Straßenschlachten: Auf dem Tahrir-Platz fließt Blut

02. Februar 2011, 22:54 Uhr · Quelle: dpa

Kairo/Washington (dpa) - Ägypten am Scheideweg: Anhänger von Staatschef Husni Mubarak sind am Mittwoch mit brutaler Gewalt auf Regimegegner losgegangen. Nach der Ankündigung Mubaraks, sich zurückzuziehen, eskalierte die Lage.

Die Armee ist nun für viele Ägypter die letzte Hoffnung, einen Bruderkampf und Blutvergießen zu verhindern. Mindestens ein Toter und mehr als 600 Verletzte, lautete die offizielle Bilanz der Übergriffe am Mittwoch auf dem Tahrir-Platz. US-Präsident Barack Obama drängte Mubarak in einem Gespräch zum sofortigen Rückzug.

Das Außenministerium in Kairo entgegnete darauf, es sei «nicht akzeptabel, dass ausländische Offizielle den sofortigen Beginn der Übergangsphase fordern». Die Staatengemeinschaft reagiert entsetzt auf die Exzesse. Am späten Abend herrschte im Zentrum der Stadt gespannte Ruhe, vielerorts hatten Demonstranten Schutzwälle aufgebaut.

Außenminister Guido Westerwelle drohte Ägypten mit Konsequenzen von Seiten der internationalen Gemeinschaft bei weiteren Übergriffen gegen Demonstranten. Am Abend telefonierte er mit dem ägyptischen Vizepräsidenten Omar Suleiman, um ihm zu erklären, dass Deutschland diese Übergriffe «mit großer Sorge» verfolge. Der Minister forderte im «heute-journal» des ZDF, dass die Gewalt gegen Demonstranten ein Ende haben müsse. «Es ist aus unserer Sicht in keiner Weise hinnehmbar, dass Schlägertruppen friedliche Demonstranten niederknüppeln.» Der Weg zur Demokratie müsse in Ägypten «friedlich besprochen» werden. «Und zu diesem Dialog fordern wir die ägyptische Regierung auf», sagte er. Zuvor hatte der Minister erstmals mit Oppositionsführer Mohammed el Baradei telefoniert.

Angesichts der Exzesse forderte Oppositions-Vertreter Mohammed el Baradei die Armee auf, weitere Angriffe der Mubarak-Anhänger auf die Demonstranten zu unterbinden. Die Armee müsse eingreifen, um das Leben ägyptischer Bürger zu schützen, sagte El Baradei in einem Interview mit dem arabischen Nachrichtensender Al-Dschasira. «Es gibt eindeutige Beweise, dass die Polizei ihre Männer in Zivilkleidung auf die Demonstranten gehetzt hat», sagte der Friedensnobelpreisträger.

Schlägertrupps und knüppelschwingende Reiter auf Kamelen und Pferden stürmten in die zunächst friedlich demonstrierende Menge. Anti-Mubarak-Demonstranten nahmen mehrere Angreifer fest und übergaben sie den Soldaten, die am anderen Ende des Platzes standen. Die Kontrahenten bewarfen sich aus nächster Nähe mit voller Wucht mit Steinen. Das Militär, das sich zunächst zurückgehalten hatte, setzte schließlich Wasserwerfer ein, um das Treiben zu beenden.

Augenzeugen berichteten, mehrere Männer hätten auf eine ausländische Journalistin eingeschlagen. Anwohner retteten die Frau, indem sie sie in eine Nebenstraße zogen. Mohammed Omar, ein Fotograf der European Pressphoto Agency (EPA), wurde während der Auseinandersetzungen, die er am Ägyptischen Museum fotografierte, am Kopf verletzt. Nach Angaben von Kollegen nahmen ihn Soldaten in Gewahrsam. Berichte über die Festnahme einer ZDF-Journalistin bestätigten sich nicht.

Die Organisation Reporter ohne Grenzen (ROG) verurteilte die Übergriffe als «besonders schockierend». Wie die Organisation am Mittwochabend in Paris mitteilte, wurden mehrere Berichterstatter geschlagen und ihrer Ausrüstung beraubt. Betroffen seien Mitarbeiter von Sendern wie BBC, Al-Dschasira, CNN, Al-Arabija und ABC News. Auch Polizisten sollen zu den Tätern gehört haben. ROG-Generalsekretär Jean-François Julliard forderte eine entschlossene Reaktion des Auslands. «Diese Angriffe scheinen Racheakte gegen internationale Medien zu sein, die die Forderungen der Demonstranten nach einem Rücktritt Mubaraks übermitteln», sagte er.

Etwa 4000 Anhänger von Mubaraks Nationaldemokratischer Partei (NDP) waren am Nachmittag auf den Tahrir-Platz in Kairo geströmt, um die Regimegegner zu vertreiben. Die Armee hatte zuvor vergeblich an die Menschen appelliert, die Demonstrationen zu beenden. Die Forderungen der Jugend seien verstanden worden, erklärten die Streitkräfte im Staatsfernsehen. Die Botschaft sei angekommen. Vizepräsident Suleiman forderte die Demonstranten am Abend auf, ihren Protest zu beenden. «Für den Dialog mit den politischen Kräften müssen die Demonstrationen aufhören und wir müssen zum Alltag zurückkehren.»

Die USA, die UN und die EU verurteilten die Eskalation. Washington sei tief besorgt über Angriffe auf friedliche Demonstranten sowie auf Medienvertreter, sagte Regierungssprecher Robert Gibbs. Gleichzeitig rief er die Konfliktparteien zur Zurückhaltung auf.

US-Präsident Barack Obama habe in seinem Gespräch mit Mubarak am Vortag klar gemacht, «dass die Zeit für einen Übergang gekommen ist», sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Robert Gibbs. Zu der Erklärung Obamas vom Vortag, dass ein geordneter Übergang «jetzt» beginnen müsse, sagte der Präsidentensprecher am Mittwoch: «Jetzt» hat gestern angefangen.»

EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton forderte Mubarak zu Gesprächen mit der Opposition auf. Israel macht sich angesichts des erwarteten Machtwechsels in Ägypten Sorgen um die Zukunft seines mehr als 30 Jahre alten Friedensabkommens mit dem Nachbarland.

Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy forderte den umgehenden Beginn eines «konkreten Übergangsprozesses». Sein Land unterstütze das Streben der Ägypter nach einer freien und demokratischen Gesellschaft, ließ der Staatschef am Mittwoch mitteilen.

Mubarak hatte am Dienstagabend erklärt, er werde bei der Präsidentenwahl im Herbst nicht mehr antreten. Die noch verbleibenden Monate im Amt wolle er für eine «friedliche Machtübergabe» nutzen.

Die Opposition fordert hingegen den sofortigen Rücktritt des 82-Jährigen. Die Jugendbewegung 6. April kündigte an: «Wir setzen die Proteste fort, bis unsere Forderungen erfüllt sind, besonders die Forderung nach dem Rücktritt Mubaraks und seines Regimes.»

Unruhen / Regierung / Ägypten
02.02.2011 · 22:54 Uhr
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