Flugzeugabsturz im Iran: Kanada geht von Abschuss aus

09. Januar 2020, 22:54 Uhr · Quelle: dpa

Ottawa (dpa) - Nach dem Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran geht die kanadische Regierung von einem Abschuss durch den Iran aus.

«Wir haben Informationen von mehreren Quellen von unseren Alliierten und eigene Informationen. Diese Informationen deuten darauf hin, dass das Flugzeug von einer iranischen Boden-Luft-Rakete abgeschossen wurde», sagte Ministerpräsident Justin Trudeau in einer TV-Ansprache. Dies könne durchaus versehentlich geschehen sein.

Bei dem Vorfall inmitten des bewaffneten Konflikts zwischen dem Iran und den USA waren am Mittwoch mehr als 170 Menschen ums Leben gekommen - darunter 63 Kanadier.

«Die Nachricht ist zweifellos ein weiterer Schock für die Familien (der Opfer), die angesichts dieser unbeschreiblichen Tragödie bereits trauern», sagte Trudeau und wiederholte seine Forderung nach einer umfassenden internationalen Untersuchung. «Die Familien der Opfer und alle Kanadier wollen Antworten. Ich will Antworten.» Der Premier ging auf Nachfrage nicht darauf ein, welche Informationen genau die kanadische Regierung habe. Die Beweise seien jedoch «sehr klar».

Der britische Premierminister Boris Johnson sprach einer Mitteilung zufolge von einem «Korpus an Informationen», der auf einen Abschuss durch eine iranische Rakete hinweise. «Wir arbeiten eng mit Kanada und unseren internationalen Partnern zusammen und es bedarf einer vollständigen und transparenten Untersuchung», so Johnson.

Vor Trudeaus Ansprache hatten US-Medien berichtet, dass die Boeing-Maschine von einer iranischen Flugabwehrrakete getroffen worden sein könnte. US-Regierungsbeamte hielten dies für hoch wahrscheinlich, berichtete der TV-Sender CBS unter Berufung auf namentlich nicht genannte Quellen. Das Nachrichtenmagazin «Newsweek» berichtete unter Berufung auf zwei Pentagon-Mitarbeiter, dies sei wohl versehentlich geschehen.

Die Annahme sei, dass das iranische Luftabwehrsystem aktiv gewesen sein könnte, nachdem am Mittwoch vom Iran aus Raketen auf von US-Soldaten genutzte Militärstützpunkte im Irak abgefeuert worden waren, berichtete «Newsweek». Der Iran hatte zuvor Spekulationen über einen Abschuss bereits zurückgewiesen.

CBS berichtete, US-Geheimdienste hätten Signale von einem Radar empfangen, das eingeschaltet worden sei. US-Satelliten hätten außerdem den Start von zwei Boden-Luft-Raketen kurz vor der Explosion des Flugzeugs entdeckt. Der Sender CNN meldete unter Berufung auf mehrere US-Behördenvertreter, man gehe zunehmend von einem versehentlichen Abschuss durch den Iran aus. Dieser «Arbeitstheorie» lägen die Analyse von Satelliten-, Radar- und anderen elektronischen Daten zugrunde, die routinemäßig vom Militär und den Geheimdiensten der USA gesammelt würden.

US-Präsident Donald Trump heizte Mutmaßungen über die Absturzursache der Maschine unterdessen an. «Ich habe meinen Verdacht», sagte Trump im Weißen Haus. «Ich will das nicht sagen, weil andere Menschen auch diesen Verdacht haben. Es ist eine tragische Angelegenheit.» Trump sagte weiter: «Jemand könnte einen Fehler gemacht haben.» Auf die Frage, ob die Maschine aus Versehen abgeschossen worden sein könnte, sagte er allerdings: «Das weiß ich wirklich nicht.»

Die iranischen Behörden bekräftigten, dass eine technische Ursache zu der Katastrophe geführt habe. «Wegen eines technischen Defekts hat die Maschine Feuer gefangen, und dies führte zum Absturz», sagte Verkehrs- und Transportminister Mohammed Eslami der Nachrichtenagentur Isna. Spekulationen über einen «verdächtigen» Absturz und Gerüchte über einen Abschuss der Boeing 737 oder eine Terroroperation seien alle falsch. Wie er zu diesen Erkenntnissen kam, sagte Eslami nicht. Die Ukraine schließt hingegen einen Raketenangriff oder einen Terroranschlag als Ursache nicht aus. Kiew schickte eigene Experten in den Iran.

