Trends der Zukunft

Rohstoff-Spekulationen - Wie Allianz und Co. unser Essen verzocken

25. Februar 2013, 11:20 Uhr · Quelle: Trends der Zukunft

Es ist eine Debatte, die so schnell wohl nicht enden wird. Lebensmittel werden teurer, das Benzin erreicht immer neue Rekordpreise und wir Verbraucher müssen einmal mehr tiefer in die Tasche greifen.

Die wachsende Bevölkerungszahl sei Schuld, heißt es dann. Und die damit verbundene gestiegene Nachfrage. Die Rohstofflager lichten sich, also gehen die Preise nach oben. So weit, so logisch. Doch so einfach ist es eben nicht. Die Kornkammern sind voll und der Verbrauch normal. Trotzdem erklimmen die Preise immer neue Sphären.

Der Grund für diese abnormale Entwicklung sind Spekulationen mit unserem kostbarsten Gut, den Lebensmitteln. In kleinem Maße wirkt der Rohstoffhandel preisstabilisierend, im großen Stil bewirkt er allerdings das genaue Gegenteil. Genau das tun Weltkonzerne wie die Deutsche Bank und die Allianz.

Der Journalist und Autor Harald Schumann hat die Methoden großer Rohstoffspekulanten in seinem neuesten Buch Die Hungermacher aufgeschrieben, das in Kooperation mit der Organisation Foodwatch entstand.

Für seinen Report reiste Schumann durch die Welt, traf sich mit Entscheidungsträgern, fand Verbündete, aber auch viele Gegner. Seine Ergebnisse mischten die Branche auf. Doch nach wie vor gibt es keine Lösung und stattdessen festgefahrene Meinungen.

Das Prinzip der Zockerei

So funktioniert das Geschäft der Rohstoffspekulation: Die Börse verkauft einen hohen Anteil an Agrarrohstoffen an einen Investor – lediglich auf dem Papier, denn in Wahrheit fällt die Ernte viel geringer aus. Die Folge: Die Preise steigen. Zur Freude der Investoren, die ihre Papiere teuer zurückverkaufen.

Die Folge für uns Verbraucher: Alles wird teurer. Getreide, Speiseöl, Zucker und Milch, also die wichtigsten agrarischen Rohstoffe für die menschliche Ernährung, waren im Sommer 2012 auf den Weltmärkten mindestens doppelt so teuer wie zehn Jahre zuvor.

Allein 2010 stiegen laut Weltbank die Nahrungsmittelpreise um mehr als ein Drittel. Wir in den reichen Industriestaaten geben weniger als zehn Prozent unseres Einkommens für Nahrungsmittel aus, da fallen einige Cent kaum ins Gewicht.

Die verheerenden Folgen

In Afrika oder Indien sieht das ganz anders aus. Dort stürzte die Verteuerung allein 2010 schätzungsweise 40 Millionen Menschen in die Armut. Steigen die Preise um ein weiteres Drittel, wie Experten glauben, reißt das nochmals 30 Millionen Menschen in die Armut. Das entspricht der Einwohnerzahl unserer bevölkerungsreichsten Bundesländer Bayern und Nordrhein-Westfalen zusammen.

Bereits heute leidet rund eine Milliarde Menschen auf der Welt Hunger. Unterernährung und damit verbundene Krankheiten sind in 40 Ländern der Erde häufigste Todesursache.

Aber auch an der Zapfsäule tun sich seltsame Dinge: Im Februar 2011 etwa fiel die Ölproduktion in Libyen aus. Damit keine Engpässe entstehen und die Preise steigen, kompensierten Saudi-Arabien und andere OPEC-Staaten den Ausfall. Doch die Preise stiegen trotzdem. Was also war passiert? Schumann ist sich sicher, dass der Preis nur noch auf Spekulationen basierte und absolut nichts mehr mit Angebot und Nachfrage zu tun hatte.

Während Anleger mit ihren Wetten das große Geld scheffelten, waren die Benachteiligten am Ende wieder einmal die Verbraucher an der Zapfsäule.

