Kriminalität

Vierfach-Mord an Tankstelle erschüttert Italien

03. Juni 2026, 14:26 Uhr · Quelle: dpa
Polizei in Italien
Foto: Sabina Crisan/dpa
Italien ist entsetzt über den Vierfach-Mord an vier ausländischen Erntehelfern. (Symbolbild)
Im Süden des Landes werden vier ausländische Billiglöhner brutal getötet. Der Mord wirft ein Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen in Italiens Landwirtschaft - die auch deutsche Supermärkte versorgt.

Cosenza (dpa) - Es sind Bilder einer Überwachungskamera, wie sie überall auf der Welt in Tankstellen hängen. Und es sind Bilder von seltener Brutalität. Zwei Männer, die mit dem Tankstutzen Benzin in einen Minivan pumpen - nicht in den Tank, sondern ins Innere hinein. Dann setzen sie das Auto in Brand und halten von außen die Türen zu. Man sieht voller Entsetzen, wie der Fiat Ulisse mächtig hin und her schwankt, weil sich die verbliebenen Insassen zu befreien versuchen. Vergebens. Dann rennen die beiden anderen in höchster Eile weg.

Das ist die Szene, wie sie sich am helllichten Tag nahe der 3.000-Einwohner-Gemeinde Amendolara abgespielt hat, an einer Tankstelle an der vielbefahrenen Staatsstraße 106, im tiefen Süden. Für vier Männer in dem Auto kommt jede Hilfe zu spät: Ismat, Fazal, Waseem und Safi. Alle vier aus Afghanistan und Pakistan. Alle vier als Erntehelfer auf den Erdbeerfeldern in der Umgebung beschäftigt, zu Billigstlöhnen und unter Bedingungen, die man kaum als human beschreiben kann. Alle vier bei lebendigem Leib verbrannt.

Schlimme Arbeitsbedingungen längst bekannt

In den italienischen Fernseh-Nachrichten laufen die Bilder seit Montag rauf und runter. Das ganze Land ist entsetzt über den Vierfach-Mord. Bei vielen regt sich auch wieder einmal das schlechte Gewissen, dass Einwanderer in ihrem Land so beschäftigt werden. Denn dass vor allem in Italiens Süden, wo in großem Stil Obst und Gemüse angebaut wird, die Arbeitsbedingungen mancherorts unmenschlich sind, weiß man längst. Was dort geerntet wird, landet übrigens oft auch in deutschen Supermärkten.

In der Gegend um Amendalora, zwischen Spitze und Absatz des italienischen Stiefels, werden vor allem Orangen, Mandarinen und Erdbeeren angebaut. Hier weiß jeder, wie Migranten auf den Feldern behandelt werden. Viele von ihnen kommen aus Ländern wie Indien, Pakistan, Bangladesch oder Afghanistan. Der Stundenlohn beträgt häufig nicht mehr als drei Euro. Alles in allem, so wird geschätzt, arbeiten in Italiens Landwirtschaft mehr als 200.000 Menschen unter solchen Bedingungen. 

Viele sprechen von moderner Sklaverei

Viele nennen das moderne Sklaverei. Manche sprechen auch von einer «Landarbeiter-Mafia», die streng organisiert ist und Verbindungen zur 'Ndrangheta hat, Italiens mächtigster Verbrecherorganisation, die in Kalabrien beheimatet ist. Um die Anwerbung der ausländischen Billigstlöhner, deren Unterbringung und die finanziellen Angelegenheiten kümmern sich sogenannte Capos: häufig ebenfalls Migranten, die es in der Hierarchie etwas nach oben geschafft haben. 

So war das offensichtlich auch bei dem Vierfach-Mord. Anhand der Bilder der Überwachungskameras konnten als mutmaßliche Täter zwei Männer aus Pakistan identifiziert werden, die nun in Untersuchungshaft sitzen. Belastet werden die beiden auch vom einzigen Überlebenden: Taj Alamyar, 35 Jahre alt, aus Afghanistan und seit ein paar Monaten in Italien. Er saß ebenfalls im Auto, konnte aber das Heckfenster zertrümmern und sich nach draußen retten.