Der Leiter der iranischen Luftfahrtbehörde bezeichnete einen Abschuss der Passagiermaschine als «wissenschaftlich unmöglich» und wies entsprechende Spekulationen als «unlogisch» zurück. «Die Behauptung, dass die Maschine von einem iranischen Raketenabwehrsystem getroffen worden sei, kann ganz und gar nicht stimmen, weil zur selben Zeit des Absturzes mehrere andere Maschinen im iranischen Luftraum unterwegs waren», sagte Ali Abedsadeh laut Nachrichtenagentur Fars. Im Iran gebe es zwischen der militärischen und zivilen Luftfahrtbehörde eine einwandfreie Koordination.

Die Ermittler wollen nun den kurzen Flug rekonstruieren. In einem am Donnerstag veröffentlichten vorläufigen Bericht der iranischen Luftfahrtbehörde heißt es, die Maschine habe versucht, zurück zum Flughafen zu fliegen. Augenzeugen hätten berichtet, die Maschine habe gebrannt. Als sie am Boden aufschlug, sei sie explodiert - wohl weil das Flugzeug große Mengen Kerosin getankt hatte.

Die Experten erhoffen sich mehr Informationen durch die Auswertung der beiden Blackboxen mit den Flugdaten. Die Boxen enthalten die Flugdatenschreiber und einen Stimmenrekorder mit Aufnahmen der Gespräche im Cockpit. Diese sollten nach gründlichen Untersuchungen an die Ukraine übergeben werden, kündigte die Luftfahrtbehörde an. Die Geräte seien aber beschädigt worden. Kurz vor dem Absturz habe auch kein Funkkontakt mehr zu den Piloten bestanden.

Kiew zog vier Versionen in Betracht: Alexej Danilow vom ukrainischen Sicherheitsrat schrieb auf Facebook, es sei möglich, dass die Maschine von einer Rakete des russischen Typs «Tor» getroffen worden sei. Deshalb seien Experten an der Untersuchung beteiligt, die bereits 2014 beim Abschuss des malaysischen Fluges MH17 durch eine Flugabwehrrakete über der Ostukraine ermittelt hätten. Geprüft werden auch ein Zusammenstoß mit einem Flugobjekt wie etwa einer Drohne, ein Triebwerksschaden und ein Terroranschlag.

Die Ukrainer gedachten der 176 Todesopfer. Präsident Wolodymyr Selenskyj rief einen Tag der Trauer aus. Die Fahnen wehten auf halbmast. In den Fernsehprogrammen und im Radio sollte auf Unterhaltungsformate verzichtet werden. Am Kiewer Flughafen Boryspil legten viele Menschen Blumen nieder. Dort hätte die Maschine eigentlich am Mittwochmorgen gegen 8.00 Uhr Ortszeit landen sollen.

Aufgrund des Konflikts im Nahen Osten sollen Flüge im irakischen Luftraum aus Sicht der europäischen Flugaufsicht (EASA) vermieden werden. Das sei eine Schutzmaßnahme, teilte die EASA auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mit. Zudem haben den Angaben der EASA zufolge bereits manche europäischen Fluggesellschaften ihre Routen angepasst.

