Supermärkte - die Superspreader

Ob Maske, Abstand halten oder seit neuestem auch Schnelltests vor dem Restaurantbesuch: um eine explosionsartige Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern wurden schon viele Maßnahmen getroffen. Besonders kritisch gesehen wurden öffentliche Veranstaltungen im Bereich Sport und Kultur, weshalb zum Beispiel die Bundesliga ohne Fans in den Stadien stattfand oder viele Konzerte oder Festivals abgesagt wurden.
Da sich das Virus von Mensch zu Mensch verbreitet scheinen diese Maßnahmen am Ende sinnvoll, da gerade bei den genannten Veranstaltungen sehr viele Personen auf engstem Raum aufeinandertreffen. Doch wie sieht die Ansteckungsgefahr eigentlich an anderen Orten, an denen viele Menschen aufeinandertreffen, aus? Denn viele Menschen auf engem Raum finden sich zum Beispiel auch in Supermärkten wie Lidl, Aldi, Kaufland und Co.
Und tatsächlich: bereits Ende Oktober letzten Jahres veröffentlichen Forscher der Harvard University eine Studie, die Superspreader-Potenzial bei Supermärkten feststellte. Jetzt liegt eine neue Studie von Forschern der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf vor, die in eine ähnliche Kerbe schlägt - Grund genug, sich das Ganze einmal genauer anzuschauen.
Supermärkte als Superspreader? Das sagt die Wissenschaft
Die Zahlen des Robert-Koch-Instituts gaben immer recht genauen Aufschluss darüber, wie viele Menschen sich zu einem beliebigen Zeitpunkt mit dem Coronavirus infiziert hatten. Im Gegensatz dazu ließ sich, wenn überhaupt nur schwer nachvollziehen, wo genau sich die Personen angesteckt haben. Forscher der Universität Düsseldorf wollten es genauer wissen und gingen dieser Frage mit einem neuen Verfahren auf den Grund.
Bei diesem neuen Verfahren handelt es sich um die sogenannte Echtzeit-Sequenzierung. Bei diesem Verfahren stellen die Forscher das Genom des Virus in den Mittelpunkt, also vereinfacht gesagt der genetische Fingerabdruck des Virus, den man sich wie einen Barcode vorstellen kann - also eine eindeutige Abfolge aus wiederkehrenden Elementen. Findet man dieses Genom bei zwei Personen kann man davon ausgehen, dass diese sich gegenseitig oder bei der gleichen Quelle angesteckt haben.
In Zusammenarbeit mit dem Uniklinikum Düsseldorf und dem städtischen Gesundheitsamt konnten die Forscher mit dieser Methode Infektionsketten genauer nachvollziehen und dadurch auch Orte ausmachen, an denen die Ansteckungsgefahr scheinbar besonders hoch war.
Und diese Untersuchung förderte durchaus interessante Erkenntnisse zu Tage: neben einem Testzentrum oder einem Altenheim wurden vor allem auch Supermärkte als Quelle für Ansteckungen ausgemacht. Allerdings geben die Ergebnisse nicht unbedingt her, Supermärkte deswegen gleich als Superspreader-Orte zu benennen. Doch in Kombination mit den Erkenntnissen der eingangs bereits erwähnten Studie der US-Forscher aus Harvard, nach der 20 Prozent des Personals eines Supermarkts mit mehr als 100 Mitarbeitern infiziert war, sind diese Erkenntnisse durchaus ernst zu nehmen.
Die genannten Studien haben jedoch nicht nur bei Supermärkten, sondern auch bei anderen Einrichtungen interessante Erkenntnisse zu Tage gebracht. Welche das sind erläutern wir im nächsten Abschnitt.
Wie schneiden Supermärkte im Vergleich zu anderen öffentlichen Einrichtungen ab?
Supermärkte als Superspreader? Wer schon einmal einkaufen war, nachdem zum Beispiel im aktuellen Lidl Flugblatt oder in sonstigen Prospekten besonders gute Angebote angekündigt wurden, kann das sicher gut nachvollziehen. Denn in diesen Fällen ist das Gedränge auf den Gängen zwischen den Regalen oft sehr groß - und dementsprechend aufgrund dessen auch mit trotz gutem Willen nicht einzuhaltenden Mindestabstand und Maskenpflicht die Ansteckungsgefahr hoch.
Neben Supermärkten konnten die Düsseldorfer Forscher jedoch auch in einem Altenheim Infektionsketten nachweisen. Ähnliches gelang in einem Fitnessstudio, wo gleich mehr als ein Dutzend Infektionen nachgewiesen werden konnten. Kurioserweise kam es auch in einem Testzentrum zu Ansteckungen - wer schon einmal die Schlangen vor einem solchen Testzentrum gesehen hat, findet das möglicherweise auch weniger überraschend.
Vor diesem Hintergrund stellt sich eine wichtige Frage. Und zwar die, ob die neuen Erkenntnisse auch zu Anpassungen der bestehenden Maßnahmen führen werden - beziehungsweise ob die Verantwortlichen bei einer möglichen nächsten Infektionswelle in Anbetracht der neuen Erkenntnisse zusätzliche Maßnahmen beschließen könnten.
Was könnten die neuen Erkenntnisse für die bestehenden Maßnahmen bedeuten?
Aktuell sieht es ja endlich so aus, als wäre das gröbste in Sachen Corona überstanden - die Infektionszahlen sinken, gleichzeitig steigt die Zahl der Geimpften. Deswegen hat das Robert Koch-Institut erst vor kurzem die Risikobewertung für Deutschland herabgesetzt. Vor diesem Hintergrund scheint es nicht sehr wahrscheinlich, dass die neuen Erkenntnisse zu neuen Maßnahmen führen werden.
Anders sieht es jedoch aus, wenn die Zahlen wieder steigen sollten - dann könnten für Supermärkte wie Aldi, Lidl, Kaufland und andere Ketten möglicherweise härtere Beschränkungen gelten. So könnte zum Beispiel die Anzahl der Kunden, die sich gleichzeitig im Markt aufhalten dürfen, weiter eingeschränkt werden. Auch noch schärfere Hygienemaßnahmen wären hier denkbar. Doch es bleibt zu hoffen, dass diese Überlegungen gar nicht erst nötig werden - und das Schlimmste tatsächlich überstanden ist.

