Die Akte Epstein: Drei Millionen Seiten Schattengeschichte
Die Veröffentlichung am Freitag war mehr als eine bürokratische Routine. Todd Blanche, der stellvertretende US-Justizminister, trat vor die Presse, um ein Versprechen einzulösen, das der Kongress und die Regierung im November per Gesetz besiegelt hatten.
Blanche sprach von über drei Millionen Dokumentenseiten, die nun auf der Website des Ministeriums für die Öffentlichkeit zugänglich sind. Es ist der Versuch, einen Skandal transparent zu machen, der seit Jahrzehnten das Vertrauen in die US-Justiz untergräbt.
Dabei war der Weg zu diesem „Daten-Dump“ steinig. Das Ministerium hatte eine gesetzliche Frist, die bereits am 19. Dezember 2025 abgelaufen war, verstreichen lassen. Hunderte Anwälte waren laut Regierungsangaben damit beschäftigt, das Material zu sichten, um insbesondere den Opferschutz durch Schwärzungen zu gewährleisten.
Der Schatten der Mittäter belastet das Verfahren
Obwohl das Material gewaltig ist, bleibt die entscheidende Frage für Beobachter und Opfervertreter: Wer sind die noch ungenannten Mittäter? Bisher wurde lediglich Ghislaine Maxwell, Epsteins langjährige Partnerin, verurteilt. Sie verbüßt derzeit eine 20-jährige Haftstrafe, weil sie ihrem Partner die Opfer systematisch zuführte.
In früheren Aktenauszügen war bereits von weiteren Mitverschwörern die Rede. Die neuen Unterlagen enthalten umfangreiches Material aus Durchsuchungen von Epsteins Anwesen in New York, Florida und den US-Jungferninseln.
Interne Protokolle und Ermittlungsberichte sollen nun dokumentieren, wie Epsteins Netzwerk aus Politikern, Prominenten und Wirtschaftsgrößen über Jahre hinweg funktionierte. Doch die Realität der Transparenz hat ihre Grenzen: Das Justizministerium betonte, dass sensible Passagen zum Schutz der Privatsphäre der Opfer weiterhin geschwärzt bleiben.
Politische Scharmützel begleiten die Offenlegung
Die Veröffentlichung fällt in eine Zeit extremer politischer Spannungen in Washington. Die Regierung sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, die Herausgabe der Akten verzögert zu haben. Erst unter dem öffentlichen Druck und einem speziellen Gesetz, das Präsident Donald Trump im November unterzeichnete, kam die Maschinerie in Gang.
Das Gesetz zielte darauf ab, das Justizministerium zur vollständigen Offenlegung zu bewegen. Ziel war es, alles Wissen zusammenzutragen, das im Rahmen verschiedener Ermittlungsverfahren gegen Epstein und Maxwell gewonnen wurde.
Gleichzeitig wächst der Druck auf andere prominente Namen, deren Verbindungen zum Epstein-Netzwerk seit Jahren Gegenstand von Spekulationen sind. Die nun veröffentlichten Dokumente enthalten nach Angaben aus Regierungskreisen etliche Akten, die bei einer ersten Veröffentlichungswelle im Dezember noch zurückgehalten worden waren.
Hoffnung auf ein spätes Ende der Straflosigkeit
Für die Überlebenden des systematischen Missbrauchs durch den US-Finanzier ist dieser Freitag ein ambivalenter Meilenstein. Jahrelang kämpften sie gegen die Geheimhaltung und gegen einen Justizapparat, der Epstein im Jahr 2008 mit einem höchst umstrittenen Deal in Florida davonkommen ließ.
Viele der nun veröffentlichten Seiten sind jedoch weiterhin stark bearbeitet. Diese Praxis rechtfertigt das Ministerium mit dem Schutz der Opfer. Dennoch bietet der schiere Umfang des Materials Raum für neue zivilrechtliche Aufarbeitungen und eine historische Einordnung des Falls.
Jeffrey Epstein starb 2019 unter bis heute diskutierten Umständen in seiner Gefängniszelle in New York. Das Ende der Saga ist mit dem heutigen Tag nicht erreicht. Vielmehr beginnt nun die mühsame Auswertung durch Journalisten und Anwälte. Es ist eine Suche nach der Wahrheit in einem Millionen Seiten starken Labyrinth aus Machtmissbrauch und Schweigen.