Luftverkehr / Notfälle / Konflikte / Fugzeug / Absturz / Raketenangriff / Donald Trump / Abschuss / USA / Iran / Irak / Ukraine
09.01.2020 · 22:54 Uhr
[23 Kommentare]
Junge Frauen mit Smartphone (Archiv)
Berlin - Junge Menschen präsentieren sich im Internet häufig glücklicher, als sie tatsächlich sind. Das ergab eine Umfrage des IT-Branchenverbandes Bitkom. Ein Viertel der 16- bis 29-Jährigen (25 Prozent) gibt demnach offen zu, sich in der digitalen Welt glücklicher darzustellen als in der Realität. Zugleich ist es für mehr als die Hälfte dieser […] (01)
vor 9 Minuten
Lena Dunham
(BANG) - Lena Dunham ist "wirklich aufgeregt", wenn es darum geht, einen Weg zu finden, eine eigene Familie zu gründen. Die 'Girls'-Schöpferin, die 2021 den Musiker Luis Felber heiratete, hatte bereits zuvor öffentlich gemacht, dass sie sich nach jahrelangem Kampf mit Endometriose einer Hysterektomie unterzogen hat. Rückblickend erklärte sie, dass sie […] (00)
vor 2 Stunden
Der Anspruch ist klar: mehr Kontrolle, mehr Präzision und vor allem mehr Sicherheit bei der Ohrpflege. Statt „blind“ zu arbeiten, liefert das Gerät ein Livebild direkt aufs Smartphone. Eine Idee, die sofort neugierig macht – und in der Praxis überraschend gut funktioniert. Smarte Technik: Kamera, App und überraschend klare Bilder Das Herzstück des […] (00)
vor 25 Minuten
Exklusivität im Fadenkreuz: Wohin steuert Xbox zwischen Ökosystem und Publishing?
Die Gaming-Welt brodelt, denn bei Microsoft scheinen hinter verschlossenen Türen weitreichende Diskussionen über die Zukunft der Xbox zu laufen. Seit der neue Microsoft Gaming CEO Asha Sharma in einem internen Memo die gestiegenen Kosten des Game Pass thematisierte, mehren sich die Anzeichen, dass Xbox an einem Scheideweg steht. Steuert das Unternehmen […] (00)
vor 28 Minuten
Anne Tafferner: Neue TV-Moderatorin bei RTL WEST
Ganz neu ist Tafferner genau genommen aber nicht. Sie ist seit 2018 Teil der Redaktion und als Reporterin im Einsatz. Neues Moderations-Gesicht beim Regionalprogramm RTL WEST: Die 32-Jährige Anne Tafferner ist das neue Gesicht im Moderatorenteam vom NRW Regionalprogramm bei RTL. Am kommenden Montag, 18 Uhr ist ihre erste Livesendung. „Meine Vorfreude ist riesig. Das Lampenfieber auch. Aber ich […] (00)
vor 1 Stunde
Max Verstappen
Berlin (dpa) - Für den Frustabbau nimmt sich Max Verstappen eine weitere Formel-1-Auszeit auf dem Nürburgring. Bei zwei Sportwagenrennen am Wochenende testet der Niederländer noch einmal für den 24-Stunden-Klassiker im Mai und holt sich erneut den Fahrspaß, der ihm gerade in der Formel 1 fehlt. «Wenn man für 22 Rennen von zu Hause weg ist, dann muss man […] (00)
vor 1 Stunde
Deutsche Börse verstärkt Engagement bei Krypto-Plattform Kraken
Deutsche Börse setzt auf Krypto-Wachstum Die Deutsche Börse intensiviert ihre strategische Partnerschaft mit der führenden US-amerikanischen Kryptohandelsplattform Kraken. Mit diesem Schritt unterstreicht Europas größte Börsengruppe ihr Bekenntnis zum Kryptomarkt und signalisiert das wachsende Vertrauen in digitale Vermögenswerte. Die Expansion bei […] (00)
vor 29 Minuten
Mit COSYS PPWR-Konformität bis August 2026 sicherstellen
Dortmund, 16.04.2026 (PresseBox) - Die neue PPWR-Verordnung macht Verpackungen endgültig zum strategischen Thema. Was früher oft als reine Transport- oder Materialfrage behandelt wurde, wird nun zu einer klaren Compliance-, Transparenz- und Nachhaltigkeitsaufgabe. Unternehmen, die Mehrwegbehälter, Paletten, KLTs, Gitterboxen oder andere […] (00)
vor 1 Stunde
 
Iran-Krieg - Israel
Tel Aviv (dpa) - Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wird nach […] (02)
Tankstelle (Archiv)
Berlin - Die geplante Senkung der Energiesteuern auf Benzin und Diesel kommt […] (08)
Donald Trump (Archiv)
Köln/Bamberg - Mehrere deutsche katholische Bischöfe haben sich von US-Präsident […] (02)
Millionen-Coup: Polizei veröffentlicht Fotos aus Tresorraum
Essen (dpa) - Knapp ein halbes Jahr nach dem spektakulären Millionen-Einbruch in eine […] (00)
Trendforce Bericht zeigt Hightech Klebstoff für unsichtbare Falte beim iPhone Ultra
Apples erstes faltbares Smartphone, das voraussichtlich unter dem […] (00)
Marktanpassungen bei den Zinserwartungen In einem kürzlichen Interview mit Bloomberg […] (00)
Jane Krakowski
(BANG) - Jane Krakowski kann sich den Erfolg von 'Ally McBeal' nicht erklären. Die […] (00)
Primetime-Check: Dienstag, 14. April 2026
Wie erfolgreich war «TV total» bei ProSieben? Hatte Dieter Bohlen bei «Deutschland sucht den […] (00)
 
 
Suchbegriff