Nachruf

Der Fürst der Mode - Giorgio Armani ist tot

04. September 2025, 16:35 Uhr · Quelle: dpa
Giorgio Armani, der Pionier der lässigen Eleganz, hat die Modewelt mit seinem unverkennbaren Stil geprägt. Sein Erbe als Designer bleibt unvergessen und inspiriert Generationen.

Mailand (dpa) - Was wird wohl bleiben von Giorgio Armani? Wird es sein wie mit Karl Lagerfeld, mit Yves Saint-Laurent, mit Coco Chanel - Namen, die auch nach Jahren und Jahrzehnten noch Bedeutung haben? 

Der Italiener war nach Meinung vieler der letzte große Modeschöpfer mit unverkennbarem Stil: lässig, edel und schlicht. Armani erfand das Sakko neu und ermöglichte es, dass man zum Anzug T-Shirt tragen kann. Bis ins hohe Alter machte er das selbst noch vor. Nun ist er mit 91 Jahren gestorben.

Im Unterschied zu vielen sonstigen Größen seiner Branche war Armani nie in Paris zu Hause, sondern immer in Mailand. In der Via Borgonuovo, einer überaus eleganten Straße, gehörten ihm mehrere Gebäude. Der Firmensitz ist ein Palast aus dem Jahr 1662. Neue Kollektionen zeigte er im Keller seines Wohnhauses. Viermal pro Jahr Mailand, zweimal Herren-, zweimal Damenmode, dazu noch zweimal pro Jahr Paris. Alle kamen. Seit Lagerfelds Tod im Februar 2019 war er für viele der bekannteste Modemacher der Welt.

Fürst der Mode

Geboren wurde der «Principe della Moda» («Fürst der Mode»), wie sie ihn in seiner Heimat nannten, nicht in Mailand, sondern eine Autostunde entfernt, in der Kleinstadt Piacenza, als zweites Kind einer Hausfrau und eines Speditionskaufmanns. Die Mutter legte Wert auf Kleidung, auch in den Kriegsjahren. Aber größeren Einfluss in Sachen Mode hatte in jungen Jahren wohl der Großvater, der als Maskenbildner und Perückenmacher beim städtischen Theater sein Geld verdiente.

Jedenfalls war Armani auf seine Herkunft stolz. Eines der wenigen Male, die man ihn in den letzten Jahren nicht einfach nur in Hose plus Pulli oder T-Shirt und vielleicht noch Sakko zu sehen bekam, war, als ihn die Universität seiner Heimatstadt im Mai 2023 zum Ehrendoktor machte: Er trug Talar und Schärpe, wie es sich zum Doktorhut gehört.

In seiner Dankesrede sagte er: «Diese Arbeit ist für mich das Leben, ein ständiger Akt der Liebe.» Und er fügte lächelnd, aber geschäftsbewusst hinzu: «Ich höre mir immer die Meinung der anderen an. Aber dann treffe ich die Entscheidungen.»

Nie eine Lehre

Fast wäre aus Armani sogar ein echter Doktor geworden. Nach dem Abitur studierte er zwei Jahre lang Medizin. Beim Militärdienst in einem Hospital merkte er, dass das nicht seine Welt war. Eine Freundin vermittelte ihn zur Kaufhauskette «La Rinascente», wo er als Schaufensterdekorateur begann, dann Einkäufer wurde. So lernte er 1964 den Altmeister der italienischen Herrenmode kennen, Nino Cerruti. Ohne je den Beruf erlernt zu haben, machte er seine ersten eigenen Entwürfe. Dann trennten sich die Wege.

Mitte der 1970er Jahre gründete Armani mit seinem Lebensgefährten Sergio Galeotti eine eigene Firma: die Giorgio Armani SpA. Das war die Keimzelle eines Konzerns, der heute viele Milliarden wert ist: Das Geld kam anfangs durch Mode herein, dann auch durch Kosmetik, Uhren, Schmuck und Hotels. Seit Galeottis frühem Tod 1985 gehörte das Unternehmen Armani allein. Er lebte, soviel man weiß, auch allein weiter.

An die Börse ging er nie. Alle Übernahmeangebote lehnte er ab. Rund um den Globus gehören zum Konzern heute 8.700 Beschäftigte, mehr als 2.000 Geschäfte, oft in besten Lagen, mit einem Jahresumsatz von mehr als 2,3 Milliarden Euro. Armanis persönliches Vermögen wird auf sieben Milliarden geschätzt. 

