigen Jahres hatte Selenskyj noch versucht, NABU und SAP unter seine Kontrolle zu bringen. Damals wurden bereits Vorwürfe gegen Jermak laut, er habe mit einer eilig verabschiedeten Gesetzesänderung die sich anbahnenden Verfahren gegen Minditsch und den ebenfalls Selenskyj nahestehenden Ex-Vizeregierungschef Tschernyschow abwenden wollen. Nach Straßenprotesten und einer Intervention der EU musste Selenskyj den vorherigen Zustand wiederherstellen.

Jermak soll Dienste einer Wahrsagerin genutzt haben

Am Vortag wurden auch Details über Jermaks Kontakt mit einer Esoterik-Beraterin zutage gefördert. Die Anklage ließ bei der Verhandlung in Kiew Chats zwischen Jermak und der Frau verlesen, die in seinen Telefonkontakten als «Veronika Feng-Shui Büro» verzeichnet war.

Demnach habe Jermak mit der Frau über die Besetzung von Spitzenposten in der Ukraine gesprochen. Er habe ihr Geburtsdaten von Kandidaten geschickt und um Rat gebeten. Ukrainischen Presseberichten zufolge bezeichnet sich die 51-jährige Frau aus Kiew selbst als astrologische Beraterin. Sie soll ebenfalls zu der Gruppe der Verdächtigen gehören.

Präsidialamt: Wir beschäftigen uns nicht mit Esoterik

Das Präsidentenbüro teilte angesichts der Nachrichten aus dem Gerichtssaal mit, man beschäftige sich nicht mit Esoterik, Numerologie, Feng-Shui oder ähnlichem. Er habe nie derartige Vertreter in der Kanzlei gesehen, sagte Selenskyjs Berater Dmytro Lytwyn.

Jermak hatte sich – anders als von vielen erwartet – nach den Durchsuchungen bei ihm im November und seiner Entlassung nicht ins Ausland abgesetzt. Im März erhielt er eine Stelle in der Nationalen Vereinigung der Rechtsanwälte und führte da den Ausschuss für den Schutz von Verletzten im Zuge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine.

Kriminalität / Prozess (Gericht) / Konflikte / Justiz / Ukraine / Geldwäsche / Korruption
14.05.2026 · 12:20 Uhr
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