«Mund halten oder Ihr werdet umgebracht»

Mit schweren Brandwunden an den Händen berichtet Alamyar, dass er zusammen mit den anderen auf einem Matratzenlager in einem kleinen Bauernhaus in der Nähe untergebracht gewesen sei, zu einem Tageslohn von 45 Euro. Eigentlich. Aber: «Wir haben jeden Tag unsere Bezahlung verlangt. Aber sie haben immer eine Ausrede gefunden. Und für die Fahrt zur Arbeit fünf Euro von uns verlangt. Fünf Euro hin, fünf Euro zurück. Zu Hause bekamen wir Brot und Kartoffeln, sonst nichts.» 

Am Morgen der Tat habe es wieder Streit gegeben. «Sie haben eine Pistole auf uns gerichtet: "Mund halten oder Ihr werdet umgebracht."» Dann sei es wieder auf die Felder gegangen. Auf der Rückfahrt sei es erneut zu einem Wortgefecht gekommen, bis die Capos an der Tankstelle angehalten hätten. «Sie wollten uns eine Lektion erteilen. Sie wollen den Landarbeitern hier in der Region klarmachen, dass Befehle nicht diskutiert werden.»

Bischof: «Genug mit dem bequemen Schweigen» 

Das ist augenblicklich auch die Vermutung der Ermittler: dass ein Exempel statuiert werden sollte. In den vergangenen Monaten standen schon mehrfach Autos in Brand, mit denen Landarbeiter transportiert wurden. Geprüft wird jetzt auch, ob es sich beim Tod von vier indischen Erntehelfern vergangenes Jahr tatsächlich um einen Verkehrsunfall handelt.

Nach dem Entsetzen über den Vierfach-Mord geht es nun jedoch auch darum, welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Ein Bischof aus Kalabrien, Francesco Savino, verlangt: «Genug mit dem bequemen Schweigen. Genug mit der schäbigen Angewohnheit, es für normal zu halten, dass Männer von weit her bei uns wie Leichen ohne Geschichten sterben.» In Italien gibt es gegen ausbeuterische Methoden in der Landwirtschaft zwar ein Gesetz. Es drohen hohe Geldstrafen und bis zu acht Jahre Haft. Aber mit der Umsetzung ist es nach vielfacher Meinung nicht weit her.

Bestseller-Autor Saviano mit wenig Hoffnung

Der Bestseller-Autor Roberto Saviano («Gomorrha»), der sich schon länger mit den Zuständen in Italiens Landwirtschaft beschäftigt, sagt: «Verantwortlich sind die großen Einzelhandelsketten. Die Marken, die wir alle kennen und zu Preisen kaufen, die es unmöglich machen, einen angemessenen Lohn zu bezahlen.» So funktioniere das System seit vielen Jahren, sagte Saviano der Tageszeitung «La Stampa». «Bis jemand stirbt. Dann wird eine Kommission eingerichtet. Und dann wird es wieder still.»

