UN-Inspekteure: Klare Beweise für Sarin-Giftgasangriff in Syrien

16. September 2013, 22:33 Uhr · Quelle: dpa

New York/Moskau/Ankara (dpa) - Die UN-Chemiewaffeninspekteure haben in Syrien «klare und überzeugende» Beweise für einen Angriff mit dem Nervengas Sarin gefunden. Das Giftgas sei am 21. August in der Nähe von Damaskus mit Boden-Boden-Raketen verschossen und «auch gegen Zivilisten, darunter viele Kinder», eingesetzt worden.

Das geht aus einem 38-seitigen Bericht des schwedischen Professors Åke Sellström hervor, den die Vereinten Nationen am Montag in New York vorstellten. Für die US-Regierung und die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch belegt der Bericht, dass hinter dem tödlichen Gasangriff nur Regierungstruppen stecken können.

Bei dem Giftgasangriff vor vier Wochen sollen mehr als 1400 Menschen ums Leben gekommen sei. Syriens Regierung und die Rebellen beschuldigen sich gegenseitig, die weltweit geächteten Waffen einzusetzen. Das Mandat der Inspekteure gestattete nur zu untersuchen, ob und welche Chemiewaffen eingesetzt wurden. Dagegen sollte die Frage, wer für den tödlichen Einsatz verantwortlich ist, ausdrücklich nicht beantwortet werden.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon sprach bei der Vorstellung des Berichts von einem schweren Schock. «Dies ist ein Kriegsverbrechen und eine grobe Verletzung des internationalen Rechts», sagte Ban. «Es ist der bedeutendste bestätigte Einsatz chemischer Waffen gegen Zivilisten seit dem Angriff Saddam Husseins auf Halabdscha 1988. Und es ist der furchtbarste Einsatz von Massenvernichtungsmitteln im 21. Jahrhundert. Die Menschheit hat die Pflicht, den Einsatz solcher Waffen zu unterbinden.»

Die USA sehen sich durch den UN-Bericht in ihrer Einschätzung bestätigt, dass die syrische Führung die Verantwortung für den Giftgaseinsatz trägt. «Die technischen Daten machen deutlich, dass nur das Regime in der Lage ist, Angriffe dieser Größenordnung auszuführen», sagte UN-Botschafterin Samantha Power in New York.

Wenn man zwischen den Zeilen lese, sei es nicht schwierig, die Schuldigen zu finden, schreibt Human Rights Watch. Sowohl die 330-Millimeter Raketen mit 50 bis 60 Liter Sarin als auch die 140-Millimeter-Raketen russischer Bauart gehörten zum Arsenal der syrischen Armee. Sie seien nie in Hand der Rebellen gesehen worden. Auch der Einsatz einer solch bedeutsamen Menge an Sarin weise auf eine Verantwortung der Regierung hin.

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte, dass der Sicherheitsrat den Internationalen Strafgerichtshof einschaltet, damit die Verantwortlichen für den Giftgasangriff zur Rechenschaft gezogen werden. Westerwelle fügte in Köln hinzu: «Wir Deutschen sind bereit, bei der Vernichtung der chemischen Waffen technisch und auch finanziell zu helfen.»

Nach einer Vereinbarung der USA mit Russland muss das Assad-Regime sein Chemiewaffenarsenal bis Samstag offenlegen. Bis Mitte 2014 sollen die Chemiewaffen aus dem Bürgerkriegsland gebracht und zerstört werden. Allerdings geht der ehrgeizige Plan nur auf, wenn das Assad-Regime in vollem Umfang kooperiert.

Mit einer «starken und bindenden» Resolution wollen die USA, Frankreich und Großbritannien deshalb im UN-Sicherheitsrat den Druck auf die syrische Führung erhöhen, ihre Zusagen auch umzusetzen.

Allerdings bremst Russland den Westen erneut aus. Der gemeinsame Beschluss mit den USA zur Vernichtung der syrischen Chemiewaffen sehe keine Anwendung von Gewalt vor, sagte Außenminister Sergej Lawrow am Montag in Moskau. «Unsere amerikanischen Kollegen hätten gerne eine Resolution unter Androhung von Kapitel VII gehabt. Aber das endgültige Dokument, auf das wir uns geeinigt haben und das unsere Regierungen zur Umsetzung verpflichtet, erwähnt dies nicht.»