Seinen letzten Sommer verbrachte er in Saint-Tropez

Zum Luxus, den er sich leistete, gehörten Häuser an verschiedensten Orten wie in St. Moritz oder auf der Karibik-Insel Antigua. Besonders gern hielt er sich in seiner Villa auf der Mittelmeerinsel Pantelleria auf, nahezu der südlichste Punkt Italiens, fast schon Afrika. Seinen letzten Sommer verbrachte er jedoch in seinem Haus in Saint-Tropez an der französischen Côte d'Azur. 

Dort gab er der «Financial TImes» sein womöglich letztes Interview. «Das Einzige, was ich in meinem Leben bedauere, ist, dass ich zu viele Stunden bei der Arbeit und nicht genug Zeit mit Freunden und Familie verbracht habe.» In diesem Monat, so hatte er es versprochen, sollte sein Comeback sein. Nachdem er im Juni und Juli erstmals bei den großen Modeschauen in Mailand und Paris nicht dabei sein konnte, hatte er per Zeitungsanzeige an seinem 91. Geburtstag angekündigt: «Wir sehen uns im September».

Von der Herrenmode zu Damenkollektionen

Sein Markenzeichen: Er reduzierte Mode aufs Wesentliche. Aus den früher oft noch uniformartigen Sakkos entfernte er Polster und Einlagen. Die Hemdenkragen wurden weniger steif, die Knöpfe nach unten gesetzt. Dazu beschränkte er sich auf zeitlose Farben wie Grau, Beige und Weiß. Ihm selbst war tiefes Blau am liebsten. «80 Prozent von dem, was ich mache, ist Disziplin», pflegte er zu sagen. «Der Rest ist Kreativität. Manchmal bin ich Handwerker, manchmal Vermesser, manchmal Baumeister, manchmal Architekt.»

Als Schneider wollte sich nie bezeichnen lassen. «Ich bin auch kein Couturier. Ich bin jemand, der einen eigenen Stil kreiert», sagte er 1980 schon dem «Corriere della Sera», der großen Zeitung aus Mailand. «Also Stilist.» Dass er aus der Herrenmode kam, merkte man auch seinen Damenkollektionen an. Nie waren Hosenanzüge so weiblich. Die Modewissenschaftlerin Barbara Vinken sagte: «Armani hat unterkühlte Sexyness in die Mode gebracht.»

Erfolg auch in Hollywood

Das machte sich auch Hollywood zu eigen. Dort gelang ihm 1980 der Durchbruch, indem er Richard Gere als «American Gigolo» (deutscher Titel: «Ein Mann für gewisse Stunden») einkleidete. Auf der Leinwand folgten Kevin Costner («Die Unbestechlichen»), Tom Cruise («Mission Impossible») und Leonardo DiCaprio («Wolf of Wall Street»). 

Mit der TV-Serie «Miami Vice» wurde das T-Shirt zum Sakko alltagstauglich. Die Schauspiel-Prominenz trug Armani auch privat und auf dem roten Teppich. Oscar-Auftritte von Nicole Kidman oder Cate Blanchett bleiben in Erinnerung.

Für seine Landsleute war der wohlgealterte Mann - immer schlank, weißes Haar, stets gebräunt - der Vorzeige-Italiener schlechthin. Man verzieh ihm die Bestechung von Steuerfahndern und sogar, dass er für die Fußball-WM 2006 ausgerechnet die englische Nationalmannschaft ausstattete. Das Magazin der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» stellte ihn als «Monolithen der Mode» heraus, als «Felsen im schrecklich schnellen Geschäft, das keine Verwandten kennt, keine Dauer, keine Tradition».

Nachfolge ungeregelt

Der Nachteil aller Einzigartigkeit: Wie es weitergeht mit der Marke Armani, ist unklar. Über das Thema sprach er nicht gern. Zeit seines Lebens unterließ es der «Principe», sich auf eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger festzulegen. Eigene Kinder hatte er nie. Er hinterlässt zwei Nichten und einen Neffen. Die meisten Experten sind sich aber sicher, dass es Armani auch ohne Giorgio Armani geben wird. 

Der Luxusgüter-Fachmann Luca Solca sagte der «Financial Times» soeben: «Ich denke, die Marke Armani ist größer als ihr Schöpfer.» Auch andere Marken wie Chanel und Dior hätten ihre Gründer überlebt. So oder so: In diesem Monat noch wird es in Mailand erstmals eine Museumsausstellung zu Armanis Lebenwerk geben, in der Pinacoteca di Brera, unmittelbar neben seinem Wohnhaus. Aus dem Fenster hätte er zusehen können.

Mode / Leute / Italien / Porträt
04.09.2025 · 16:35 Uhr
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