Spanien auf dem WM-Thron - 1:0 gegen Holland

12. Juli 2010, 08:14 Uhr · Quelle: dpa
Johannesburg (dpa) - Spaniens WM-Held Andrés Iniesta sank jubelnd auf die Knie, Torhüter Iker Casillas vergoss Freudentränen und auf der Tribüne nahm Königin Sofia die Glückwünsche von Hollands Kronprinz Willem-Alexander entgegen.

Mit seinem späten Treffer in der 116. Minute zum 1:0 (0:0)-Sieg im Final-Showdown gegen die Niederlande hat der Mittelfeldregisseur vom FC Barcelona den Iberern einen historischen WM-Triumph beschert und das Land des Europameisters in den siebten Fußball-Himmel geschossen. «Weltmeister! Das ist unglaublich, unfassbar, einfach ohne Worte. Wir werden das jetzt genießen», sagte der überwältigte Matchwinner Iniesta.

Erstmals in der 80-jährigen WM-Geschichte und als achtes Team überhaupt eroberten die Spanier den Titel, den auch Trainer Vicente del Bosque ausgelassen bejubelte: «Es war ein hartumkämpfter Sieg, aber wir haben fantastische Spieler. Wir hätten das eine oder andere Tor mehr schießen können. Der Sieg war hoch verdient. Für mich ist das ein ganz glücklicher Tag. Ich bin stolz.»

Wie schon 1974 gegen Deutschland (1:2) und 1978 gegen Argentinien (1:3 n.V.) standen die «weinenden Holländer», die zuvor 25 Spiele nicht verloren hatten, mit leeren Händen da. Konsterniert verfolgten sie, wie die Spanier aus den Händen von Südafrikas Präsident Jacob Zuma und FIFA-Chef Joseph Blatter den WM-Pokal in Empfang nahmen und danach ausgelassen auf dem Rasen feierten. «Es ist so enttäuschend. Wir waren so nah dran. Ich hätte gerne gewonnen, auch mit nicht so schönem Fußball. Spanien ist die beste Fußball-Nation. Das bessere Team hat gewonnen», sagte «Oranje»-Coach Bert van Marwijk.

Auch Mittelfeld-Abräumer Nigel de Jong haderte mit dem Schicksal: «Die Enttäuschung ist sehr groß. Wir haben alles gegeben, aber es hat nicht geklappt, auch wegen einer unglaublichen Schiedsrichter- Entscheidung. Vor dem Tor hätte es Ecke für uns geben müssen», sagte der frühere Bundesligaprofi vom Hamburger SV.

Als drittes Team nach Deutschland (1972/1974) und Frankreich (1998/2000) können sich die Spanier gleichzeitig mit den zwei wichtigsten Titeln schmücken: Sie sind nun Welt- und Europameister. Zudem sind die Südeuropäer die erste Mannschaft, die nach einer Auftaktniederlage noch den ganz großen Coup landen konnte.

32 Jahre hatten die Holländer auf ein Finale warten müssen, die Spanier standen gar erstmals im Endspiel. Doch ein rauschendes Fußball-Fest wurde es nicht. Spaniens Königin Sofia und Kronprinz Felipe sowie Hollands Prinz Willem-Alexander und Prinzessin Maxima bekamen wenig «Majestätisches» zu sehen. Statt hoher Spielkunst erlebten die 84 490 erwartungsfrohen Zuschauer eine zum Teil üble Treterei mit zwölf Gelben Karten - so viele wie in keinem der vorangegangenen 18 Endspiele - und Gelb-Rot für den Niederländer John Heitinga (109.).

Erst in der Verlängerung, als beide Teams dem erbitterten Kampf um jeden Zentimeter Tribut zollen mussten, ergaben sich Räume und mehr Chancen. Bei einem Foul an Xavi (92.) gab Schiedsrichter Howard Webb zum Unmut der Spanier keinen Elfmeter. Cesc Fabregas (95.) scheiterte frei an Holland-Keeper Maarten Stekelenburg. Auf der Gegenseite verpasste Joris Mathijsen (96.) das ersehnte Tor, welches auch Jesus Navas (101.) verwehrt blieb. Iniesta avancierte dann mit einem Schuss ins linke untere Eck zu Spaniens WM-Held.

Der Europameister, bei dem Pedro im Angriff wie schon beim 1:0- Halbfinalsieg gegen Deutschland den Vorzug vor Fernando Torres erhielt, begann die Partie stürmisch. Sergio Ramos (5.) bot sich die frühe Chance zur Führung, doch Stekelenburg parierte den Kopfball des Außenverteidigers von Real Madrid in großem Stil. Bei einem weiteren gefährlichen Vorstoß des 24-Jährigen rettete Innenverteidiger Heitinga (11.). Nur 60 Sekunden später traf Spaniens Torjäger David Villa, der wie Wesley Sneijder leer ausging und den Goldenen Schuh für den besten WM-Torschützen Deutschlands Shootingstar Thomas Müller überlassen musste, das Außennetz.

Von spielerischer Leichtigkeit war auf beiden Seiten nichts zu sehen, stattdessen ging es rustikal zur Sache. Härte und viele Nickligkeiten bestimmten die Szenerie. Webb, der als vierter Engländer ein WM-Finale leiten durfte, hatte alle Hände voll zu tun und verteilte vor Ablauf der ersten halben Stunde bereits fünf Gelbe Karten. Die der Niederländer Mark van Bommel und vor allem de Jong, der Xabi Alonso mit einem Kung-Fu-Tritt niederstreckte, schimmerten Rot.

Auf eine torgefährliche Aktion mussten die Fans - unter ihnen Startenor Placido Domingo, Hollywood-Schauspieler Morgan Freeman und Tennisstar Rafael Nadal - bis in die Nachspielzeit der ersten Hälfte warten. Robben zog von der Strafraumgrenze mit links ab, doch Casillas hechtete ins bedrohte Eck und lenkte den Ball um den Pfosten.

Die Startphase nach dem Wechsel gehörte wieder den Spaniern. Joan Capdevila (48.) verstolperte frei vor Tor, Xabi Alonso (49.) wurde im Strafraum von van Bommel elfmeterreif gestoppt. Die größte Chance des Spiels bot sich dann jedoch «Oranje». Sneijder schickte Robben mit einem Traumpass auf die Reise, doch dem Bayern-Star versagten frei vor Casillas die Nerven. Statt zu lupfen schoss Robben flach - und Spaniens Torhüter bekam noch einen Fuß an den Ball.

Kaum besser erging es auf der anderen Seite Villa. Nach einem Fehler von Heitinga kam der 40-Millionen-Euro-Mann vom FC Barcelona frei zum Schuss, traf aber nur Hollands am Boden liegenden Verteidiger. 13 Minuten vor Ultimo raufte sich Ramos die Haare, nachdem er den Ball aus fünf Metern über den Kasten geköpft hatte.

Am Ende durften sich die Spanier trotzdem den WM-Pokal abholen, den Italiens Weltmeister-Kapitän von 2006, Fabio Cannavaro, eine Viertelstunde vor dem Anpfiff auf den Rasen des Soccer City-Stadiums getragen hatte. Kurz darauf sorgte eine Flitzer-Attacke für Aufregung im weiten Rund: Ein Fan aus Spanien, der schon das Finale beim Eurovision Song Contest in Oslo gestört hatte, stürmte auf den Pokal zu und konnte erst in letzter Sekunde von Sicherheitskräften überwältigt und abgeführt werden.

Fußball / WM / Südafrika
12.07.2010 · 08:14 Uhr
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