Sanofi holt Merck-Chefin Garijo – abruptes CEO-Aus in Paris
Sanofi zieht die Reißleine
Paul Hudson wird Sanofi bereits zum 17. Februar verlassen. Offiziell läuft sein Vertrag aus, faktisch kommt es zu einem vorzeitigen Abschied. Belén Garijo soll nach der Hauptversammlung Ende April, am 29. April, die Führung übernehmen – als erste Frau an der Spitze des französischen Pharmariesen.
Bis dahin übernimmt Verwaltungsratsmitglied Olivier Charmeil übergangsweise.
Der Markt reagierte skeptisch: Die in Paris notierte Sanofi-Aktie verlor rund sechs Prozent. Die Merck-Aktie legte leicht zu.
Hintergrund: Stockende Forschung und hoher Handlungsdruck
Der CEO-Wechsel ist ein klares Signal: Sanofi steht unter strategischem Druck. Die Forschungs- und Entwicklungsstrategie (F&E) des Konzerns geriet zuletzt ins Stocken. Mehrere Studienergebnisse – darunter beim Multiple-Sklerose-Wirkstoff Evobrutinib – enttäuschten.
Zudem läuft Anfang der 2030er-Jahre der Patentschutz für das Blockbuster-Medikament Dupixent aus – ein zentrales Standbein der Profitabilität. Der Konzern investierte 2025 rund 7,8 Milliarden Euro in F&E. Zum Vergleich: AstraZeneca lag bei 12,6 Milliarden Euro.
Die Erwartungen an Garijo sind daher klar umrissen: höhere F&E-Produktivität, stringente Strategieumsetzung und Beschleunigung des Wachstums durch gezielte Zukäufe.
Garijo: erfahrene Strategin mit Transatlantik-Profil
Die 65-jährige Spanierin bringt ein starkes internationales Profil mit. Vor ihrer Zeit bei Merck war sie bereits 15 Jahre bei Sanofi tätig. Seit 2021 führte sie den Darmstädter Dax-Konzern als CEO.
Unter ihrer Leitung schloss Merck als eines der ersten europäischen Pharmaunternehmen einen Preisdeal mit der US-Regierung unter Präsident Trump. Auch die rund drei Milliarden Euro schwere Übernahme von Springworks Therapeutics wurde am Kapitalmarkt positiv aufgenommen.
Kritisch gesehen wurde allerdings, dass ein größerer Zukauf im Life-Sciences-Bereich bislang ausblieb.
Der Merck-Aktienkurs entwickelte sich während ihrer Amtszeit verhalten. Belastend wirkten unter anderem Lagerbestandsanpassungen im Life-Sciences-Segment nach der Pandemie.
Warum verlässt Garijo Merck?
Garijos Vertrag bei Merck endet regulär. Dennoch wirft der Wechsel Fragen auf. Sie stand in engem vertraglichem Verhältnis zur Eigentümerfamilie. Eine Altersgrenze für den CEO-Posten existiert bei Merck nicht.
Ihre Nachfolge tritt zum 1. Mai Kai Beckmann an, bisher Chef der Elektroniksparte. Merck setzt damit auf eine interne Lösung und Kontinuität.
Insider berichten, das Angebot aus Paris sei kurzfristig gekommen – nachdem feststand, dass Garijo Merck verlassen würde.
Strategische Weichenstellung für Sanofi
Verwaltungsratschef Frédéric Oudéa betont, Garijo bringe das Profil mit, um „das Tempo zu erhöhen“ und den nächsten Wachstumszyklus einzuleiten. Analysten sehen im CEO-Wechsel ein klares Zeichen, dass die Transformation in Forschung und Entwicklung entweder zu langsam vorankam oder strategisch neu ausgerichtet werden muss.
Sanofi sucht aktiv nach Übernahmen, um die Pipeline zu stärken. Der Handlungsdruck ist hoch – nicht zuletzt aufgrund der bevorstehenden Patentabläufe.
Markt bewertet Risiko – aber auch Chance
Die negative Kursreaktion bei Sanofi spiegelt kurzfristige Unsicherheit wider. Ein abruptes CEO-Aus signalisiert strategische Unzufriedenheit. Gleichzeitig eröffnet der Wechsel die Möglichkeit eines Neuanfangs.
Für Investoren wird entscheidend sein, wie schnell Garijo konkrete Prioritäten setzt – insbesondere bei F&E-Investitionen, Portfoliofokus und M&A-Strategie.
Die Personalie markiert mehr als nur einen Führungswechsel. Sie ist ein strategisches Statement in einem global hochkompetitiven Pharmamarkt, in dem Innovationsgeschwindigkeit über Milliardenwerte entscheidet.


