EU-Kommissarin: Schweinegrippe nicht unterschätzen

27. Oktober 2009, 18:01 Uhr · Quelle: dpa
Hamburg (dpa) - Die EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou hat davor gewarnt, die Schweinegrippe zu unterschätzen.

«Es ist zu befürchten, dass sich das Virus im Laufe der kommenden Monate verändert und deutlich aggressiver wird», sagte die Europa-Politikerin aus Zypern der Tageszeitung «Die Welt» (Dienstag). «In diesem Fall wird man leider auch mit einer erheblichen Zahl von Toten rechnen müssen.» Mögliche Veränderungen der Viren hatten Forscher schon vorhergesagt, bislang ist jedoch noch kein mutiertes Schweinegrippevirus bekanntgeworden.

Der Mikrobiologe Alexander Kekulé will sich gegen Schweinegrippe impfen lassen. Der Professor hatte in den vergangenen Tagen in den Medien immer wieder auf die Nebenwirkungen der Impfung hingewiesen. Er nehme die leichten Nebenwirkungen jedoch in Kauf, sagte der Forscher von der Universität Halle-Wittenberg dem «Tagesspiegel» (Mittwoch). «Wenn die Menschen nicht hingehen, funktioniert die ganze Impfaktion nicht.»

Für Kinder und Schwangere sei die Abwägung schwieriger, weil der Impfstoff an Kindern wenig und an Schwangeren kaum getestet worden sei. «Am besten wäre meiner Meinung nach ein Impfstoff ohne Wirkverstärker, aber solange wir den nicht haben, würde ich Kinder ab sechs Jahren auch mit Wirkverstärker impfen lassen», sagte Kekulé weiter. «Bei Kindern unter sechs Jahren finde ich die Datenlage aber zu dünn, um eine groß angelegte Impfung zu verantworten.»

Einer schwangeren Freundin würde er raten, Kontakt mit Überträgern zu vermeiden. «Wenn das gar nicht geht, weil sie zum Beispiel im Kindergarten arbeitet, dann ist die Impfung das kleinere Übel.» Kekulé forderte aber, Schwangere in solchen Berufen sollten während der Grippesaison freigestellt werden.

Die Konjunktur in Deutschland wird nach Einschätzung von Wirtschaftsforschern durch die Schweinegrippe kaum abgeschwächt. Bei der Notfallplanung in den Betrieben und der Krankenversorgung gebe es aber noch bedenkliche Lücken, heißt es in einer am Dienstag in Berlin vorgestellten Studie des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), der Beratungsgesellschaft ADMED und der Allianz-Versicherung. «Die Schweinegrippe dürfte der sich gerade abzeichnenden wirtschaftlichen Erholung im Herbst keinen allzu derben Dämpfer verpassen», meinte der RWI-Gesundheitsexperte Boris Augurzky.

Die Vorkehrungen in den Unternehmen bei einer schnellen Ausbreitung der Grippe seien jedoch unzureichend. Nur jeder zweite Betrieb in Deutschland könne auf einen Pandemieplan zurückgreifen, bei mittelständischen Unternehmen sei es nur jeder zehnte.

EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou hält es dagegen für möglich, dass die wirtschaftliche Erholung in der EU durch die Schweinegrippe geschwächt wird. Bestimmte Wirtschaftszweige wie Tourismus oder Freizeitindustrie könnten Einbußen erleiden, die Produktionsabläufe wegen eines hohen Krankenstandes gestört werden, sagte Vassiliou der Zeitung «Die Welt» (Dienstag).

Vor einigen Tagen hatte die US-Arzneimittelbehörde FDA das neue Grippe-Medikament Peramivir für den Notfall zugelassen. Es dürfen nur Patienten bekommen, bei denen kein anderes Medikament wirkt oder die keine anderen Mittel einnehmen können. Peramivir wird in die Blutbahn gegeben. Bislang wurden Patienten hauptsächlich mit Tamiflu und Relenza behandelt.

Gesundheit / Grippe / EU
27.10.2009 · 18:01 Uhr
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