Sein US-Amtskollege John Kerry betonte hingegen in Paris, Russland habe explizit zugestimmt, dass Gewalt gegen das Regime des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad der Weg bei Nichterfüllung der Resolution sei.

Die vom UN-Menschenrechtsrat berufene Syrien-Kommission erhob am Montag in Genf schwere Vorwürfe gegen die Führung in Damaskus. Demnach haben die Luftwaffe und Artillerie des Regimes in 12 von 14 Provinzen dicht bevölkerte Gebiete angegriffen. Auch die besonders folgenschwere Streumunition werde immer wieder eingesetzt. «Die große Mehrheit der Opfer dieses Konfliktes gibt es durch illegale Angriffe mit konventionellen Waffen», sagte der Leiter der Expertengruppe, der brasilianische Diplomat Paulo Pinheiro.

An der Grenze zwischen Syrien und der Türkei nahmen die Spannungen wieder zu. Die türkische Luftwaffe schoss einen syrischen Militärhubschrauber ab. Der Helikopter habe die türkische Grenze überflogen und sei mehrfach gewarnt worden, teilte Vizeregierungschef Bülent Arinc am Montag mit. Außenminister Ahmet Davutoglu sagte: «Niemand wird es noch einmal wagen, die türkischen Grenze zu verletzten. In der Sache sind alle Vorbereitungen getroffen.».

Im syrischen Bürgerkrieg haben Islamisten und «Gotteskrieger» ihren Einfluss stark ausgeweitet. Nach einer Studie des Londoner Forschungsinstitutes IHS Jane's setzen sich die Rebellen aus mehr als 1000 Gruppierungen zusammen. Unter den etwa 100 000 bewaffneten Rebellen gebe es rund 10 000, die für besonders mächtige Gruppierungen im Umfeld der Terrororganisation Al Kaida kämpfen - darunter auch Kämpfer aus dem Ausland, zitierte die britische Zeitung «Daily Telegraph». Die Organisationen Al-Nusra-Front und Islamischer Staat im Irak und Syrien seien dominierend. Im Ergebnis habe nur eine kleiner Teil der Rebellen tatsächlich politisch-nationale Interessen.