Kriminalität / Gesellschaft / Feuer / Italien / Pakistan / Landwirtschaft / Ausbeutung
03.06.2026 · 14:26 Uhr
[3 Kommentare]
Hotel lehnt Buchung mit antisemitischer Begründung ab
Lam (dpa) - Keine Juden erlaubt - mit dieser Antwort an einen Gast aus Israel hat ein Hotel in der Oberpfalz für Fassungslosigkeit gesorgt. «Sind wir wieder in den 1930er Jahren?», fragte die Generalkonsulin des Staates Israel für Süddeutschland auf der Plattform X mit Blick auf die systematische Entrechtung und Ermordung von Juden im […] (04)
vor 9 Minuten
Brett Goldstein
(BANG) - Brett Goldstein hält Jennifer Lopez für eine "phänomenale Künstlerin". Der 45-jährige Schauspieler spielt an der Seite der 56-jährigen Jennifer in 'Office Romance', der neuen romantischen Komödie unter der Regie von Ol Parker, und Goldstein hat seine Filmpartnerin in den höchsten Tönen gelobt und Lopez als "außergewöhnlich" bezeichnet. […] (00)
vor 2 Stunden
Apple-Logo
Cupertino/Berlin (dpa) - Apple wird sein erstes europäisches Zentrum zur Unterstützung von App-Entwicklern in Berlin ansiedeln. Der Standort im Stadtbezirk Mitte soll in diesem Jahr öffnen, wie der iPhone-Konzern ankündigte. Es wird das fünfte Apple Developer Center nach Bengaluru, Shanghai, Singapur und dem Konzernsitz Cupertino.  In den Zentren […] (00)
vor 1 Stunde
CHERRY XTRFY K63W Pro: Die erste Gaming-Tastatur mit Ultra-Wideband und 8K Polling kommt im Juli
CHERRY XTRFY hat auf der Computex 2026 die K63W Pro Compact enthüllt – die weltweit erste Gaming-Tastatur mit Ultra-Wideband-Funk und 8000 Hz Polling-Rate. Das klingt nach einem technischen Befreiungsschlag im kabellosen Gaming, wo 2,4-GHz-Funk und Bluetooth seit Jahren stagnieren. Doch bei aller Innovation drängt sich eine Frage auf: Warum nennt CHERRY […] (00)
vor 24 Minuten
Martin Scorsese
(BANG) - Martin Scorsese hat sich mit dem KI-Unternehmen Black Forest Labs zusammengetan. Der Regisseur von 'The Wolf of Wall Street' ist als Berater in das Unternehmen eingetreten, um "die Grenzen der Kreativität zu erweitern und dem Publikum tiefere und reichhaltigere Erlebnisse zu bieten". In einer Erklärung auf der Website von Black Forest Labs […] (00)
vor 2 Stunden
Ein Mann sitzt mit Laptop am Küchentisch
Den Haag/Berlin (dpa/tmn) - Egal ob Sport, Filme oder Serien: Viele Streaming- oder Pay-TV-Anbieter haben in letzter Zeit ihre Preise deutlich erhöht. Als Reaktion darauf illegale Angebote zu nutzen, ist allerdings keine gute Idee. Denn wer Tauschbörsen-Software- oder -Apps nutzt, um an urheberrechtlich geschützte Inhalte zu gelangen, muss mit teuren […] (01)
vor 2 Stunden
Arztpraxis
Berlin (dpa) - Gegen die Milliarden-Sparpläne der Bundesregierung bei den Gesundheitsausgaben formiert sich wachsender Widerstand - nun auch unter den Ländern und bei Hausärzten. Wenn der Gesetzentwurf von Ministerin Nina Warken (CDU) in der nächsten Woche erstmals in den Bundesrat kommt, liegen zahlreiche Kritikpunkte von Ausschüssen der Länderkammer […] (00)
vor 17 Minuten
Stalins Weinkeller erstmals geöffnet
Schlieren, 03.06.2026 (lifePR) - Einige der Flaschen stammen aus dem frühen 19. Jahrhundert und gehörten einst Zar Alexander III.: In Tiflis, der Hauptstadt Georgiens, wurde dieser Tage der Weinkeller Josef Stalins geöffnet, in dem rund 40.000 Flaschen lagern. Viele der Weine stammen aus Bordeaux und auch aus Georgien selbst. Die Regierung plant nun, […] (00)
vor 1 Stunde
 
Industrieanlagen (Archiv)
Berlin - Die Bundesregierung hat entspannt auf die neuen Zolldrohungen der USA […] (00)
Finanzamt (Archiv)
Berlin - Die Union lehnt den von zahlreichen Wissenschaftlern unterbreiteten […] (00)
Außenminister Wadephul bei der UN
New York (dpa) - Tag der Entscheidung: Deutschland stellt sich heute in New York der […] (00)
Ukraine-Krieg - St. Petersburg
Kiew/St. Petersburg (dpa) - Die Ukraine hat direkt vor Beginn eines wichtigen […] (11)
Vor der Fußball-WM - Deutsche Nationalmannschaft
Chicago (dpa) - Julian Nagelsmann hat keine Zeit für einen Jetlag. Der Bundestrainer […] (01)
Wirtschaftliche Übersicht Die aktuellen Wirtschaftsdaten Australiens zeigen eine […] (00)
Rekordstart für die Women's College World Series bei ESPN
Die Auftaktspiele der NCAA Women's College World Series erreichten so viele Zuschauer wie nie […] (00)
Tom Holland
(BANG) - Tom Holland hat betont, dass seine "Art von wildem Leben", bevor er mit dem […] (00)
 
 
Suchbegriff