Der Versicherungskonzern Allianz ist der größte deutsche Anleger im Agrarrohstoff-Bereich. 2011 legte er geschätzte 6,242 Milliarden Euro in Fonds direkt oder indirekt in Agrarrohstoffen an. Oxfam bat die Allianz, Stellung zu ihren Spekulationsgeschäften mit Agrarrohstoffen zu nehmen. Sie wiegelte jedoch ab und führte als Gründe für Preiserhöhungen Bevölkerungswachstum, steigende Nachfrage, Klimawandel und andere Gründe an. Dies trägt sicher dazu bei. Aber nicht einzig und allein.

Und auch die Deutsche Bank mischt fleißig mit: Sie investierte 2011 rund 4,57 Milliarden Euro ins Rohstoffgeschäft und zeigt sich bis heute wenig einsichtig. Erst bei der «Grünen Woche» Anfang des Jahres erklärte sie, den Handel weiterhin betreiben zu wollen. Schließlich gebe es bislang keinen Beweis für einen direkten Zusammenhang zwischen Börsenspekulation und Preisanstieg.

«Die Vorwürfe, die Indexfonds seien Hungermacher und hätten in Ländern der Dritten Welt existenzielle Not ausgelöst, sind nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft nicht haltbar», sagte auch Wirtschaftsethiker Ingo Pies von der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg kürzlich im ARD-Magazin TTT – Titel Thesen Temperamente.

Die Uni hatte Ende 2012 eine Studie vorgelegt, die einen Zusammenhang zwischen den Spekulationen am Markt und Preissteigerungen im Handel widerlegt. Demnach sei der «zivilgesellschaftliche Alarm als Fehlalarm einzustufen». Organisationen wie Oxfam oder Foodwatch sowie einige Ökonomen sehen das anders.

Und was tut die Politik?

Frankreichs ehemaliger Staatspräsident Nicolas Sarkozy machte als erster Staatsmann klar, dass es so nicht weitergehen könne und hob das Thema als einen von drei Punkten auf die G20-Agenda. Er forderte Regeln, die den Einfluss der spekulativen Anleger zurückdrängen, etwa indem sie höhere Sicherheiten zahlen müssten oder die Höhe ihrer Positionen begrenzt werde. Andernfalls «riskieren wir Hungerrevolten in den armen Ländern und schlimme Folgen für die Weltwirtschaft», so Sarkozy damals.

Sein Engagement verlief jedoch im Sand, denn nicht alle G20-Staaten waren davon begeistert – auch Deutschland nicht. Nahrungsmittel dürften nicht «zum Objekt von Zockern werden», forderte Agrarministerin Ilse Aigner noch Anfang 2011 in einem Gespräch mit der Financial Times Deutschland. Ein halbes Jahr später allerdings machte sie einen Rückzieher. Der Einfluss von Spekulationen auf die Preise sei nicht gesichert und konkrete Regeln deshalb in naher Zukunft nicht nötig.

Erste Erfolge

Immerhin scheint der öffentliche Druck mittlerweile so groß, dass selbst die Spekulanten nicht mehr alle so überzeugt sind. Die Commerzbank stieg im Sommer 2012 aus dem Handel aus, schmückt sich damit sogar in ihrem Werbespot. Die DekaBank hat sich zumindest aus dem eigenen Handel zurückgezogen. Die Nahrungsmittelfonds anderer Banken und Gesellschaften werden bei ihr aber weiterhin gehandelt. Die Landesbank Baden-Württemberg beugte sich ebenfalls dem «öffentlichen Druck».

Und die Barclays Bank, bislang größter Akteur auf dem Markt in Europa und Verfechter der Rohstoffspekulationen, kündigte vor wenigen Tagen ebenfalls an, Schluss mit diesem Geschäft zu machen. Es ist also durchaus Bewegung in der Branche. Auch wenn Deutsche Bank und Allianz bisher unbelehrbar weitermachen.

Lesetipp: Harald Schumann, Die Hungermacher – Wie Deutsche Bank, Allianz und Co. auf Kosten der Ärmsten mit Lebensmitteln spekulieren, Fischer Verlag, 9,99 Euro, bereits erschienen.

Aktuelles / Wirtschaft
[news.de] · 25.02.2013 · 11:20 Uhr
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