Stuttgart 21: Ein Bauprojekt mit Herausforderungen und Chancen
Das Bahnprojekt Stuttgart 21, bekannt für seine ambitionierten Ziele und zahlreichen Verzögerungen, sieht sich erneut mit einer unsicheren Zukunft konfrontiert. Ursprünglich war die Inbetriebnahme für 2019 geplant, doch inzwischen ist der Dezember 2026 das neue Ziel, das jedoch zunehmend als unsicher gilt. Als Reaktion auf drohende Einschränkungen für Fahrgäste, wenn die Bauarbeiten im kommenden Jahr an Intensität zunehmen, wurde eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, um eine möglichst reibungslose Inbetriebnahme zu gewährleisten. Am Freitag soll der Lenkungskreis über erste Ergebnisse informiert werden. Es mehren sich jedoch die Anzeichen, dass der aktuelle Zeitplan abermals ins Wanken gerät.
Die Digitalisierung des Stuttgarter Bahnknotens stellt eine der größten Hürden dar. Stuttgart 21 ist das erste Projekt in Deutschland, das eine vollständige Digitalisierung mit dem ETCS-Zugsicherungssystem umsetzt. Der Verzicht auf klassische Lichtsignale ist ein Novum. Die Ausbauarbeiten für die Digitaltechnik hinken hinterher, was die Bahn in den jüngsten Sitzungsunterlagen auf Engpässe bei Kapazitäten und Materialien zurückführt. Die Implementierung des digitalen Bedienprogramms verzögert sich zudem über den geplanten Eröffnungstermin hinaus, was zu operativen und qualitativen Einschränkungen führen könnte.
Ein weiteres bedeutendes Problem bildet der Anschluss der neuen Infrastrukturen an bestehende Bahnstrecken, wofür umfangreiche Sperrungen erforderlich sind. Besonders stark betroffen ist der Bereich um Bad Cannstatt, ein wesentlicher Knotenpunkt für den gesamten Verkehr in Richtung Ulm und München. Die Fahrgäste werden sich auf zusätzliche Sperrungen einstellen müssen, während das Verkehrsministerium Baden-Württembergs von einem erhöhten Maß an Unannehmlichkeiten spricht. Die Deutsche Bahn hat eine Verdopplung der Sperrpausen für 2026 im Vergleich zu 2025 angekündigt, was die Situation weiter verschärfen könnte.
Der Zeitplan für die Fertigstellung Ende 2026 steht angesichts dieser Herausforderungen auf der Kippe. Der Lenkungskreis hat die Deutsche Bahn aufgefordert, zusammen mit den Projektpartnern alternative Inbetriebnahme-Konzepte zu entwickeln, um die Auswirkungen so minimal wie möglich zu halten. Ein vollständiger oder teilweiser Start des Projekts wird derzeit erörtert, wobei die Option, dass ein Teil der Züge den neuen Tiefbahnhof bereits nutzt, während andere noch am alten Kopfbahnhof enden, als wahrscheinlichstes Szenario gehandelt wird.
Neben dem Zeitfaktor bleibt auch die Kostenentwicklung eine zentrale Debatte. Die zuletzt veranschlagten Kosten von 11,3 Milliarden Euro übersteigen die ursprünglichen Pläne deutlich. Ein Puffer von 500 Millionen Euro ist fast ausgeschöpft. Der Umgang mit diesen Mehrkosten führt weiterhin zu juristischen Auseinandersetzungen, nachdem ein Finanzierungsvertrag aus 2009 nur die Verteilung von Kosten bis zu 4,5 Milliarden Euro regelt. Die Bahn hat die Partner auf Kostenbeteiligung verklagt, war jedoch vor dem Verwaltungsgericht nicht erfolgreich und plant, Rechtsmittel einzulegen, da sie von einer gemeinsamen Verantwortung ausging.

