CES zeigt Machtverschiebung bei selbstfahrenden Autos
Autonomes Fahren im echten Stadtverkehr
San Francisco gilt als Härtetest für Fahrassistenzsysteme. Dichter Verkehr, unklare Situationen, spontane Manöver. Genau hier demonstriert Nvidia seine Ambitionen: Ein seriennaher Mercedes-Benz CLA fährt ruhig, vorausschauend und ohne Sicherheitsfahrer durch die Stadt.
Zum Einsatz kommt nicht Teslas Software, sondern Nvidias Plattform „Drive AV“. Formal bleibt das System auf Level 2 plus, faktisch zeigt es bereits heute ein Fahrverhalten, das Teslas Full Self Driving sehr nahekommt – teils sogar übertrifft.
Teslas Schwachstelle: fehlende Lizenznehmer
Tesla verfolgt seit Jahren ein klares Ziel. Elon Musk will das autonome Fahren nicht nur für die eigene Flotte nutzen, sondern als Software lizenzieren. Genau hier liegt das Problem: Bislang hat sich kein namhafter Autohersteller auf dieses Modell eingelassen.
Der Grund ist strukturell. Eine Tesla-Lizenz hätte bedeutet, Fahrzeuge nach den technischen und philosophischen Vorgaben von Musk zu entwickeln. Für Hersteller wie Mercedes, BMW oder Toyota wäre das eine strategische Abhängigkeit von einem direkten Wettbewerber gewesen.
Nvidia setzt auf Partnerschaft statt Dogma
NVIDIA wählt einen anderen Ansatz. Statt einer geschlossenen Lösung bietet der Konzern eine modulare Plattform an. Kameras, Radar, Lidar oder eine Kombination daraus – die Entscheidung liegt beim Hersteller.
Nvidia versteht sich als Werkzeugkasten, nicht als Ideologie. Während Tesla ausschließlich auf Kameras setzt, erlaubt Nvidia Redundanz. Für eine Branche, die mit Regulierung, Haftung und Rückrufen lebt, ist genau das entscheidend.
Hyperion als Fundament der Strategie
Kern von Nvidias Offensive ist die Plattform Hyperion. Sie verbindet Autohersteller wie Mercedes-Benz, Stellantis, Geely und Xiaomi mit Softwarepartnern wie Pony WeRide oder WeRide.
Ziel ist klar definiert: Ab 2027 sollen Robotaxis ohne Sicherheitsfahrer möglich sein. Nvidia plant, die Software zunächst in den USA auszurollen und anschließend nach Europa zu bringen.
Simulation statt reiner Realwelt-Daten
Tesla profitiert von Millionen Fahrzeugen auf der Straße, die täglich Daten liefern. Nvidia kontert mit Simulation. Das KI-Modell „Alpamayo“ mit rund zehn Milliarden Parametern simuliert Verkehrssituationen, bevor sie real auftreten.
In Mercedes-Fahrzeugen läuft Alpamayo parallel zu klassischen Systemen. Je nach Situation entscheidet das Fahrzeug, welches Modell die Kontrolle übernimmt. Das Ergebnis ist ein natürliches Fahrverhalten mit zusätzlicher Sicherheitsreserve.
Zwei Philosophien, ein Ziel
Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Elon Musk setzt auf maximale Vereinfachung: möglichst wenig Hardware, möglichst viel Software. Nvidia-Chef Jensen Huang setzt auf Redundanz und Absicherung.
Beide Ansätze zielen auf dasselbe Ziel, aber mit unterschiedlicher Priorität. Tesla will Tempo. Nvidia will Akzeptanz. Für viele Autohersteller ist Letzteres entscheidend.
Industrie folgt dem offenen Modell
Mercedes-Benz setzt seit Jahren auf Nvidia. BMW geht mit Qualcomm neue Wege. Volkswagen bleibt bei Mobileye. Der Markt fragmentiert sich – doch Teslas Vision eines dominanten, lizenzierten Systems bleibt bislang Theorie.
Nvidia profitiert dabei nicht nur von seiner KI-Kompetenz, sondern auch von Skaleneffekten. Autonomes Fahren, Robotik und industrielle KI greifen ineinander. Nvidia denkt Autonomie nicht als Auto-Feature, sondern als Plattform.
Der Angriff sitzt
Tesla bleibt ein Vorreiter, vor allem durch reale Fahrdaten. Doch Nvidia trifft Teslas empfindlichste Stelle: die fehlende Anschlussfähigkeit für andere Hersteller.
Während Musk auf das geschlossene Universum setzt, baut Nvidia das offene Betriebssystem für autonomes Fahren. Wer am Ende gewinnt, ist offen. Klar ist nur: Das Rennen wird nicht mehr allein von Tesla bestimmt.