Links zum Thema
Der Bericht im Netz
Konflikte / UN / Syrien
16.09.2013 · 22:33 Uhr
[15 Kommentare]
Tatortreiniger im Thüringer Wald im Einsatz
Zella-Mehlis (dpa) - Schweigend und mit geübten Handgriffen ziehen sich Bernadeta Lotze und ihr Team die Schutzanzüge und Masken über, bevor sie nacheinander die enge Treppe hinaufsteigen. Im Dachgeschoss des Hauses im Thüringer Wald bahnen sich die vier ihren Weg über Berge aus Verpackungen, verdorbenen Lebensmitteln und Unrat. Routiniert stopfen sie […] (00)
vor 29 Minuten
Vielfältige Wälder Einer der größten Vorzüge Deutschlands sind seine abwechslungsreichen Naturlandschaften. Wälder sind ein wesentlicher Bestandteil dieser Landschaften. Sie finden sich in jeder Region des Landes und sind öffentlich zugänglich. Touristen, die Waldspaziergänge und Entspannung in der Natur genießen, haben eine große Auswahl. Nadelwälder […] (00)
vor 10 Stunden
Ein Mann zeigt mit dem Finger auf einen Namenscluster
Ludwigsfelde (dpa/tmn) - Wer weiß schon, wo außer den direkten Verwandten noch Menschen mit demselben Nachnamen wohnen? Herausfinden lässt sich das auf der Webseite «Geogen» - der Name steht für «geografische Genealogie», was so viel bedeutet wie ortsbezogene Ahnenforschung. So erklärt es Entwickler Christoph Stöpel auf der Seite. Dreh- und Angelpunkt […] (00)
vor 4 Stunden
Wer kennt das nicht: Eine App lädt zu langsam, das Menü wirkt unübersichtlich — und schon ist man weg. Digitale Plattformen kämpfen heute härter denn je um jeden Klick. Was macht den Unterschied zwischen Plattformen, die begeistern, und solchen, die Nutzer sofort wieder verlieren? Die Antwort liegt selten in einer einzigen Funktion — sondern im […] (00)
vor 9 Stunden
«30 Rock»-Darsteller Grizz Chapman mit 52 Jahren gestorben
Der aus der Kultserie «30 Rock» bekannte Schauspieler Grizz Chapman ist im Alter von 52 Jahren gestorben. Wie sein Cousin Donte Harrison, ehemaliger Spieler der Harlem Globetrotters, in sozialen Netzwerken bestätigte, starb Chapman am Freitag im Schlaf. Eine genaue Todesursache wurde zunächst nicht veröffentlicht. Harrison erklärte jedoch, Chapman habe über viele Jahre mit gesundheitlichen […] (02)
vor 15 Stunden
SC Paderborn 07 - VfL Wolfsburg
Paderborn (dpa) - Mit Sicherheitsabstand zu ihren aufgebrachten Fans standen die trauernden Wolfsburger Spieler auf dem Paderborner Rasen und versuchten, das Unfassbare zu verarbeiten. Der millionenschwere Volkswagen-Club ist aus der Fußball-Bundesliga abgestiegen. Das Team von Trainer Dieter Hecking hat die Relegation gegen den SC Paderborn auf […] (03)
vor 4 Stunden
bitcoin, crypto, finance, coins, money, currency, cryptocurrency, blockchain, investment, closeup
SUI macht einen bedeutenden Schritt in Richtung Mainstream-Finanzadoption, da Grayscale sein digitales Asset-Portfolio mit einem speziellen ETF erweitert, der an das schnell wachsende Blockchain-Netzwerk gebunden ist. Dieses neue Anlageinstrument bietet institutionellen und traditionellen Marktteilnehmern eine regulierte Möglichkeit, in SUI zu […] (00)
vor 37 Minuten
SurfaceTechnology GERMANY 2026: Intensive Gespräche und fachlicher Austausch
Hilden, 25.05.2026 (PresseBox) - Die SurfaceTechnology GERMANY 2026 vom 5. bis 7. Mai auf dem Messegelände in Stuttgart unterstrich ihre Position als zentraler Treffpunkt für die internationale Oberflächentechnik-Community. Über 4.600 Fachbesucher aus aller Welt informierten sich an den drei Messetagen an den Ständen der rund 210 nationalen und […] (00)
vor 13 Stunden
 
Klassenraum in einer Schule (Archiv)
Osnabrück - Der Wirtschaftsweise Achim Truger hat die hohe Zahl an Beamten in […] (14)
Friedrich Merz am 21.05.2026
Berlin - Der frühere Außenminister Joschka Fischer (Grüne) wirft Kanzler Friedrich […] (04)
Türkei geht gegen Opposition vor
Ankara (dpa) - Seit der gerichtlichen Absetzung des Chefs der größten […] (00)
Marco Rubio (Archiv)
Neu-Delhi - US-Außenminister Marco Rubio hält den baldigen Abschluss eines Abkommens […] (06)
Ambitionierte Ziele der Deutschen Bahn Die Deutsche Bahn (DB) hat sich das Ziel […] (00)
Review: Scapade AirPass – Reisepasshülle mit Apple Find My Tracking
Die Scapade AirPass wirkt auf den ersten Blick wie ein klassisches Reise-Accessoire: […] (00)
Rocket League zeigt plötzlich die Zukunft – und sie läuft auf Unreal Engine 6
Manche Spiele verschwinden irgendwann leise. Andere erfinden sich immer wieder neu. […] (00)
Hitzestau? Sonys körpernahe mobile Klimaanlage kühlt dich ab!
Eine Klimaanlage als Wearable? Ja, die gibt’s wirklich, und das schon seit 2019. […] (02)
 
 
Suchbegriff